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Bücher und Graphik : Seelensucher auf dem Königsweg

Wenn bei Bassenge in Berlin Werke der Psychoanalyse versteigert werden, ist Freuds Jahrhundertbuch „Traumdeutung“ der absolute Glanzpunkt. Höhepunkte anderer Auktionen sind eine Jesus-Biographie und das surrealistische Magazin „View“.

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          Eine Vielzahl von Ausstellungen, Neuerscheinungen und Kongressen zum 150. Geburtstag des Psychoanalytikers Sigmund Freud haben den Erforscher der Tiefenschichten des menschlichen Bewußtseins ins Rampenlicht eines Jubiläums gerückt. Zum Ausklang des Gedenkjahrs versteigert die Berliner Galerie Bassenge am 13. Oktober knapp 400 Publikationen, mit denen Freud selbst, seine Vorläufer, Kollegen und Schüler das „Geheimnis der Seele“ zu ergründen suchten. Als Spitzenlos der Spezialauktion erscheint die auf 10.000 Euro bezifferte Erstausgabe von Freuds „Traumdeutung“: Im Wiener Verlag Franz Deuticke ediert, stand der auf 600 Exemplare begrenzten Untersuchung des 39 Jahre alten Arztes eine Karriere als „Jahrhundertbuch“ bevor.

          Camilla Blechen

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Die Aufmerksamkeit der Fachkreise dürfte über das Hauptwerk hinaus eine komplette Folge der „Internationalen Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse“ erregen, deren letzte Jahrgänge 1939/41 unter dem Titel „Imago“ in London herauskamen (Taxe 8000 Euro). Die meisten der bahnbrechenden Veröffentlichungen Sigmund Freuds erschienen im Internationalen Psychoanalytischen Verlag in Wien, darunter „Hemmung, Symptom und Angst“ (150), „Das Unbehagen in der Kultur“ (120) oder „Eine Teufelsneurose im 17. Jahrhundert“ (120).

          Illustrierter Alltag der Psychoanalyse

          Breit Vertreten sind Werke der Autoren, die dem Vater der Psychoanalyse auf seinem „Königsweg“ folgten, wie Wilhelm Reich und Otto Rank. Besondere Beachtung erfährt der auch als Literat hervorgetretene Verfechter einer psychosomatisch orientierten Medizin, Georg Groddeck, dessen 1921 erschienener Roman „Der Seelensucher“ 300 Euro einspielen soll. Im bezahlbaren Bereich bewegen sich auch die Schriften von C.G. Jung, Alfred Adler, Oskar Pfister und Erich Fromm, dessen Studie zum „Christusdogma“ für 120 Euro angeboten wird. Den Alltag der Psychoanalyse illustriert ein im Original erhaltenes Telegramm, mit dem Sigmund Freud einer behandlungswilligen Amerikanerin signalisierte: „Hope can accept you“ (2800).

          Für den 11. Oktober ist bei Bassenge die Versteigerung von Objekten der Sachgebiete Geschichte, Geographie und Reisen angesetzt. Bei einem Konvolut von rund siebzig Reisehandbüchern aus dem Leipziger Baedeker-Verlag bewegen sich die Preise zwischen 30 (Rheinufer) und 2000 Euro (Schweiz). Zwischen die „Alten Drucke“ verirrt hat sich unter dem Motto „Benedikt XVI. am Katheder“ ein Vorlesungsmanuskript des Professors Dr. Joseph Ratzinger, „Die Lehre von der Eucharistie“, bewertet mit 150 Euro.

          „Jedes Tier ist eine Künstlerin“

          Mit 15.000 Euro das Hundertfache müßte in den Erwerb eines „Erbauungsbuchs“ investiert werden, das der Kartäusermönch Ludolph von Sachsen dem Leben Jesu widmete. Den besonderen Wert des Codex bilden neben den farbigen Initialen 28 (eingeklebte) Kupferstiche des Israhel van Meckenem, die sich mit der Christus-Vita beschäftigen. Ebenfalls 15.000 Euro sollen Paul Gerhardts 1666 in Frankfurt (Oder) edierte geistliche Lieder bringen, während die 1822 in Berlin gedruckte Erstausgabe von Heinrich Heines Gedichten auf 10.000 Euro taxiert wurde.

          Am 14. Oktober wartet Bassenge dann mit mehr als 600 teilweise prominent illustrierten Büchern und Zeitschriften auf, unter denen die nicht ganz komplette Zeitschrift „Pan“ des Julius Meier-Graefe 18.000 Euro, der vollständige „Genius“ aus dem Kurt-Wolff-Verlag 2500 Euro und „View“, das New Yorker Sprachrohr der Surrealisten, 3500 Euro einspielen soll. Unter den zeitgenössischen Künstlern ist es die Rheinländerin Rosemarie Trockel, die mit einem Katalog frappiert, der behauptet: „Jedes Tier ist eine Künstlerin.“

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