https://www.faz.net/-gqz-rxcr

Bücher, Graphik, Manuskripte : Einhörner: Die Antiquariatsmessen in Stuttgart und Ludwigsburg

  • -Aktualisiert am

Das Zusammenspiel zwischen Stuttgart und Ludwigsburg ist noch enger geworden - beide Messen haben gleichzeitig geöffnet -, doch die Gegensätze gibt es weiterhin: Die Ludwigsburger Antiquaria ist das Dorado zum Stöbern für den kleineren Geldbeutel, während Stuttgart die Leistungsschau bleibt.

          3 Min.

          Am 26. Januar, dem Vorabend der Stuttgarter Antiquariatsmesse, werden sich die Gratulanten zur Verleihung des mit 5000 Euro dotierten Antiquaria-Preises in der Ludwigsburger Musikhalle versammeln. Dieses Jahr ist es ein Mitglied des Verbands Deutscher Antiquare, Jürgen Holstein, der für die Publikation seiner Sammlung von Bucheinbänden und Schutzumschlägen Berliner Verlage (1919 bis 1933) ausgezeichnet wird.

          Das Zusammenspiel zwischen Stuttgart und Ludwigsburg ist noch enger geworden - beide Messen haben gleichzeitig geöffnet -, doch die Gegensätze, die das „Salz in der Suppe“ für die Besucher ausmachen, gibt es weiterhin: Die Ludwigsburger Antiquaria ist das Dorado zum Stöbern für den kleineren Geldbeutel, während Stuttgart die Leistungsschau bleibt.

          Die Wirtschaftsflaute zeigt ihre Auswirkungen insbesondere auf das hochpreisige Stuttgarter Angebot noch heute. Der Katalog stellt Bibliophiles, aber auch Graphik vermehrt im drei- bis vierstelligen Bereich vor. Die Zurückhaltung der 87 Antiquare mag auch an der Konkurrenz im Internet liegen, wo viele Titel zum Preisvergleich abgefragt werden können.

          Vom Meister der Berry-Apokalypse

          Die Preisspitze markiert diesmal mit 1,3 Millionen Euro ein außergewöhnlicher Kodex, eine „Bible Historiale“, die neben Leben und Passion Christi sowie Heiligenviten auch Boccaccios Erzählung „Griseldis“ in der frühen französischen Übersetzung von Philippe de Mézières umfaßt. Es ist eine Pariser Handschrift, um 1405/10, illuminiert vom Meister der Berry-Apokalypse (bei Tenschert, Rotthalmünster und Ramsen, Schweiz).

          Aus dem Augsburger Kloster St. Ulrich und Afra, dessen Abt Melchior von Stammheim dort 1472 eine komplette Offizin einrichten ließ, stammt ein „Speculum humanae salvationis“, dem ein „Speculum sancte Marie virginis“ angebunden ist. 192 Holzschnitte des Bämler-Meisters illustrieren die wohl 1473 gedruckte erste Ausgabe in Latein und Deutsch; das Jahrbuch der Auktionspreise (1950 bis 2004) nennt nur drei Exemplare (bei Günther, Hamburg, für 210 000 Euro).

          Luxusausgabe mit vegetabilem Rahmen

          Eine Rarität ist die Weltkarte Hadiji Ahmeds von 1559 mit türkischer Beschreibung: Die mehr als ein Quadratmeter große Karte - die fünfte Weltkarte und der erste profane islamische Druck - wurde 1795 in Venedig von sechs Blöcken abgezogen und zusammengeklebt. Von den 24 Abzügen blieben nur acht oder neun (Inlibris, Wien, 250 000 Euro).

          Thomas a Kempis' „Vier Bücher von der Nachfolge Christi“ verwandelten sich in den Händen des Buchgestalters Melior Lechter in eine Luxusausgabe der Einhornpresse. Lechter schmückte den Text mit vegetabilen Rahmen und Symbolen im sogenannten „Kathedralstil“ und entwarf auch den aufwendigen Metalleinband, der durch kobaltblauen und grünen Grubenschmelz leuchtet. Der Abschluß des Werks fiel mitten in die Inflationszeit 1922. Lechter war es angst und bange: „Das ist ja ein Buch fast nur noch für Millionäre!“ (Flühmann, Zürich, 65 000 Euro).

