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Design : Stühle zu Wolkenkratzern: Von Zezschwitz versteigert Stühle aus der Zeit von 1750 bis 2005

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Daß die Gestaltung des Sitzmöbels seit jeher die größte Vielfalt kennt, führt eine Auktion in München vor, die deshalb schlicht „Seats“ heißt.

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          Bitte Platz nehmen zur ersten Auktion in Deutschland, die sich ausschließlich Sitzgelegenheiten widmet! Was das Münchner Auktionshaus von Zezschwitz englisch knapp unter „Seats“ ankündigt, entpuppt sich als bunte Parade fester Stühle und weicher Sessel, bequemer Sofas und tiefer Hocker, kantiger Bänke und loungiger Liegen. Mehr als 200 Lose kommen am 25. November unter den Hammer, samt und sonders Produkte genialer Formfinder.

          Weil aber das richtige Sitzen seit Menschengedenken Thema ist - man denke an den Thron, den Stammplatz, den Lieblingssessel - man also theoretisch bei Fred Feuersteins Findlingshocker ansetzen könnte, galt es einen zeitlichen Rahmen abzustecken. Vor 250 Jahren bauten kunstfertige Möbeltischler erlesen gestaltetes Mobiliar höchster handwerklicher Qualität und machten die Barockzeit zur großen Epoche der Möbelkunst. Also beginnt die Auktion mit einem Paar barocker Armlehnstühle aus Venedig, einem majestätischen Gewoge aus Muschelwerk, blau und silberfarben gefaßt. Das Finale macht die finnische Liege „Chip Lounge“ von 1996, eine hauchdünne gebogene Schichtholzzunge, die, gewissermaßen mit dem Po direkt auf dem Boden sitzend, das geteilte Ende zwecks bequemer Beinablage anhebt.

          Der Zukunft entgegen oder zurück in die Vergangenheit

          Zwischen Roccaillen und Minimalismus gaben Schreiner, Architekten und Designer dem Stuhl unerschöpflich faszinierende Formen. Die Entwicklung neuer Techniken und Materialien tat ein übriges, läßt eben noch undenkbare Lösungen zu. Erst gelang es in Thonets kochendheißen Dampfkammern, Holzstäbe rund zu biegen, dann schwang sich Stahlrohr frei, und heute schmiegen sich hochwertige Kunststoffe dem Körper an und der Zukunft entgegen.

          Anders der Historismus, der sich die Glanzleistungen vergangener Epochen vornahm. Emanuel Seidl präsentierte 1898 im Münchner Glaspalast einen „Römischen Wohnraum“, ein Gesamtkunstwerk vom Stuckgewölbe bis zum Mosaikbrunnen. Das Stuhlmodell dazu ist schwarz mit „pompejanischer“ Bemalung (Taxe 2800 Euro). In Belgien schwelgt zur gleichen Zeit Gustave Serrurier-Bovy in reicher Jugendstilorganik auch am Armlehnstuhl (4800 Euro), desgleichen Henry van de Velde am Mahagoni-Kirsch-Armlehnstuhl (16000), bis er 1904 symmetrisch abstrakte Strenge im Weimarer Heim des Nietzsche-Jüngers Max von Münchhausen walten ließ (den angebotenen Eßzimmerstuhl preisen 22000 Euro aus).

          Derweil geht in Wien Adolf Loos radikal vereinfachende Wege; keine Ausnahme macht da ein ihm erst spät nachgewiesener Speisezimmerstuhl mit originalem, altersgegerbtem Lederbezug (6500). Und noch zwei bislang Unbekannte: Kerzengerader Rücken, gefüllt mit Rautenornament, führte auf die Spur Hans Ofners, eines Josef-Hoffmann-Schülers und offensichtlichen MacKintosh Bewunderers (3000). Und Vergleiche von Ornamentschnitzereien erweiterten Josef Maria Olbrichs OEuvre um einen Stuhl, dessen Brandstempel „Kurhaus“ auf Wiesbadens Etablissement hindeuten könnte.

          Auschweifendes aus superzartem Nylongespinst

          M. H. Baillie Scott verwandelte einen mittelalterlichen Brettstuhl in ein zeitgemäßes zierliches Sitzmöbel, das zur Ikone der Arts and Crafts Bewegung aufstieg (zwei Stück, je 7000 Euro). Bernhard Pankok entwarf das wertvollste Stück der Auktion: Auf 35000 Euro schätzt man den Polstersessel mit hoher ausschweifender Lehnschale aus dem Ensemble eines 1902 in Turin gezeigten, danach verschwundenen Damensalons. Kürzlich fanden sich Wand- und Deckenverkleidung desselben in einer Berliner Villa. Die war 1945 Sitz eines amerikanischen Offiziers geworden, der den gemütlichen Sessel nach Amerika mitnahm. Back in Germany, feiert man das Stück als „glänzendes Juwel des deutschen Jugendstils“, weil die ausschweifende Form und ein sparsam geschnitztes Blumendekor das französische Art déco mehr als zwanzig Jahre vorwegnimmt.

          „Es ist schwerer, einen guten Stuhl zu bauen als einen Wolkenkratzer“ meinte Ludwig Mies van der Rohe - ihm ist es gelungen, und gleich mehrfach. Fast achtzig Jahre schon behauptet sich die schlichte Eleganz seiner zeitlos schönen Stahlrohrklassiker und des „Barcelona Chair“ von 1929. Wenige Jahre nach der Weltausstellung datiert das Exemplar, das bis zum roten Lederbezug im Originalzustand antritt - das kostet schätzungsweise 24000 Euro.

          Ausrangierte Politikersitze

          Berühmte Besitzer erhöhen die Neugier auf unscheinbare Sitze; man stellt sich vor, wie der Schriftsteller Eugen Roth seinen alten Kaminsessel genoß (700 Euro) oder bewundert die Fortschrittlichkeit des Frankfurter Verlegerehepaars Fischer, sich von Max Bill die Villa in Italien bauen zu lassen, auf die Luciano Grassi und Kollegen 1958 einen Sessel aus superzartem Nylongespinst in Stahlrohrringen zuschnitten (4000). Wer der Politik nicht überdrüssig ist, könnte mal überlegen, welche Staatsträger wohl zwischen 1968 und dem Ausrangieren auf dem beigebraunen Sofa plauderten, das Egon Eiermann seinem Abgeordneten-Hochhaus in Bonn, dem „langen Eugen“, auf den funktionalistischen Leib schrieb (2400).

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