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DC Open : Marmorstaub und Bizeps

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Der traditionelle Saisonstart beginnt in den rheinischen Galerien auch mit Werken des neunzehnten Jahrhunderts.

          3 Min.

          Was ist eigentlich an der Gegenwartskunst das „Zeitgenössische“, das die Contemporary Art so interessant macht? Keinesfalls nur sie selbst, so lehrt es ist die immer noch zunehmende Anzahl an kurzweiligen Anlässen, bei denen Kunst mit Dinner und Party auf den Markt gebracht wird – wie soeben wieder im Rheinland, wo die „DC Open“ in Düsseldorf und Cologne bei ihrer elften Ausgabe unterschiedliche Reaktionen der Händler hervorgerufen haben. Jene Kooperation über die Stadtmauern hinweg könnte mehr internationales Publikum ziehen, lautet, nicht ganz neu, das Fazit mancher Galeristen bei den Eröffnungen, während andere, bescheidener und wohl auch realistischer in der Einschätzung, damit zufrieden sind, dass sich immerhin die regionalen Kuratoren und Käufer in ihren Ausstellungen blicken lassen.

          Aus Sicht der Künstler besteht ein wesentliches zeitgenössisches Element darin, sich von Stilen, gar Schulen und Traditionen nicht leiten zu lassen, und das führt im Programm der rheinischen Galerien zunächst einmal in die Tiefe des neunzehnten Jahrhunderts – zum Werk von Pierre Puvis de Chavannes (1824 bis 1898), dem Michael Werner mit einer umfangreichen Auswahl an Skizzen, Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden einen imposanten Auftritt verschafft. Der französische Eigenbrötler ließ sich wahrlich nicht vorschreiben, wie ein zeitgemäßes Bild auszusehen habe, und so konnte Van Gogh in einem Brief von 1890 bei diesem Künstler „ein seltsames und glückliches Zusammentreffen von sehr abgelegener Antike und grober Moderne“ bewundern. Viele Arbeiten sind als Vorlagen im Maßstab eins zu eins für Malereien entstanden, darunter mehrere Studien für Bilder der Heiligen Geneviève wie die Skizze eines männlichen Arms mit markantem Bizeps oder die Dreiviertelansicht einer Frau, die auf Picasso vorausweist. Die Werke der Auswahl atmen bisweilen einen Geist schwelgerischer Schönheit, so die landschaftliche Skizze für die „Vision Antique“ oder die Studie des von zartem Licht beschienenen Holzfällers – beide aus den Jahren nach 1885, als dem Maler später öffentlicher Erfolg zuteil geworden war. Fast alle der 87 Arbeiten stammen aus dem Besitz Michael Werners, der sie in den letzten Jahren erworben hat und jetzt zu Preisen von 12.000 bis 562.000 Euro anbietet (bis 26. Oktober; zur Ausstellung ist ein Katalog zum Preis von 38 Euro erschienen).

          Zeitgenössisch ist heute die Reibung an sozialer, politischer Realität, also auch an den Medien. Ein Beispiel dafür liefert der betont stille Beitrag von Megan Francis Sullivan zur Gruppenschau „To confess one must tell lies“ in der Kölner Galerie Clages: Um sich zu bekennen, muss man lügen. Auf zwei großen Papierbögen hat die Künstlerin akkurat und in endloser Wiederholung den Schriftzug „New York Post“ mit der Hand gezeichnet, als solle damit ein Zeichen für Zwischentöne gesetzt und ein Wahrheitsanspruch gegen das dröhnende Boulevardblatt geltend gemacht werden.

          In Düsseldorf zeigt die Galerie Kadel Willborn Abstraktionen von Keltie Ferris, einer Malerin aus New York, die dort bekannter ist als hierzulande und auf ihre Weise noch einmal die Geschichte der amerikanischen Malerei von der New York School bis zu deren postmoderner Bespiegelung seit den siebziger Jahren fortschreibt. Es wimmelt vor Zitaten, die die 1977 in Louisville in Kentucky geborene Malerin durchaus reflektiert und intelligent in eigener Sache einsetzt. Was immer sie mit Pinsel, Spachtel, Rakel und Spray auf die Leinwand bringt, überblendet die Gegenwart des Bildes mit wohligen Flashbacks der vergangenen Jahrzehnte, sie führen zurück etwa zu Arshile Gorky, dem späten De Kooning und, besonders hartnäckig, zu Christopher Wool. Gleichwohl muten ihre Werke nicht nur gekonnt und routiniert an. Indem die Malerin der Farbe dunklen Marmorstaub beimischt, verleiht sie ihren Kompositionen einen eigenen, rußig-rauen Look. Anders die farbleuchtenden Abdrücke des eigenen Körpers, mit denen sie Yves Klein und Andy Warhol in femininer Absicht neu aktiviert, womit sie sich fraglos direkt in der gesellschaftlichen Gegenwart verortet; auch Werke von Katharina Sieverding sieht man hier nachhallen (Preise 8500 bis 60.000 Dollar; bis 26. Oktober).

          Solchem Spiel der Referenzen frönt auch Paul Morrison, britischer Maler des Jahrgangs 1966, der seine Farbpalette auf Schwarz und Weiß reduziert und damit eine ebenso dekorative wie schrille Figuration entwickelt hat. Pflanzen und Blumen, wie sie in die Kunstgeschichte eingegangen sind, bilden sein Sujet, das Bild vom Bild der Flora mithin, das er in Landschaften, Stillleben und Interieurs plaziert – stets stilisiert und in scharfen Kontrasten, die unmittelbar an Bridget Riley und Roy Lichtenstein denken lassen. Auch Morrison lässt solche Assoziationen der jüngeren Kunstgeschichte nicht zufällig aufkommen, er arbeitet gezielt mit ihnen. Bei Van Horn in Düsseldorf prangt ein riesiges – wohlgemerkt gemaltes, nicht gedrucktes – Wandbild mit Löwenzahn und Tulpe, das die gefühlte Größe des Betrachters merklich schrumpfen lässt. Im ersten Augenblick kommt diese Begegnung einem ästhetischen Schock gleich, so schneidig setzt der in Sheffield lebende Künstler den Widerstreit von Figur und Grund ein. In der Einfachheit seiner Bildsprache verbirgt sich aber auch ein trockenen, eben britischer Humor (Preise 900 bis 119.000 Euro; bis 30. Oktober).

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