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Das Auktionsjahr in Italien : Mit neuen Strategien durch die Krise

Am Ufer: Albert Savinio, „Ulysee“, 1928, 60 mal 81 Zentimeter, für 220.000 Euro bei Farsettiarte. Bild: Farsettiarte/VG Bild-Kunst, Bonn 2021

In Italien brachte das Jahr 2020 den Auktionshäusern Umsatzeinbußen, aber auch einen Digitalisierungsschub und mehr Kunden aus dem Ausland: Die Spitzen.

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          Es sei das schwierigste Jahr seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewesen, heißt es unter den Kunsthändlern in Italien. Um bis zu fünfzig Prozent sind die Umsätze eingebrochen, doch zum befürchteten Annus Horribilis sei 2020 doch nicht geworden: Die von der Corona-Pandemie erzwungenen Einschränkungen hätten Unsicherheiten und Verschiebungen ausgelöst – und zugleich neue Potentiale und Strategien mobilisiert. Dass Auktionen online hätten stattfinden müssen, habe die Digitalisierung beschleunigt, aber auch die Kundenkreise im Ausland – insbesondere in China, Taiwan, Hongkong und Südkorea –, außerdem unter jungen Leuten erweitert. Die Notwendigkeit, in die Kataloge die englische Übersetzung aufzunehmen, habe sich endlich auf ganzer Linie durchgesetzt. Und der traditionelle Vorbehalt der italienischen Sammler gegenüber Erwerbungen, die „auf Distanz“ getätigt würden, schwinde.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die Auktionshäuser Il Ponte in Mailand und Pandolfini in Florenz liegen 2020 mit ihren Umsätzen in Höhe von 22,5 Millionen respektive 23,1 Millionen Euro, inklusive Aufgeld, fast gleichauf; 2019 hatten sie mit 32 respektive 46 Millionen Euro abgeschlossen. Trotz unzähliger Herausforderungen habe die Nachfrage von Seiten des Markts nicht nachgelassen. Dass Kunstmessen ausgefallen und Museen geschlossen worden seien, habe auch Verkäufe zu den Auktionshäusern umgeleitet. Viele Kunden hätten endlich Zeit gefunden, ihre Sammlungen zu ordnen und deren Ausrichtung zu überdenken, resümiert Rossella Novarini, Direktorin von Il Ponte, und sagt: „Die Auktionen haben nie ihren Adrenalincharme verloren.“ Insgesamt wurden dort 28 Versteigerungen abgehalten, siebzehn davon mit Publikum im Saal, elf ausschließlich mit Online- und Telefonbietern. Dabei betrug der Anteil neuer Teilnehmer bis zu siebzig Prozent; im Schnitt wurden 86 Prozent der Lose verkauft und die Schätzpreise um 183 Prozent übertroffen.

          Domenico Piola, „Venus und Cupido in der Vulkanschmiede“, Öl auf Leinwand, 200 mal 254 Zentimeter, Zuschlag 78.000 Euro bei Il Ponte.
          Domenico Piola, „Venus und Cupido in der Vulkanschmiede“, Öl auf Leinwand, 200 mal 254 Zentimeter, Zuschlag 78.000 Euro bei Il Ponte. : Bild: Il Ponte

          In der Sektion Moderne und Zeitgenossen, die bei Il Ponte gut ein Drittel des Umsatzes ausmacht, erzielte ein Gemälde von Enrico Castellani, eine „Oberfläche weiß, Nr. 1“ aus dem Jahr 1967, mit 310.000 Euro (Taxe 180.000/240.000) den höchsten Preis; Karel Appels „Angoisse“ von 1960 wechselte für 230.000 Euro (130.000/160.000) den Besitzer, Renato Guttusos „Fußgängerüberweg“ von 1957 für 80.000 Euro (15.000/25.000) und „Aerei“ von Alighiero Boetti aus dem Jahr 1983 für 170.000 Euro (80.000/100.000). Unter den Alten Meistern erzielte das Gemälde „Venus und Cupido in der Vulkanschmiede“ des Genuesers Domenico Piola mit 78.000 Euro (30.000/40.000) das beste Ergebnis. In der Abteilung des 19. Jahrhunderts entsprachen „Femme à l’ombrelle (L’ombrellino a pois)“ von Federico Zandomeneghi mit 110.000 Euro (120.000/150.000) und Albert Ankers „Kinderporträt (Noémi Soutter)“ von 1885 mit 75.000 Euro (70.000/80.000) den Erwartungen. Allein die Schmuck-Auktion im vorigen November verzeichnete mit einem Umsatz von mehr als drei Millionen Euro einen Zuwachs von dreihundert Prozent. Als „sehr gut“ wurde auch das Design bewertet, das mit insgesamt zwei Millionen Euro abschloss: Zwei Vasen – „Scozzese“ von Fabio Bianconi, um 1954/57 entstanden, für 90.000 Euro (20.000/40.000) und von Carlo Scarpa aus der Serie „a pennellate“, um 1942, für 48.000 Euro (9000/ 12.000) – waren die Spitzenlose.

