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Bridget Riley-Ausstellung : Lebensglück in Arkadien

  • -Aktualisiert am

Bridget Riley, „Measure for Measure 43“, 2020, Acryl auf Leinen. Bild: Bridget Riley/Max Hetzler/def image

Mit Abstand zu betrachten: Bilder von Bridget Riley aus den Jahren 1984 bis 2020 bei Max Hetzler in Berlin.

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          Auf den Abstand kommt es an. Hier soll er etwas größer ausfallen als die heute vorgeschriebenen anderthalb Meter zum Schutz vor Covid-19. Auf sechs Meter taxierten manche Neoimpressionisten die Distanz zum Bild, die nötig sei, damit die gepunkteten Farben auf der Netzhaut aktiviert werden, pulsieren, sich vermischen und dann in Akkorden leuchten.

          Die Pointillisten des 19. Jahrhunderts lieferten der jungen Bridget Riley wesentliche Impulse. Und diesen Blick auf das Bild bezeichnet die Malerin als „reines Sehen“, eines, das die äußere Welt vergisst und ganz in sich selbst vertieft ist. Solche Reinheit und Autonomie mag gegenwärtig nicht sonderlich hoch im Kurs stehen, doch schon Aristoteles benannte die Fähigkeit, sich in der eigenen Wahrnehmung selbst zu reflektieren, als entscheidendes Vermögen, das das Leben lebenswert mache. Eben das lässt sich in der Ausstellung der britischen Klassikerin bei Max Hetzler nachvollziehen. Es müssen nicht gleich sechs Meter sein, aber etwas Entfernung ermöglicht auch dort Klarheit und eben Nähe zum Bild.

          Bridget Riley, „Intervals 7“, 2020, Öl auf Leinen.
          Bridget Riley, „Intervals 7“, 2020, Öl auf Leinen. : Bild: Bridget Riley/Max Hetzler/def image

          Auf alle drei Standorte der Galerie in Berlin verteilt, ist es bereits die siebte Ausstellung der 89 Jahre alten Londonerin, breit angelegt mit Werken von 1984 bis 2020 und von der Künstlerin selbst eingerichtet. Noch immer forciert Bridget Riley den Kontrast von Schwarz und Weiß in Figur und Grund, dem sie ihren frühen Ruhm verdankt, Sie entschleunigt ihn aber in neueren Arbeiten erkennbar. Er tritt nicht mehr ganz so flirrend, direkt, aggressiv in Erscheinung, wie es einen Kritiker der „Times“ in den sechziger Jahren veranlasste anzumerken, Rileys Werke seien „Bilder, die das Auge attackieren“. Schwarze Dreiecke mit teils gewölbten Seiten fügt die Künstlerin zu wandfüllenden Figurationen, die sich in dauernde Metamorphose begeben und ständig neue Gestalt annehmen.

          Eine diskrete Anmutung eignet auch der farbigen Serie „Intervals“. Schmale horizontale Streifen sind in kompakten, getrennten Blöcken gelagert, beziehen den weißen Bildgrund in die sorgsam geschichteten Bänder mit ein; von den Farben geht gedämpftes Licht aus, es braucht Zeit, bis sie in Schwingung geraten. Die Formen bleiben widerständig gegen ihre eigene Auflösung, die Farben reserviert gegenüber ihrer retinalen Aktivierung. Das lässt sich auch für die Arbeiten mit Punkten im Raster beobachten, deren Kolorit etwas spröder ausfällt und die vom sehenden Auge erobert werden wollen.

          All diese Retardierung aber hat mit dem Lockdown nichts zu tun, wie man zunächst vermuten könnte; Riley begann ihre Serie bereits 2019. Eine Wandmalerei von 2007 mit Himmelblau und Grün sowie lichtem Ocker nennt sie „Arcadia 1“; eine Hommage an Henri Matisse aus dem Jahr 2012 heißt ähnlich sinnfällig „Joy of Living“. Insgesamt ist das ein musealer Auftritt, auch weil zahlreiche unverkäufliche Werke aus privatem wie öffentlichem Besitz beigesteuert wurden. (Preise 700.000 bis eine Million Pfund. Bis zum 24. Oktober.)

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