https://www.faz.net/-gqz-9yl1h

Brett Gorvy über Kunstmarkt : Glaube, Warhol, Hoffnung

Dollarnoten als Symbol der Hoffnung?Andy Warhols „200 One Dollar Bills“ von 1962. Bild: 2020 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc./Artists Rights Society (ARS), New York/dpa

Live gestreamt: Der Kunstsammler Brett Gorvy erklärt ein Warhol-Gemälde zum Symbol der Hoffnung und redet über die Kunstmarkt-Krisen 2008 und 2020.

          3 Min.

          Mitte November 2009 stand das Bild von Andy Warhol schon einmal prominent auf dieser Seite. Das war ein Jahr nach dem Höhepunkt der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, die von der Blase des amerikanischen Immobilienmarkts ausgegangen war und in deren Verlauf im September 2008 auch die Investmentbank Lehman Brothers in Insolvenz ging. Die Auswirkungen auf den internationalen Kunstmarkt in allen Segmenten waren empfindlich, zumal bei den großen Auktionen. Was nicht zuletzt daran lag, dass niemand, der nicht verkaufen musste, kapitale Kunstwerke in einen Markt gab, in dem, jedenfalls erwartbar, nicht mit entsprechend kapitalkräftigen Käufern zu rechnen war.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Bei dem Bild handelt es sich um Warhols frühen monumentalen Siebdruck „200 One Dollar Bills“ von 1962. Der Zuschlag des Auktionators Tobias Meyer für das mehr als zwei mal 2,3 Meter messende Werk erging – dennoch – am 11. November 2009 bei Sotheby’s in New York bei unerhörten 39 Millionen Dollar; die extrem vorsichtige Taxe hatte bei acht bis zwölf Millionen gelegen. Mit Aufgeld bezahlte der bis heute nicht bekannte Käufer 43,76 Millionen Dollar. Einlieferin war die englische Großsammlerin zeitgenössischer Kunst Pauline Karpidas, die das Bild 1986 bei Sotheby’s für 385 000 Dollar aus dem Nachlass der legendären New Yorker Sammlung von Ethel und Robert C. Scull erworben hatte. Da war offenbar eine Rechnung aufgegangen.

          Symbol der Hoffnung nach der Corona-Krise

          So ließ sich schon im November 2009, nicht nur gestützt auf diesen starken Preis, konstatieren, dass der von manchen vorausgesagte „Annus horribilis“ besonders im Hochpreissegment nicht ganz so katastrophal ausfiel. Die sorgfältige „Kalibrierung“ der Experten, wie sie sich etwa in der niedrigen Schätzung zeigte, hatte sich ausgezahlt. Jetzt hat der britische Kunsthändler Brett Gorvy Warhols extragroße Wandaktie gewissermaßen zum Symbol der Hoffnung nach der Corona-Krise ausgerufen. Gorvy tat das vor einigen Tagen in einem auf Youtube live gestreamten Talk, in dem er sich gut eine Stunde lang den – möglichen, freilich nicht prognostizierbaren – Auswirkungen des derzeitigen shutdown auf dem Kunstmarkt widmet. Dabei spekuliert er nicht müßig herum. Er tut das im Rückgriff auf die Finanzkrise 2007/2008, ohne direkten Vergleich und ohne auszublenden, dass die aktuelle Gesundheitskrise andere Voraussetzungen hat und entsprechend andere ökonomische Folgen haben wird. Gorvy hat Erfahrung genug in seinem Geschäft. Bevor er sich 2016 gemeinsam mit seiner Partnerin, der Schweizer Kunsthändlerin Dominique Lévy, als Galerie Lévy Gorvy mit Hauptsitz in New York selbständig machte, war er 23 Jahre lang bei Christie’s und über viele Jahre dort Chef der Abteilung für zeitgenössische Kunst weltweit.

