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Buchrezension : Wirklich ein Pionier

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Im Jahr 1853 eröffnet er seine „Permanente Gemäldeausstellung“: Das Buch von Anna Ahrens würdigt den Berliner Kunsthändler Louis Friedrich Sachse und erzählt zugleich die Geschichte vom Aufstieg Berlins zur Kunsthauptstadt.

          Der Berliner Kunstmarkt war zwischen 1900 und 1933 weltweit einer der bedeutendsten. Zahlreiche Galeristen, die dazu beigetragen haben, wie Hermann Pächter oder Fritz und Wolfgang Gurlitt, sind geradezu legendär geworden. Einige von ihnen, denen ebenfalls eine Reihe bemerkenswerter Ausstellungen und die Vermittlung herausragender Werke an Sammler und Museen zu verdanken ist, wurden durch Publikationen und Ausstellungen in jüngerer Zeit geehrt, darunter Martin Keller und Carl R. Reiner (Keller & Reiner), Paul Cassirer, Herwarth Walden und Alfred Flechtheim, Ferdinand Möller oder Karl Nierendorf.

          Obwohl andere Kunsthändler oft erwähnt werden, sind ihre Konturen nurmehr blasser erhalten. Dazu gehören Vorgänger, wie Hermann Amsler und Theodor Ruthardt (Amsler & Ruthardt). Nun widmet sich ein Buch einer dieser herausragenden Figuren im 19. Jahrhundert: Louis Friedrich Sachse (1798 bis 1877). Der gebürtige Berliner war väterlicherseits katholischer, mütterlicherseits hugenottischer Abstammung. Die Eindeutschung seiner Vornamen Frédéric Louis war wohl Programm: Sachse setzte sich sowohl für französische wie für deutsche Kunst ein – etwa die von Adolph Menzel – und kann mit Fug und Recht als Begründer des Berliner Kunstmarkts bezeichnet werden. Eine erste grundlegende Würdigung von Leben und Wirken Sachses erfolgte 1934; Nicolaas Teeuwisse hat sie in seiner verdienstvollen Überblicksdarstellung zum Berliner Kunstleben „Vom Salon zur Secession“ 1986 fortgesetzt. Später haben Kerstin Bütow, Annette Schlagenhauff und France Nerlich bis dahin ungehobenes Archivmaterial veröffentlicht und der Bedeutung Sachses für den deutsch-französischen Kulturtransfer neue Perspektiven abgewonnen.

          Eine fraglos schillernde Figur

          Der jetzt erschienene Band ist mit Abstand die bisher umfangreichste Studie. Auf den ersten Blick erschlägt das Buch von Anna Ahrens einen fast mit seinen 760 Seiten; es geht auf ihre Dissertation zurück. Aber dann besticht es schnell durch seinen Aufbau, der chronologisch wie auch thematisch ist, und seine Fülle an gut miteinander verknüpften Haupt- und Nebenschauplätzen. Es steckt zudem voller faszinierender Zitate aus Reisetagebüchern, Briefen und anderen Quellen. Die Autorin gibt Einblick in Sachses Leidenschaften und Psyche, aber auch in den Geist seiner Epoche und seiner Heimat Preußen. Ahrens nennt die fraglos schillernde Figur so lapidar wie treffend einen „Pionier“.

          Louis F. Sachse, ein Lockenkopf mit Brille, wie man sie von Franz Schubert kennt, machte als junger Mann erste befeuernde wie niederschmetternde Erfahrungen: Von 1819 bis 1925 war er zunächst drei Jahre Privatsekretär von Wilhelm von Humboldt – und dann, in Zeiten der Bekämpfung liberaler Bestrebungen an Universitäten und in der Presse, wegen des Vorwurfs demagogischer Umtriebe nicht weniger als drei Jahre in Festungshaft. Auch wenn er wegen guter Führung entlassen wurde, war an eine Beamtenlaufbahn nicht mehr zu denken, und noch als er sich selbständig machen wollte, legte man ihm polizeiliche Knüppel in den Weg. Im Jahr 1825 ließ er sich dann in Berlin, Paris und München zum Lithographen ausbilden. Damals war der Steindruck in Berlin noch vorwiegend Gebrauchsgrafik, etwa für Partituren und Kartendruck, doch Sachse erkannte sein Potential und wandte sich bald der Förderung künstlerischer Grafik zu.

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