          Die Firma Pandolfini in Florenz brachte es 2020 auf zwei Mal siebzehn Auktionen; die zweite Staffel bestand aus Zeit-Auktionen, die wie bei Ebay funktionieren: Wer im vorgegebenen Zeitfenster das höchste Gebot abgibt, erhält das Objekt. Wichtige Versteigerungen der zweiten Jahreshälfte wurden ins erste Quartal 2021 verschoben. Den besten Auftritt hatte das Haus mit der Sektion Alte Meister, auf die knapp ein Drittel des Umsatzes entfiel. Einsame Spitze war dort das Gemälde „Die Versuchungen des heiligen Hieronymus“, um 1550, von Giorgio Vasari, das mit 800.000 Euro (300.000/500.000) den bisher höchsten Auktionspreis erreichte, der je für ein Werk dieses Künstlers bezahlt wurde. Mit großem Abstand folgten „Ferdinand I. von Bourbon und Barbara von Braganza mit dem Hof“ des Rokokomalers Jacopo Amigoni für 372.000 Euro (40.000/60.000) und „En route pour le supplice“ von Piet Jan Van Der Ouderaa aus dem Jahr 1880, für das 262.500 Euro (40.000/60.000) geboten wurden. Teuerstes zeitgenössisches Werk war die Bronzeplastik „Fuß mit Hand“ von Igor Mitoraj für 150.000 Euro (90.000/120.000). In der einzigen Asiatica-Auktion des Jahres erlebte eine Fischschüssel aus Porzellan der späten Qing-Dynastie, um 1900, die auf 3000 bis 5000 Euro taxiert war, einen kometenhaften Preisanstieg, weil sie große Ähnlichkeit zu einem Gefäß im Nationalmuseum in Peking aufweist: Das Eingangsgebot von 100.000 Euro wurde sofort verdoppelt, dann ging es in 50.000-Euro-Schritten weiter; der Zuschlag erging an einen Bieter, der eigens nach Florenz geflogen worden war, bei 750.000 Euro – rund das Zweihundertfache der Schätzung.

          Auch Farsettiarte im benachbarten Prato spricht, obwohl der Umsatz dort von elf auf 6,5 Millionen Euro zurückging, von „guten Ergebnissen“, die durchweg in Online-Auktionen zustande kamen: Die Toplose waren zwei Ölgemälde von Alberto Savinio, wie sich Andrea de Chirico, der auch als Schriftsteller, Komponist und Regisseur tätige Bruder von Giorgio de Chirico, nannte: Für „Ulysse“ von 1928 fiel bei 220.000 Euro (180.000/280.000) der Hammer und für „Les Anges batailleurs“ von 1930 bei 160.000 Euro (170.000/230.000).

          Bei den Nischen-Segmenten verzeichnete vor allem die in Italien traditionell stark nachgefragte Numismatik gute Ergebnisse. So konnte Bertolami Fine Arts eine Goldmünze von Kaiser Titus, um 72/73 vor Christus, für 40.000 Euro versteigern – und damit die Taxe von 11.000 Euro mehr als verfünffachen: ein Coup, der, wie Giuseppe Bertolami erklärt, sich dem Umstand verdankte, dass die Auktion nicht in Rom, sondern in der 2015 eröffneten Filiale in London stattfand, wo eine internationale Kundschaft besser erreicht wird.

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