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DC Open : Im Treibgut des Alltags

  • -Aktualisiert am

Bei der Galerie Wschód (Warschau, Köln) zu erwerben: Maria Lobodas Installation „The Year of Living Dangerously“, 2022, 85.000 Euro Bild: GRAYSC

Die Düsseldorfer und Kölner Galerien starten in die neue Saison, präsentieren eine internationale Kooperation und überraschende Funde.

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          Es muss nicht immer eine dauerhafte Dependance sein, mit der eine Galerie ihren Radius erweitert. Ein temporäres Sharing-Modell erproben seit Anfang des Jahres fünf Galerien aus Warschau, Athen, Tiflis und New York, indem sie ein Ladenlokal im Belgischen Viertel in Köln für drei Jahre anmieten und im Rheinland ausstellen. Der Verbund ist auf den Namen „Echo“ getauft und erhält denn auch nach den ersten Erfahrungen die erwünschte Resonanz in der Szene. Die Initiative geht auf Piotr Drewko, Inhaber der Warschauer Galerie Wschód, und seine Kontakte zu dem Kölner Kollegen Jan Kaps zurück, dessen ehemaliger Standort von dem Joint Venture und seinen weiteren Galerien Bureau, Hot Wheels Athens, LC Queisser und Stereo genutzt wird. Das durchfensterte Lokal an der Roonstraße dient weniger für Malerei als für Skulptur und Installationen wie jene von Maria Loboda – bei den vierzehnten DC Open mit Eröffnungen von rund fünfzig Kölner und Düsseldorfer Galerien an diesem Wochenende.

          Den Beitrag der Documenta-13-Teilnehmerin Maria Loboda, „The Year of Living Dangerously“ (Das Jahr, in dem man gefährlich lebte) nennt man gemeinhin einen mutigen Galerieauftritt, erweckt er doch den Eindruck, als hätte der Rhein die Räume heillos mit Treibgut geflutet; eine Pfütze bedeckt den Boden. Dafür wollen Käufer erst einmal gefunden werden. Zwischen Baumstämmen und Geäst sowie allerlei Trash platziert Loboda Nachbildungen moderner Skulpturen von Brancusi bis Jeff Koons, die sie anlässlich der jüngsten Art Basel tatsächlich am Rheinufer abgelegt hatte. Nicht etwa als Ausdruck von Marktkritik, gibt sie im Gespräch zu verstehen, sondern als Überraschungsmoment, zumal der jeweilige Pegelstand das chaotische Ensemble bisweilen überspülte und verschwinden ließ. Bei Wschód kostet es 85.000 Euro. Die appropriierten Skulpturen sind auch einzeln zu erwerben. (Bis 8. Oktober)

          Bei Max Mayer: Aus der Serie „Wie du mir, so teil ich dir (tit for tat)“ von Maximiliane Baumgartner, 2022, Acryl und Lack auf Aludibond, 125 mal 188 Zentimeter, 9.500 Euro
          Bei Max Mayer: Aus der Serie „Wie du mir, so teil ich dir (tit for tat)“ von Maximiliane Baumgartner, 2022, Acryl und Lack auf Aludibond, 125 mal 188 Zentimeter, 9.500 Euro : Bild: Maximiliane Baumgartner / Galerie Max Mayer

          Das weitere „Echo“-Programm soll sich „dynamisch gestalten“, so Drewko, die teilnehmenden Galerien wechseln. Auf zeitlich begrenzte „Zweigstellen“ mit neudeutsch „Pop-up-Ausstellungen“ genannten Auftritten im Ausland setzt seit diesem Frühjahr auch die Kölner Galerie Gisela Capitain. In diesem September zeigt sie in Rom eine zweite Ausstellung mit Künstlerinnen und Künstlern aus ihrem Programm, will dieses in den kommenden Jahren aber auch an anderen Standorten und in fernen Ländern aufbieten. Mit kuratierten Schauen wolle man Kontakte zu Institutionen intensivieren, ohne sich auf Messebeteiligungen zu verlassen, sagt der Mitarbeiter Jonas Schenk. Zu den DC Open zeigt die Galerie Bilder der New Yorker Malerin Liza Lacroix, die noch einmal auf die Karte eines abstrakten Expressionismus setzt. (Bis Ende September, Preise 20.000 Dollar).

