https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/christie-s-versteigert-andy-warhols-shot-sage-blue-marilyn-aus-der-sammlung-ammann-in-new-york-17961838.html

Warhol-Auktion in New York : Der Preis einer Ikone

Schätzwert „um 200 Millionen Dollar“: Andy Warhols „Shot Sage Blue Marilyn“, 1964, Siebdruck, 101,6 mal 101,6 Zentimeter. Bild: Christie’s

Andy Warhols „Shot Sage Blue Marilyn“ könnte bei ihrer Auktion in New York 200 Millionen Dollar einbringen – für einen guten Zweck. So wollten es die Kunsthändler Doris und Thomas Ammann, aus deren Sammlung der Siebdruck stammt.

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          An einem Herbsttag des Jahres 1964 schreitet Dorothy Podber zur Tat: Gekleidet in schwarzes Leder und behandschuht betritt die damals zweiunddreißigjährige Aktionskünstlerin, begleitet von ihrer Dogge und ein paar Freunden, Andy Warhols „Factory“ in New York. Ob sie auf dessen „Marilyn“-Siebdrucke schießen dürfe, fragt sie den Pop-Art-Künstler, was doppeldeutig auch hätte meinen können: Fotos von seinen Monroe-Porträts machen. Warhol bejaht. Podber zieht die Handschuhe aus, eine Pistole hervor, richtet diese erst auf Warhol, dann auf einen Stapel frischer Marilyn-Siebdrucke vor einer Wand – und jagt eine Kugel durch vier Bilder.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Der entsetzte Warhol, so wird weiter kolportiert, wirft die für ihre Drogenexperimente bekannte Podber hochkant aus dem Atelier und verbietet ihr jeglichen weiteren Zutritt. Dass statt Bildern er selbst wenige Jahre später zum Ziel von beinahe tödlichen Schüssen einer anderen bewaffneten Factory-Besucherin werden sollte, Valerie Solanas, macht die Episode um die „Shot Marilyns“ zu einem düsteren Omen. Die auf Höhe der Stirn der Schauspielerin von Podbers Projektil durchdrungenen Bilder aber gehören heute zu den begehrtesten ihrer Art: Auf eigentümliche Art trifft in ihnen die zur Schau gestellte – und damit ebenso infrage gezogene wie weiter ausgebeutete – Objektivierung einer Frau als Hollywoodstar mit der Aggression einer anderen Frau zusammen, prallt fabrikmäßiger Seriendruck auf individuelle Verletzung. Pop-Art hoch zwei sozusagen.

          Lächeln für Kinderhilfswerke

          Nun könnte die Version mit „salbeiblauem“ Hintergrund, „Shot Sage Blue Marilyn“, zum teuersten je bei einer Auktion vermittelten Druck des 20. Jahrhunderts avancieren, teurer als Pablo Picassos Gemälde „Les femmes d’Alger“, das 2015 für 160 Millionen Dollar bei Christie’s zugeschlagen wurde, und fast auf halber Strecke zum Spitzenreiter aller Zeiten, dem 2017 für 450,3 Millionen Dollar bei Christie’s versteigerten, Leonardo zugeschriebenen „Salvator Mundi“. Am 9. Mai kommt besagte Marilyn bei Christie’s in New York zum Aufruf – versehen mit einem Schätzpreis von „um 200 Millionen Dollar“.

          Wie um ein Happy End für das von menschlicher Tragik mitgezeichnete Porträt der Filmschauspielerin zu finden, die 1962 unter ungeklärten Umständen starb und deren von Warhol verewigtes Lächeln als modernes amerikanisches Pendant zum Mienenspiel der „Mona Lisa“ gilt, dient die rekordverdächtige Auktion einem guten Zweck. „Shot Sage Blue Marilyn“ führt den ersten Part einer zweiteiligen Versteigerung mit mehr als hundert Werken aus der Privatsammlung von Thomas und Doris Ammann an, deren Erlös Hilfsprojekten für Kinder zufließen soll.

          Das Geschwisterpaar gehörte mit seiner 1977 in Zürich gegründeten Galerie Thomas Ammann Fine Art zum Kreis der von internationalen Spitzensammlern wie Stavros Niarchos, David Geffen oder Ronald Lauder hochgeschätzten Kunsthändler. Thomas Ammann engagierte sich vor allem für den Impressionismus, die klassische Moderne und Nachkriegskünstler aus den Vereinigten Staaten – wie Andy Warhol, mit dem ihn eine Freundschaft verband. Nach Ammanns frühem Tod 1993 übernahm seine Schwester die Geschäfte. Als sie im März vergangenen Jahres starb – wie ihr Bruder ohne Nachkommen –, hatte sie verfügt, dass die persönliche Kunstkollektion der Geschwister in eine Stiftung überführt und vollständig zugunsten von Wohltätigkeitsorganisationen veräußert werden solle.

          Der gut einen Meter im Quadrat messende Marilyn-Siebdruck, der auf einer schwarz-weißen Werbefotografie für den Film „Niagara“ beruht, steht an der Spitze eines beeindruckenden Konvoluts. Cy Twomblys Gemälde „Venere sopra Gaeta“ von 1988 ist darunter, versehen mit einer Taxe von 10 bis 15 Millionen Dollar. Ebenso beziffert sind eine Fassung der „Flowers“ von Andy Warhol sowie die Studie in Weiß „Untitled“ von Robert Ryman aus dem Jahr 1961. Mit einer Erwartung von 600.000 bis 800.000 Dollar tritt Elaine Sturtevants 1969/70 entstandene Kopie des Bildes einer weinenden Frau „But It’s Hopeless“ von Roy Lichtenstein an. Die vollständige Liste der Offerte ist noch nicht publik, doch rechnet das Auktionshaus mit einem Gesamterlös von mindestens 350 Millionen Dollar. Über allem lächelt Marilyn, nicht mehr die Frau, nur noch das Kunstwerk, das Image, die Ikone: siegesgewiss.

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