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Cheap Art : Kunst nach Hausmacherart

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Gegen den Starkult und gegen den etablierten Kunstbetrieb: Das Phänomen heißt „Cheap Art“ - und das Internet ist dabei sehr hilfreich.

          3 Min.

          Immer wieder die Frage: Was ist Kunst? Muss sie teurer und immer teurer sein? Muss Kunst erlitten werden im stillen unbeheizten Kämmerlein, im einsamen Kampf um die Inspiration? Und wer „macht“ die Künstler? Schon in den späten siebziger Jahren machten sich in Amerika junge Künstler um den Deutschen Peter Schumann und seine „Bread and Puppet Press“ auf, aus einem VW-Bus heraus Cheap Art zu verkaufen, um bezahlbare Kunst unter die Leute zu bringen. Entstanden war die Idee aus der Hippie-Bewegung, in der jeder sein eigener Künstler war, und als Gegenpol zum etablierten Kunstbetrieb, in dem sich die Künstler fremdbestimmt und vereinnahmt sahen.

          Es gab sogar ein eigenes Manifest, den künstlerischen Manifesten der Brücke oder von de Stijl nachempfunden: „Kunst gehört nicht den Banken und feinen Investoren“, wird da festgestellt, und: „Kunst ist ein Lebensmittel. Du kannst sie nicht essen, aber sie ernährt dich. Kunst muss billig sein und für jeden verfügbar. Sie muss überall sein, weil sie das Innere der Welt ist. Kunst lindert Schmerzen! Kunst weckt die Schlafenden auf! Kunst kämpft gegen Krieg und Dummheit!“ Inzwischen scheint sich Peter Schumann wieder auf seinen Ursprung zu konzentrieren, das politische Puppenspiel. In Deutschland sah man ihn in dieser Funktion zuletzt beim „Projekt Freies Wendland - Reaktiviert“, im Jahr 2010 in Hannover.

          Die magische Zehn-Dollar-Grenze

          Einzelne Künstlerpersönlichkeiten sind bei der Cheap Art kaum auszumachen, es scheint fast so, als richte sie sich nicht nur gegen den etablierten Kunstbetrieb, sondern auch gegen den Starkult. Nachdem die erste, im amerikanischen Bundesstaat Vermont von Peter Schumacher in Bewegung gesetzte Welle verebbt war, tauchte das Phänomen wenig später in Chicago auf und ist seither zum Sammelbegriff oder breiten Schirm geworden, unter den sich bei Bedarf jeder stellen kann, dem danach ist. Ein Ire mit dem Künstlernamen Aisling D’Art versuchte es übers Internet und bot dort mit Bezug auf das Cheap Art Manifest einen „Guide for Homemade Art“ an, einen Führer für hausgemachte Kunst, mit dem Untertitel „No Drawing Skills Required“.

          Ein anonymer Internet-Blog namens „Cheap Art Manifesto“ verlangt als Voraussetzung für Cheap Art, dass sie in der Herstellung nicht teurer sein dürfe als zehn Dollar. Wichtig seien Konzept und Ausführung - das mache das Bild zur Kunst, nicht der Marktwert. So könne man das Bild günstig verkaufen und eine „Betrachter-Demokratisierung“ erreichen. Ein weiterer Vorzug der günstigen Herstellung sei es, dass nun von jedem Menschen auf der Erde Kunst gemacht werden könne: ein weites Feld also.

          Volkskunst mit Markenmotiven

          In Hamburg-St. Pauli betreibt der 1965 geborene Musiker und Künstler Nils Koppruch die kleine Galerie NEU und malt seit 2006 unter dem Pseudonym SAM Bilder, die er der Cheap Art oder Art brut zugeordnet wissen will: spröde, oft fast monochrom, mit städtischen Motiven. Nicht zufällig erinnern viele solcher Bilder an die plakativ-naive amerikanische Folk Art. Die Motivation und Inspiration, die hinter Cheap Art und Folk Art stehen, sind fast dieselben: Der Künstler verschwindet oft hinter dem reinen Mal- und Dekorationswillen, hinter der Lust am Malen und hinter einem Motivekanon, der vom urbanen Leben und der allgegenwärtigen Produktwerbung im städtischen Raum beeinflusst ist.

          Die Globalisierung macht vor all dem nicht halt: So, wie die Volkskunst schon lange mit Inkunabeln wie dem Coca-Cola-Schriftzug oder international bekannten Markenmotiven ihren Weg in jedes Entwicklungsland gefunden hat, wird ihre Verbreitung und Egalisierung und Wiedererkennbarkeit durch den schnellen Austausch des Internets noch beschleunigt. Da genügt es oft schon, ein Foto eines soeben auf Ebay erworbenen Bilds im eigenen Facebook-Profil zu posten, um einen Run auszulösen: So geschah es gerade dem Karikaturist der Zeitschrift „Stern“, Til Mette, der auf der Suche nach Folk Art, die er sammelt, im amerikanischen Ebay - unter dem Verkäufernamen „monsterparty“ - auf die verschrobenen Bilder von Javier Mayoral stieß.

          Da gibt es, bei aller Naivität, sofort wiedererkennbare Porträts von amerikanischen Filmstars, aber auch von Willy Brandt und sogar vom deutschen Barden Heino, der immer wieder auftaucht. Außerdem malt Mayoral Serien unter den Titeln „Bad Painting for Some Of Your Needs“, „Male Bonding Maneuvres“ oder „What Women sometimes think about Men“ und naive Werbetafeln aus den Fünfzigern, oft mit einem Text versehen, der kommentiert oder eine kleine abgedrehte Geschichte erzählt.

          Ein Surrealist und seine Einflüsse

          „Outsider Folk Art“ nennt Javier Mayoral seine auf etwa 20 mal 25 Zentimeter kleine Holzplatten gemalten, Bilder, die nur je 9,90 Dollar kosten. Nachdem Til Mette sein soeben ersteigertes Willy-Brandt-Porträt und einen rumänischen Raumfahrer in Facebook veröffentlicht hatte, begann unter seinen Freunden, unter ihnen der Comedian und Moderator Wigald Boning, ein Wettlauf auf Mayorals Bilder. Sie wollten erst eins, dann immer mehr. Denn die Originale zeigen, was die Ebay-Fotos nicht zeigen können: eine sichere Hand, einen perfekten Strich und eine anrührende Unmittelbarkeit.

          Sieht Mayoral, geboren 1961 in Madrid und seit Jahrzehnten in Miami lebend, sich selbst als Cheap Art Künstler? Er hat nichts dagegen, betrachtet sich aber eher als Surrealist, und wichtige Einflüsse machen den Reiz seiner Bilder aus: Dada, Fritz Lang, Miles Davis, Max Ernst, Bauhaus und die Bauchrednerei. Wichtig ist ihm auch Raymond Roussels Buch „Locus Solus“, dessen surreale Szenen ihren Einfluss auf die amerikanische Kultur bis nach Hollywood hatten.

          Man könnte süchtig werden. Inzwischen werden Javier Mayorals Bilder bei Ebay gelegentlich schon auf mehr als 100 Dollar gesteigert, und zwar von Wiederholungskäufern: Wer einmal eines der kleinen verschrobenen Originale in Händen gehalten hat, will mehr davon. Davon leben muss er übrigens nicht: Eigentlich ist er Koch und arbeitet für drei Tage in der Woche auf den privaten Inseln vor Miamis Küste.

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