          Einen Besuch lohnt die Schau des 1979 in Antwerpen geborenen Dennis Tyfus in der Galerie JUBG, die, im März 2021 gegründet, von dem Musiker Jens-Uwe Beyer, dem Galeristen Alexander Warhus und dem Künstler Albert Oehlen betrieben wird. Die drei haben sich ein Programm auf die Fahnen geschrieben, in dem sich Kunst und Musik kreuzen. Der belgische Autodidakt Tyfus, Betreiber des Labels „Ultra Eczema“ und ein sarkastischer Geist, hat sich eine Musikbox der besonderen Art ausgedacht: Auf zwei Heimtrainern können die Besucher versuchen, Melodie und Takt des hochgradig enervierenden „Ententanzes“ in Einklang zu bringen, womit Tyfus auf die touristischen Bier-Bikes in seiner Heimatstadt anspielt. In einer Reihe von Zeichnungen, so liebevoll er sie mit dem Buntstift zu Papier bringt, bespöttelt er in schräger Selbstironie das eigene Ich in diversen Phantasmagorien – diese knüpfen an den belgischen Surrealismus aus dem frühen vorigen Jahrhundert an. (Bis 2. Oktober, Preise 2800 bis 38.000 Euro).

          Bei Lucas Hirsch: Simon Mielke, „Untitled“, 2022, Acryl auf Leinwand, 45 mal 60 Zentimeter, 3500 Euro
          Bei Lucas Hirsch: Simon Mielke, „Untitled“, 2022, Acryl auf Leinwand, 45 mal 60 Zentimeter, 3500 Euro : Bild: Simon Mielke / Galerie Lucas Hirsch

          In Düsseldorf zeigt die Galerie Lucas Hirsch die zweite Einzelausstellung von Simon Mielke: „Joggen“. Extrem sparsam gehängt, malt der 1990 geborene Essener Fotos ab, die er mit dem Smartphone aufgenommen hat – eine Wassereis-Maschine, seine Freundin bei der Arbeit am Computer, einen Wirsingkopf, eine durchgesessene Couch in verzerrtem Weitwinkel, einen Yachthafen am Genfer See, wohin er einmal eingeladen worden war. Gejoggt wird in den Bildern indessen nicht. Eine gewisse Beiläufigkeit bekundet sich in den tagebuchähnlichen Impressionen, die sich allerdings an Ansprüchen messen lassen müssten, wie sie etwa von dem polnischen Maler Wilhelm Sasnal seit Längerem vorgegeben worden sind. (Bis 28. Oktober; Preise 3500 bis 4500 Euro)

          Bei JUBG: Dennis Tyfus, aus seiner Serie „Strafstudie 5,5“, 2022, Figur aus Polyurethan auf elektronischem Treppenlift, 38.000 Euro
          Bei JUBG: Dennis Tyfus, aus seiner Serie „Strafstudie 5,5“, 2022, Figur aus Polyurethan auf elektronischem Treppenlift, 38.000 Euro : Bild: JUBG

          Komplexer ist das Bildprogramm von Maximiliane Baumgartner in der Düsseldorfer Galerie Max Mayer. Die Malerin bezieht sich auf Illustrationen zu Johann Bernhard Basedows „Elementarwerk“ von 1744, dessen Postulaten einer Erziehung zur Nützlichkeit des Individuums für die Gesellschaft sie kritisch gegenübersteht. Auf Aludibond gemalt, reagieren ihre Bilder in ihrer Form auf die Treppen der Galerie in der Architektur von Aldo van Eyck, der auch Schulen und Spielplätze entworfen hatte. Eine ungewöhnliche Pointe besteht in den Verkaufsmodalitäten: Für jedes Bild, das aus der Ausstellung den Besitzer wechselt, schenkt die Malerin ein ähnliches einer Bildungseinrichtung, die sie seit ihrer Kindheit bis zur Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste in München besucht hat. (Bis 22. Oktober; Preise 7500 bis 11.000 Euro)

          DC Open, Düsseldorf und Köln, bis Sonntag, 4. September, 17 Uhr

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