          Seine temperamentvollen Ausführungen sind durchaus erhellend. So äußert er sich über die anstehenden Probleme und auch Chancen eines zunehmend virtuellen Markts, wenn es am physischen Kontakt mit den Kunstwerken mangelt, den er am Ende selbst so schätzt. Und er erörtert die zunehmende Bedeutung der „private sales“, also der Vermittlung abseits der öffentlichen Auktionen. Dass vermehrte private Aktivitäten den klassischen Kunsthandel, nicht nur im Spitzensegment, wieder stärken könnten, liegt da auf der Hand. Was den „masterpiece market“ angeht, vermutet Gorvy, dass er deutlich schneller zurückkehren könne als der spekulative (Hochpreis-)Markt. Wofür eben auch Warhols Dollarnoten-Ikone im Herbst 2009 stehe, die das Vertrauen in den Markt für Gegenwartskunst wiedererwachen ließ – „it opened the door again for activity“.

          Aber nicht nur die „meisterlichen“ Zeitgenossen ließen 2009 hoffen: Denn schon für die inzwischen legendäre Christie’s-Auktion der Kunstwerke aus dem Besitz von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé im Februar 2009 im Pariser Grand Palais – noch tief inmitten der Finanzkrise – waren die wichtigen Sammler aus aller Welt zurück; sie bezahlten immense Preise. Worum es im Kern geht, lässt sich aus Gorvys Erläuterungen leicht extrahieren: Qualität, die sich allerdings, immer wieder neu, ausdifferenzieren muss. Und die Zugänglichkeit zu solchen hochwertigen Werken. Dann eben kann das richtige Werk im richtigen Moment am richtigen Ort eine Initialzündung sein. Brett Gorvy spricht selbstverständlich in eigener Sache, als Galerist im Primärmarkt und als Händler im Sekundärmarkt, doch er liefert damit einen kleinen kompakten Grundkurs in Kunstmarkt-Verständnis.

          Betrachtet man nun, noch einmal, die teuersten Kunstwerke im Jahr eins nach der globalen Finanzkrise: Den höchsten Preis erzielte ein Alter Meister, wie er extrem selten auf den Markt kommt, nämlich Raffaels „Kopf einer Muse“ in Kreide auf Papier gezeichnet, der Anfang Dezember bei Christie’s in London den Hammerpreis von (seinerzeit) umgerechnet 42,7 Millionen Dollar erzielte. Gefolgt von Henri Matisse, „Les coucous, tapis bleu et rose“, für umgerechnet 41 Millionen Dollar zugeschlagen bei der Yves-Saint-Laurent-Auktion in Paris. Warhols großartig aufsässige „200 One Dollar Bills“ rangieren mit 39 Millionen Dollar auf dem dritten Rang. Übrigens ist diese Summe inzwischen längst überholt, bis hin zu den 94 Millionen Dollar, die Warhols mehr als vier Meter breiter „Silver Car Crash (Double Disaster)“ von 1963 bei Sotheby’s im November 2013 brachte. Was also kommt – demnächst? Ob Gorvy recht behält, wird sich bald zeigen. Die „Neukalibrierung“ des Markts läuft längst auf Hochtouren.

          Weitere Themen

          Eine Strategie für Paris

          Artcurial : Eine Strategie für Paris

          Nach dem Stillstand der letzten Wochen liegt die Priorität im Neustart des Auktionskalenders. Das französische Auktionshaus Artcurial setzt dabei weiter auf Live-Auktionen.

          Topmeldungen

          Nach Tod von George Floyd : Die Wut wächst

          Tausende Menschen sind in London, Berlin und Kopenhagen wegen des gewaltsamen Tods des Afroamerikaners George Floyd auf die Straße gegangen. In Amerika eskaliert die Lage weiter. Donald Trump macht die Antifa verantwortlich – und will sie als Terrororganisation einstufen lassen.

          Öffnung der Gastronomie : Als das Krisengefühl verschwand

          Früher galten die Deutschen als Stubenhocker. Doch in der Krise zeigt sich, was sonst nicht ins Bewusstsein dringt: Die Gastronomie ist systemrelevant. Seit wann ist das eigentlich so? Über die erstaunliche Bedeutung einer Leitbranche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.