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Christie’s-Auktion : Von der Gunst der frühen Stunde

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Im Foyer steht ein kompletter T.Rex: Christie’s will mit seiner New Yorker „20th Century Week“ in dieser Herbstsaison der Konkurrenz zuvorkommen.

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          Der Oktober ist traditionell der Monat, in dem die internationalen Zeitgenossen-Auktionen in London stattfinden. Im November folgt dann üblicherweise die letzte große Saison mit Moderne, Nachkriegskunst und Zeitgenossen in New York. Dabei soll es auch in diesem Jahr bleiben. Neu ist eine zusätzliche „Marquee“-Week mit Kunst des 20. Jahrhunderts, die Christie’s für die kommende Woche in New York eingeplant hat. Jede Gelegenheit, den Jahresumsatz anzukurbeln muss genutzt werden, und vielleicht versucht man damit, über den Sommer angestautes Kaufinteresse vor der Konkurrenz zu bedienen. Marc Porter von Christie’s spricht jedenfalls von einem „besonders starken Moment im Kunstmarkt“ und einem „günstigen Zeitpunkt vor der amerikanischen Präsidentenwahl“. Vielleicht hat der zusätzliche Termin auch etwas damit zu tun, dass Sotheby’s gleichzeitig eine Saison mit asiatischen und internationalen Zeitgenossen in Hongkong abhält.

          Am 6. Oktober finden also sowohl bei Christie’s der „20th Century Evening Sale“ in New York mit 59 Losen und einem angepeilten Umsatz von „wenigstens 300 Millionen Dollar“ statt als auch bei Sotheby’s der bisher größte „Contemporary Art Evening Sale“ in Hongkong mit 39 Losen, angeführt von einem „Abstrakten Bild“ Gerhard Richters (Taxe umgerechnet 14,5/18 Millionen Dollar) und mit einer Gesamterwartung von 59 bis 84 Millionen Dollar. Beide Veranstaltungen kommen auch den Preview-Tagen für die „Online Viewing Rooms“ der Londoner Zeitgenossen-Messe Frieze für wichtige Sammler zuvor.

          Der Abend bei Christie’s wird angeführt von einem Leckerbissen, nämlich einem der späten Stillleben in Aquarell und Bleistift auf Papier, wie sie Paul Cézanne zwischen 1900 und seinem Todesjahr 1906 schuf. „Nature morte avec pot au lait, melon et sucrier“ war 1929 in der Eröffnungsausstellung des MoMA in New York zu sehen und gelangte 1933 in die Sammlung von Edsel Ford, dem Sohn des amerikanischen Automobilunternehmers, und seiner Frau Eleanor. Eingereicht wurde es von der Stiftung, die seit dem Tod Eleanors 1976 die Sammlung und das Haus der Fords an den Grosse Pointe Shores in Michigan verwaltet. Schon seit 2013 konnten die Besucher des öffentlich zugänglichen Hauses dort nur noch eine hochwertige Reproduktion des Werks bewundern. Es soll zugunsten der Stiftungsarbeit „um 25 Millionen Dollar“ einspielen.

          Ein weiteres Spitzenwerk ist eine großformatige „Femme dans un fauteuil“ von Picasso aus dem Jahr 1941, geschätzt auf zwanzig bis dreißig Millionen Dollar. Es gehört zur Serie von Dora-Maar-Porträts, die er während der deutschen Besetzung von Paris malte und auf denen sie oft in dunkle Blautöne gekleidet und mit einem ihrer selbstentworfenen Hüte auftritt. Ein kleineres Porträt seiner Geliebten Marie-Thérèse Walter von Picasso ist dagegen in optimistisch hellen und bunten Farben komponiert: „Tête de femme sur fond jaune“ (Taxe 8/12 Millionen Dollar) entstand im Juli 1934 und blieb bis zum Tod in seinem Besitz. Zu den Höhepunkten gehört auch ein großes Gemälde von Cy Twombly aus dem Jahr 1969, das er während seines Aufenthalts im Palazzo del Drago am Lago di Bolsena schuf. „Untitled (Bolsena)“, beziffert mit 35 bis 50 Millionen Dollar, hat zuletzt 1992 den Besitzer gewechselt.

          New Yorker Auktionen stehen oft im Zeichen der Heroen der Abstraktion in der amerikanischen Nachkriegszeit. Mark Rothkos spätes „Untitled“-Bild in dramatisch-dunklen Rottönen aus dem Jahr 1967 ist ein solches Beispiel (30/50 Millionen). Das Everson Museum in Syracuse im Staat New York hat ein frühes, kleines Drip Painting von Jackson Pollock eingereicht, um mit dem Erlös seine Sammlung vielfältiger gestalten zu können: Für „Red Composition“ aus dem Jahr 1946, einst im Besitz von Peggy Guggenheim, erhofft man sich zwölf bis achtzehn Millionen Dollar. Recht klein, doch kunsthistorisch wichtig ist ein Gemälde Willem de Koonings aus seiner bahnbrechenden „Women“-Serie. Das bei Christie’s angebotene Exemplar, „Woman (Green)“, entstanden 1953/55, soll zwanzig bis dreißig Millionen Dollar erzielen.

          Marktfrisch aus einer ungenannten Privatsammlung kommen drei Werke von Tamara de Lempicka, Salvador Dalí und Emil Nolde. In „Bouche mystérieuse apparaissant sur le dos de ma nurse“ (1,2/1,8 Millionen) aus dem Jahr 1941 verschmolz Dalí eine Fotografie der Schauspielerin Betty Stockfeld mit einer Küstenlandschaft. Jeweils sechs bis acht Millionen Dollar werden für Noldes „HerbstmeerXVI“, gemalt 1910/11 in seinem Sommerhaus auf der dänischen Ostseeinsel Alsen, und für de Lempickas nackte Freundinnen „Les deux amies“ von 1930 erwartet. Mit einem Preisschild von sechs bis acht Millionen Dollar ist auch ein Objekt ganz anderer Art versehen, dass medienwirksam im Foyer von Christie’s im Rockefeller Center in New York aufgestellt ist: das etwa 67 Millionen Jahre alte, weitgehend vollständig erhaltene Skelett eines Tyrannosaurus Rex, eines von mehr als fünfzig, die seit 1902 weltweit gefunden wurden. Die Knochen wurden 1987 entdeckt und das fast vier Meter hohe Skelett später unter dem Spitznamen „Stan“ weltbekannt. Eingereicht hat „Stan“ das Black Hills Institute in South Dakota. Zuletzt wurde 1997 ein T. Rex mit dem Namen „Sue“ bei einer Auktion für 8,36 Millionen Dollar an das Field Museum of Natural History in Chicago verkauft.

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