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Cheap Art : Kunst nach Hausmacherart

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Gegen den Starkult und gegen den etablierten Kunstbetrieb: Das Phänomen heißt „Cheap Art“ - und das Internet ist dabei sehr hilfreich.

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          Immer wieder die Frage: Was ist Kunst? Muss sie teurer und immer teurer sein? Muss Kunst erlitten werden im stillen unbeheizten Kämmerlein, im einsamen Kampf um die Inspiration? Und wer „macht“ die Künstler? Schon in den späten siebziger Jahren machten sich in Amerika junge Künstler um den Deutschen Peter Schumann und seine „Bread and Puppet Press“ auf, aus einem VW-Bus heraus Cheap Art zu verkaufen, um bezahlbare Kunst unter die Leute zu bringen. Entstanden war die Idee aus der Hippie-Bewegung, in der jeder sein eigener Künstler war, und als Gegenpol zum etablierten Kunstbetrieb, in dem sich die Künstler fremdbestimmt und vereinnahmt sahen.

          Es gab sogar ein eigenes Manifest, den künstlerischen Manifesten der Brücke oder von de Stijl nachempfunden: „Kunst gehört nicht den Banken und feinen Investoren“, wird da festgestellt, und: „Kunst ist ein Lebensmittel. Du kannst sie nicht essen, aber sie ernährt dich. Kunst muss billig sein und für jeden verfügbar. Sie muss überall sein, weil sie das Innere der Welt ist. Kunst lindert Schmerzen! Kunst weckt die Schlafenden auf! Kunst kämpft gegen Krieg und Dummheit!“ Inzwischen scheint sich Peter Schumann wieder auf seinen Ursprung zu konzentrieren, das politische Puppenspiel. In Deutschland sah man ihn in dieser Funktion zuletzt beim „Projekt Freies Wendland - Reaktiviert“, im Jahr 2010 in Hannover.

          Die magische Zehn-Dollar-Grenze

          Einzelne Künstlerpersönlichkeiten sind bei der Cheap Art kaum auszumachen, es scheint fast so, als richte sie sich nicht nur gegen den etablierten Kunstbetrieb, sondern auch gegen den Starkult. Nachdem die erste, im amerikanischen Bundesstaat Vermont von Peter Schumacher in Bewegung gesetzte Welle verebbt war, tauchte das Phänomen wenig später in Chicago auf und ist seither zum Sammelbegriff oder breiten Schirm geworden, unter den sich bei Bedarf jeder stellen kann, dem danach ist. Ein Ire mit dem Künstlernamen Aisling D’Art versuchte es übers Internet und bot dort mit Bezug auf das Cheap Art Manifest einen „Guide for Homemade Art“ an, einen Führer für hausgemachte Kunst, mit dem Untertitel „No Drawing Skills Required“.

          Ein anonymer Internet-Blog namens „Cheap Art Manifesto“ verlangt als Voraussetzung für Cheap Art, dass sie in der Herstellung nicht teurer sein dürfe als zehn Dollar. Wichtig seien Konzept und Ausführung - das mache das Bild zur Kunst, nicht der Marktwert. So könne man das Bild günstig verkaufen und eine „Betrachter-Demokratisierung“ erreichen. Ein weiterer Vorzug der günstigen Herstellung sei es, dass nun von jedem Menschen auf der Erde Kunst gemacht werden könne: ein weites Feld also.

          Volkskunst mit Markenmotiven

          In Hamburg-St. Pauli betreibt der 1965 geborene Musiker und Künstler Nils Koppruch die kleine Galerie NEU und malt seit 2006 unter dem Pseudonym SAM Bilder, die er der Cheap Art oder Art brut zugeordnet wissen will: spröde, oft fast monochrom, mit städtischen Motiven. Nicht zufällig erinnern viele solcher Bilder an die plakativ-naive amerikanische Folk Art. Die Motivation und Inspiration, die hinter Cheap Art und Folk Art stehen, sind fast dieselben: Der Künstler verschwindet oft hinter dem reinen Mal- und Dekorationswillen, hinter der Lust am Malen und hinter einem Motivekanon, der vom urbanen Leben und der allgegenwärtigen Produktwerbung im städtischen Raum beeinflusst ist.

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