          Für Musikfreunde

          Mit der unpublizierten Erstfassung eines Schubert-Lieds lockt Köstler, Tutzing, die Musikfreunde: Es ist der Anfang des Lieds „Über Wildemann“ in einer unbekannten rhythmischen Fassung. Die Rückseite des Blatts zeigt den Schluß von „Der liebliche Stern“. Das Querfolio-Blatt stammt aus einem umfangreichen Manuskriptheft mit Liedkompositionen, das im 19. Jahrhundert zerlegt wurde (78 000 Euro).

          Zum 250. Geburtstag von Mozart bietet Voerster, Stuttgart, die extrem seltene Erstausgabe von KV 488, „No 5 des six grands concertos pour le Piano-Forte“, Offenbach 1800. Das Konzert, eigentlich für den Privatgebrauch komponiert, gelangte 1799 an die Öffentlichkeit, da Constanze Mozart das Manuskript verkaufte (3200 Euro).

          Das kleinste Buch der Messe und Ostades Familienvater

          Auch Rumbler, Frankfurt, bringt ein Unikat zur Messe mit: die originale Druckplatte für Adrian van Ostades Radierung „Der Familienvater“ von 1648. Ostades Kupferplatten - insgesamt fünfzig - befanden sich, bis auf drei, in einer holländischen Sammlung, aus der sie 1995 einzeln versteigert wurden (49 000 Euro).

          Das kleinste Buch der Messe kann man bei Keune, Düsseldorf, bewundern: Galileo Galileis Brief an seine Gönnerin Madama Cristina di Lorena wurde 1897 in der „Ochio di Mosca“ (Mückenauge-Type) nachgedruckt und in einen goldgeprägten Lederband gebunden. Seine Winzigkeit von zwanzig mal dreizehn Millimeter soll die Augen von Setzer und Korrektor ernsthaft beeinträchtigt haben (1980 Euro).

          Fettresistentes Kochbuch

          Auch die Antiquaria in Ludwigsburg, an der 54 Aussteller teilnehmen, bietet ein Miniaturbuch. Es ist ein Wiener Kochbuch, um 1920, das 23 mal 23 Millimeter mißt. Trotzdem enthält es mehr als hundert Rezepte und hat einen fettresistenten Metalleinband (Bauer, Wien, 980 Euro). „Daemonomania, oder außführliche Erzehlung des wuetenden Teuffels, in seinen damahligen rasenden Hexen . . .“ von Jean Bodin erschien 1698 in Hamburg; der Band wird ergänzt durch einen Text zum amerikanischen Hexenwesen (Lorych, Berlin, 2000 Euro). Andrea Baccis kuriose lateinische Traktate über die okkulten Kräfte der Klauen und Hörner von Einhorn und Elch wurden 1598 von Max Fürst in Stuttgart gedruckt (Rezek, München, 2600 Euro).

          Weitere Themen

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Topmeldungen

          Sinnbild für einen narzisstischen Chef: Michael Douglas als Gordon Gekkoim Film „Wall Street“

          Narzissmus im Job : Wenn der Chef nur sich selbst liebt

          Der Vorgesetzte ist dominant, leicht kränkbar oder cholerisch? Schnell liegt der Verdacht einer Persönlichkeitsstörung in der Luft. Doch schwierige Chefs sind nicht immer gleich Narzissten.
          Muss sich auch Friedrich Merz gegen Markus Söder durchsetzen? Merz und Söder auf dem Parteitag der CDU.

          Merz souverän gewählt : Schon drohen der CDU neue Wunden und Wirren

          Die souveräne Wahl von Friedrich Merz ist ein Zeichen dafür, dass Angela Merkel fast schon vergessen ist. Ausgerechnet ein „Konservativer“ steht für den Wunsch, dass nun etwas Neues, Anderes beginnen möge.
          Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB)

          Anleihekäufe : Die EZB bleibt im Krisenmodus

          Die jüngsten Beschlüsse zu den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank sind rechtlich bedenklich und strategisch äußerst ungeschickt, schreiben die Gastautoren Laus Adam und Hans Peter Grüner.