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Buch über verlorene Kunstwerke : Vom Verschwinden

Noah Charney hat ein anregendes Buch über verlorene Meisterwerke geschrieben: „The Museum of Lost Art“ erzählt Geschichten von Gemälden, Skulpturen und anderen Kunstschätzen, die verschwunden sind.

          Es gibt viele Möglichkeiten, wie Werke der Kunst verschwinden können – Gemälde, Skulpturen, ganze Architekturen. Dass die am meisten beachtete, weil am häufigsten berichtete Form der Diebstahl ist, liegt auf der Hand. Aber sie können auch Bränden und anderen Katastrophen zum Opfer gefallen sein, sie können ohne böse Absicht oder vorsätzlich, sogar vom Künstler selbst zerstört worden sein, und sie können verschollen sein, einstweilen oder für immer.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Von dem amerikanischen Kunsthistoriker, Romanautor und Journalist Noah Charney ist jetzt ein Buch erschienen mit dem Titel „The Museum of Lost Art“. Charney ist übrigens Begründer der Organisation „Arca“, was „Association for Research into Crimes against Art“ heißt. Und die Arca-Website benutzen lässt Dan Brown im Roman „Inferno“ seinen Helden Robert Langdon, auf der (fiktiven) Suche nach den Pferden von San Marco in Venedig.

          „Stellen Sie sich ein Museum der verlorenen Kunst vor“, beginnt das Vorwort, „es würde mehr Meisterwerke als alle Museen der Welt zusammen enthalten.“ Das lässt sich nun nicht überprüfen, zumal solche Unschärfen im Spiel sind wie im Fall von Caravaggio: Von ihm sind rund vierzig Gemälde gesichert, während die Kunsthistoriker, so Charney, zwischen verschollenen acht bis 115 Bildern schwankten. Sein erklärtes Ziel ist es, die Erinnerung an verlorene Werke wiederzubeleben. Er teilt seine reiche Ausbeute in neun Kapitel auf, von Diebstahl über Acts of God – zu denen etwa Erdbeben zählen – hin zu Werken im weiteren Sinn, die vielleicht nie existiert haben, wie Atlantis.

          Vorgeschichte von Van Goghs „Dr. Gachet“ fehlt

          Auf keinen Fall darf der spektakuläre Kunstraub von 1990 aus dem Isabella Stewart Gardner Museum in Boston fehlen. Bis heute sind die insgesamt dreizehn Werke spurlos verschwunden, darunter Rembrandts einziges Seestück, „Sturm auf dem See Genezareth“, und Vermeers „Konzert“. Die Bronzeköpfe zweier chinesischer Tierkreiszeichen, einer Ratte und eines Hasen, die einst am Ende der Opiumkriege aus Peking verschleppt wurden und dann im Besitz von Yves Saint Laurent waren, führen in einen Auktionssaal im Jahr 2009. Tatsächlich haben die beiden ihren Weg zurück nach China gefunden; fünf ihrer Gefährten fehlen aber bis heute.

          In die Kategorie „Unfall“ gehören die wüsten Feuer, darunter das in einem Londoner Lagerhaus für zeitgenössische Kunst im Mai 2004. Dem Brand fiel auch Tracey Emins, im Innern mit Namen geschmücktes Zelt zum Opfer, das „Everyone I Have Ever Slept With 1963–1995“ hieß.

          Naturgemäß ist ein solches Kompendium lückenhaft, kann nur einzelne„Fälle“ herausgreifen, die gewiss die Interessen des Verfassers spiegeln. So ist auch eines der kurzen Unterkapitel Van Goghs „Porträt des Dr.Gachet“ gewidmet, allerdings nur dessen Schicksal, nachdem der japanische Papierindustrielle Ryoei Saito das Gemälde im Mai 1990 für 82,5 Millionen Dollar in einer Auktion gekauft hatte. Saito starb 1996, ohne dass das Bild, wie von ihm angeblich gewünscht, mit seinem Leichnam zusammen verbrannt wurde. Verschwunden ist es aber seither trotzdem. Leider lässt Charney hier die Vorgeschichte weg: Der „Dr. Gachet“ gehörte von 1912 an dem Städel Museum in Frankfurt, 1937 wurde er als „entartet“ beschlagnahmt, kam in die Sammlung von Hermann Göring, danach auf Umwegen zur Versteigerung in New York.

          Inspiriert zu Ergänzungen aus dem eigenen Fundus

          Unwillkürlich inspiriert Charneys Buch den Leser zu Ergänzungen aus dem eigenen Fundus bedauerter Verluste. So kommt eines der berühmtesten Gemälde der Moderne nicht vor, Franz Marcs inzwischen weltweit legendärer „Turm der blauen Pferde“ von 1913. Das Großformat hing in der Berliner Nationalgalerie. Die Nationalsozialisten entfernten es, zeigten es 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München. Wie den „Dr.Gachet“ brachte Göring das Bild an sich. Noch nach Kriegsende wollen es zwei Zeugen in Berlin gesehen haben – seither ist es verschollen, ob zerstört oder als Beute verschleppt, ist unbekannt. Das Wiedererscheinen des „Turms der blauen Pferde“ wäre eine Sensation – nicht zuletzt für den globalen Kunstmarkt.

          Gleichsam auf Zeit „verschollen“ sein können auch Kunstwerke, die in den Depots der Museen dieser Welt schlummern. Dorthin verbracht, weil herrschende Moden sie aus den Schausälen verdrängt haben – so erging es einer Menge Kunst aus dem lange geschmähten 19. Jahrhundert – oder weil ihre Bedeutung von den Kuratoren (noch) nicht erkannt wurde. Aber nun durchforsten immer mehr Museumsleute ihre Kunstspeicher und machen überraschende Entdeckungen, die so vor die Augen der Besucher kommen.

          Noah Charney macht kleine spannende Storys aus seinen ganz unterschiedlichen Beispielen, die sich leicht lesen lassen, auch ohne weiteres Vorwissen auf diesem sehr weiten Feld. Und er hat eine Mission: „Lost is just another word for waiting to be found.“ Schön, wenn es so kommt, über jeden aufgeklärten Raub, über jedes Wiederfinden oder unverhofftes Auftauchen darf man sich freuen. Vorerst freilich wird sich sein imaginäres Museum eher mit weiteren Verlusten füllen.

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