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Covid-19 und Kunstgalerien : Wille zum Überstehen

  • -Aktualisiert am

Die Art Paris ist 2020 eine der ersten Messen, die nach den Corona-Beschränkungen wieder stattfinden kann. Bild: EPA

Wie viele Galerien müssen aufgeben? Eine aktuelle Studie über die Auswirkungen von Covid-19 auf die Galerien gibt Grund zur Hoffnung.

          3 Min.

          Immer wieder erleben Kunsthändler schwierige Zeiten. Man denke an die globale Finanzkrise von 2008 oder an die Hyperinflation vor fast hundert Jahren in Deutschland. Doch keine Krise hat den Kunstmarkt weltweit so unter Druck gebracht und besonders kleinere Galerien und Kunstmessen so stark angegriffen wie die derzeitige Pandemie. Die Zahl der Galerien, die aufgeben müssen, steigt; fast überall wurden Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt oder entlassen – und es ist noch nicht vorbei. Trotzdem gibt es auch Grund zum Optimismus, gar zum Stolz auf das Erreichte: Das belegt ein von Claire McAndrew von der Consultingfirma „Arts Economics“ für die Messe Art Basel und die UBS zusammengestellter Bericht zu den Auswirkungen von Covid-19 auf den globalen Galerien-Sektor. Der Bericht bezieht sich auf die ersten sechs Monate dieses Jahres und auf Informationen von 795 auf moderne und zeitgenössische Kunst spezialisierte Galerien unterschiedlicher Größe in sechzig Ländern.

          Die Umfrage offenbart, dass sich Händler im Vergleich zum Vorjahr 2019 weniger auf die Teilnahme an Messen und den Aufbau neuer Verbindungen zu internationalen Sammlern konzentrieren. Stattdessen stecken sie mehr Energie in die Pflege bereits bestehender Beziehungen, ihren Online-Auftritt und die Kostenreduzierung. Fast alle der befragten Galerien schlossen ihre Räume vorübergehend zwischen Januar und Ende Juli; etwa ein Drittel verkleinerte sich. Zwar wurden weiterhin Verkäufe abgeschlossen, es wurde aber im Durchschnitt 36 Prozent weniger verkauft als im ersten Halbjahr 2019. Rund 37 Prozent aller Verkäufe wurden online abgewickelt, das entspricht einer Steigerung um zehn Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2019.

          Digitales Überangebot

          Bei den Online-Verkäufen konnten besonders die großen Galerien Zuwächse verzeichnen. Das lag allerdings auch daran, dass sie zuvor verhältnismäßig wenig online verkauften. Unter den Sammlern, die bei einer Galerie ein Werk über das Internet erwarben, waren 74 Prozent dort bereits regelmäßige Kunden. Etwa die Hälfte der befragten Galerien richtete Online-Viewing-Rooms auf ihrer Website ein. Über den Internetauftritt – statt des Messestands oder der Galerie – konkurrieren zu können, empfanden einige der mittleren und kleineren Galerien als Vorteil. Allerdings wurde bald ein digitales Überangebot zum Problem.

          Besonders der Wegfall vieler Kunstmessen schlug arg auf den Umsatz. Dramatische 46 Prozent weniger wurden auf diesem Weg verkauft: Galerien schlossen im ersten Halbjahr nur sechzehn Prozent ihrer Verkäufe auf Messen ab; darunter hatten besonders die großen Galerien zu leiden. Was das kommende Jahr angeht, so planen Händler, im Durchschnitt nur noch an drei – anstelle von vier – Messen teilzunehmen. Auch wenn die neue Preistransparenz, zu der die Online-Viewing-Rooms beigetragen haben, geschätzt wird: Sowohl Galeristen wie Sammler bleiben überzeugt vom Modell der physischen Begegnung mit der Kunst.

          Der von McAndrew zusammengestellte Bericht enthält auch die Ergebnisse einer Umfrage unter 360 superreichen Sammlern, den „High Net Worth“ (HNW) Collectors, aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Hongkong. Siebzig Prozent von ihnen bevorzugen es weiterhin, Kunstwerke auf Messen oder in Galerien zu begutachten. Ermutigend ist es, dass 92 Prozent dieser Sammler-Klientel in den ersten sechs Monaten des Jahres Kunst gekauft hat, und dass 75 Prozent dieser Käufe über Galerien getätigt wurden. 63 Prozent von ihnen gaben in der ersten Jahreshälfte mehr als 100.000 Dollar für Kunst aus. Dabei unterstützten die HNW Collector überwiegend Galeristen, die sie schon kennen; nur vierzehn Prozent geben an, sich derzeit auch nach neuen Galerien umzusehen.

          Die befragten Sammler sind optimistischer als die Händler, was die nahe Zukunft des Kunstmarkts angeht. Fast sechzig Prozent der Sammler, besonders die jüngere Generation, gibt an, dass die Pandemie ihr Interesse am Kunstsammeln erhöht habe. Vor allem die Millenials, die in den achtziger und neunziger Jahren geboren wurden, glauben an eine positive Marktentwicklung in den kommenden sechs bis zwölf Monaten. Dieser Erwartung schließt sich allerdings nur ein Viertel der in der Nachkriegszeit geborenen Sammler an. Die große Mehrheit der befragten Galeristen rechnet dagegen bis Ende 2020 mit einem weiteren Rückgang an Verkäufen. Zwar erwarten die meisten Händler im kommenden Jahr eine Verbesserung der Lage, aber nur 45 Prozent kalkulieren auch mit besseren Verkaufsraten. Etwa sechzig Prozent der befragten Galerien haben neue Formen der Zusammenarbeit miteinander begonnen. Aber trotz dieser gegenseitigen Unterstützung, trotz Einsparungen und digitaler Innovation – und trotz des Verantwortungsgefühls unter den Sammlern – sind weitere Galerieschließungen zu erwarten.

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