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Ausstellungen : Bührle – Rosenberg

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Die beiden Ausstellungen „Von Dürer bis van Gogh“ in Köln und „21 rue la Boétie“ in Lüttich beleuchten das Verhältnis von Museen, Privatsammlern und Kunsthandel.

          Viel scheint sich in den vergangenen sechseinhalb Jahrzehnten nicht verändert zu haben: „Einen Ankaufsetat für das Museum habe ich nach wie vor nicht“, klagte im Dezember 1950 Leopold Reidemeister, „ich muss mir immer in dringlich erscheinenden Fällen das Geld zusammenbetteln.“ Jahre später gestand der Kölner Museumsdirektor dann ein, dass die private Konkurrenz schon damals viele Zukäufe ohnehin aussichtslos werden ließ: „Wir hatten uns daran gewöhnt, dass Emil Georg Bührle große Preise anlegte, um französische Impressionisten zu kaufen, eine Tatsache, die uns als deutsche Museumsdirektoren insofern nicht berührte, als wir auf diesem Gebiet kaum konkurrieren konnten.“ Umso glücklicher war Reidemeister, als ihm 1956 – auf Vermittlung des umtriebigen Leiters des Düsseldorfer Kunstvereins, Hildebrand Gurlitt – doch der Ankauf von Alfred Sisleys „Brücke von Hampton Court“ aus der Kölner Sammlung Frangenheim gelang. Sofort berichtete er Bührle per Brief von der Erwerbung, denn auch der Züricher Sammler besaß eine gleich große Sisley-Ansicht vom selben Ort.

          Sechzig Jahre später sind in Köln die Sisleys Seite an Seite zu sehen. Die Ausstellung „Von Dürer bis van Gogh“ missbraucht nicht die Wartezeit der, zum Teil in eine Stiftung überführten, Sammlung Bührle bis zu ihrem Umzug ins Kunsthaus Zürich für eine der zahlreichen „Best of“-Schauen. Sie nutzt die Bilder für eine kluge Gegenüberstellung, die anhand des Vergleichs von Werken den Vergleich von öffentlichen und privaten Sammlungszielen und -möglichkeiten abbildet. Barbara Schäfer, stellvertretende Museumsleiterin in Köln, und Lukas Gloor, Direktor der Sammlung Bührle, haben in beiden Beständen insgesamt 64 Werke ausgewählt, an denen sich teils verblüffende Parallelen ablesen lassen.

          Eine stillende Tahitianerin neben einer Muttergottes mit Kind

          Ausgangspunkt sind zwei Landschaften von Aelbert Cuyp, ein echtes Bilderpaar, dessen eine Hälfte nach zahlreichen Besitzerwechseln 1928 im Kölner Museum landete, während die andere 1954 zu Bührle in Zürich kam. Emil Bührles Sammlung galt nicht nur Leopold Reidemeister als Vergleichsmaßstab. Auch zahlreiche andere Häuser versuchten nach dem nationalsozialistischen Bildersturm, ihre Sammlungen wieder so zu vervollständigen, dass sie die europäische Kunstgeschichte durch die Jahrhunderte möglichst lückenlos erzählen konnten. Bührle verfolgte dasselbe Ziel – mit ungleich viel mehr Geld: So sind nun in Köln auch zwei ikonographisch sehr nahe Kreuzigungsszenen aus der Zeit um 1340 zu sehen, zwei Ansichten des Canal Grande von Canaletto und Bellotto, Blumenstillleben von Fantin-Latour, Genreszenen von Courbet, Tänzerinnen von Degas und Vétheuil-Ansichten von Monet.

          So wagemutig wie überzeugend hat Barbara Schäfer dort kombiniert, wo sie sich den Motiven zuwenden konnte: Braques „Violinspieler“ von 1912 aus Zürich hängt neben Dürers „Pfeifer und Trommler“ von 1503/05 aus Köln, ein Picasso-Stillleben neben einem von Willem Claesz. Heda und Gauguins stillende Tahitianerin neben einer Muttergottes mit Kind und entblößter Brust des Meisters des Marienlebens. Die drei Urväter der Moderne sind im Schlussraum mit Bildpaaren vertreten: Cézanne und Gauguin mit Stillleben und Jungenbildnissen, Van Gogh mit einer Eisenbahnbrücke aus Asnières und der berühmten Zugbrücke in Arles, von der Stadt Köln schon 1911 angekauft. Denn auch das wird in der Kölner Schau deutlich: Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Bührle zwar mehr Geld, doch die Messlatte hatte vor dem Nationalsozialismus das öffentliche Museum aufgelegt. Die oft diskutierten Provenienzen der öffentlichen Bührle-Werke, die auf der Website der Stiftung so ausführlich dokumentiert werden wie von kaum einem deutschen Museum bisher, erläutern auch die Wandtexte und der Katalog. Die Untersuchung des privaten Teils der Familiensammlung soll in Kürze ebenfalls veröffentlicht werden.

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