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Bitte nur weiches Licht : In der Welt des Thomas Kinkade ist alles gut

  • -Aktualisiert am

Kitsch as Kitsch can: Thomas Kinkade nennt sich selbst „Maler des Lichts“. Vor allem aber ist er ein genialer Geschäftsmann und verdient Milliarden.

          Die englische Zeitschrift „Art Review“ zählt auf der diesjährigen Liste der „Power 100“ wieder internationale Kunstwelt-Titanen auf. Neben berühmten Sammlern, Künstlern, Händlern und Museumsdirektoren steht auf Platz hundert ein Mann mit dem Namen Thomas Kinkade. Wer aber ist Thomas Kinkade?

          Obwohl es keine Schande ist, noch nie von ihm gehört zu haben, so ist dieser Künstler unter der ländlichen Bevölkerung der Vereinigten Staaten weitaus bekannter als ein Jeff Koons, Damien Hirst oder Lucian Freud: Denn seine Motive schmücken dort geschätzte zwölf bis fünfzehn Millionen Haushalte.

          Maler des Lichts

          Thomas Kinkade, 1958 im kalifornischen Sacramento geboren, hat den Beinamen „Painter of Light“ als Handelszeichen eingetragen - und ist allgemeiner Auffassung nach ein Genie: Für einen genialen Künstler halten ihn die einen, für einen genialen Geschäftsmann halten ihn die anderen. Tatsächlich macht Kinkade Kunst für Leute, die nichts von Kunst verstehen, so süß und wohltuend wie heiße Milch mit zu viel Honig, so sanft und harmlos wie ein Kätzchen mit amputierten Krallen.

          Seine Bilder sind der Inbegriff von Kitsch. Kleine Steinbrücken führen über plätschernde Bergbäche, gewundene Straßen weisen den Weg zu heimelig beleuchteten Bauernhöfen mit rauchenden Schornsteinen. Überall bohrt sich die Sonne beim Auf- oder Untergehen durch malerische Wolken; es gibt massenweise Leuchttürme, blühende Gärten, junge Hunde, strohgedeckte Dächer, am Rande spielende Kinder und Landschaften, so idyllisch wie Disneyland selbst.

          Eine Botschaft für alle

          Auch wenn Thomas Kinkade als sein größtes Idol Norman Rockwell, Nordamerikas patriotischen Lieblingsillustrator, anführt, so gehen seine Anleihen an die Kunstgeschichte doch weiter zurück - etwa so, als säße der knorzig barocke Jacob van Ruisdael bei einem Glas Erdbeerschaumwein zu Besuch bei Claude Monet in Giverny. Und immer leuchtet ein Lichtlein von irgendwo her und wirft einen pastellfarbenen Strahl der Hoffnung mit christlicher Botschaft mitten ins Herz des Betrachters.

          Kinkade hat seine Idee von Kunst fürs Volk in ungeahnte Höhen katapultiert, indem er eine Kette von Galerien eröffnete. Seine populistischen Motive hat er sehr erfolgreich in marktstrategisch gestaffelte Produkte umgesetzt. Limitierte Auflagen versichern den Kunden, etwas ganz Besonderes gekauft zu haben, auch wenn es sich dabei um 4000 oder mehr Exemplare handelt. Es gibt einfache Drucke auf Papier, dann „Canvas Lithographs“ auf Leinwand für ein paar tausend Dollar, teurere „Renaissance Editions“ mit echten Farbtupfern, die von eigens ausgebildeten „Master Highlighters“ aufgetragen werden, und andere Varianten mehr.

          Mit Tupfern des Meisters

          An der Spitze der Preispyramide stehen die „Master Editions“, Drucke auf Strukturleinwand, mit Farbtupfern von des Meisters eigener Hand: Sie kosten fünfstellige Dollarsummen. Die Originalgemälde stehen erst gar nicht mehr zum Verkauf. Mit diesen Werken wird eine Echtheitsbestätigung geliefert. Doch um sie absolut fälschungssicher zu machen, besteht die Farbe für die Signatur aus einem besonderen Cocktail, in den die DNA des Künstlers eingeflossen ist - aus seinem Haar oder Blut, so wird versichert.

          In den vergangenen sechzehn Jahren hat die Thomas-Kinkade-Company mit dem Verkauf seiner idyllischen Motive - nicht nur im Bilderrahmen, sondern auch auf Tassen und Möbelstücken - mehr als vier Milliarden Dollar umgesetzt. Die stilistischen Prinzipien des Künstlers kommen in dieser Saison auch in einem Film zum Tragen, der vor kurzem als Video erschienen ist. „Thomas Kinkade's Christmas Cottage“ mit Peter O'Toole und Marcia Gay Harden erzählt die biographisch angehauchte Geschichte von einem jungen Mann, der in einer amerikanischen Kleinstadt durch seine Kunst Armut und Elend überwindet und seine Mutter vor der drohenden Zwangsräumung ihres Häuschens erretten kann.

          Der Film zum Maler

          Das Filmteam erhielt vor den Dreharbeiten Richtlinien des Malers, von denen die Zeitschrift „Vanity Fair“ eine Kopie veröffentlichte: „Bitte nur weiches Licht, Ecken abrunden und Kanten schattieren - das wirkt gemütlicher.“ Er wünschte sich des weiteren versteckte Anspielungen auf seine Töchter Evie, Winsor, Chandler and Merritt, außerdem das Datum seiner Hochzeit und den Buchstaben N für seine Frau Nanette: „Erlauben Sie sich den Spaß und schauen Sie mal, wie oft Sie in meiner Arbeit darauf stoßen.“

          Kinkades „Konzept von Schönheit“ verlangt es, dass er alle „hässlichen Teile“ aus seiner Malerei verbannt, und genauso wünschte er sich auch den Film: Nichts Zeitgenössisches wie neue Autos oder Einkaufszentren sollten die Szenerie verunstalten, sondern ältere Gebäude und Oldtimer sorgen für die charakteristische Atmosphäre.

          Dabei sind es im richtigen Leben vor allem Einkaufszentren und Shopping Malls, die Kinkades Karriere so zuträglich sind; denn hier befinden sich die meisten seiner 400 „Showcase Galleries“ und der 280 lizenzierten „Signature Galleries“, wo an Wochenenden spezielle Events mit einem „Master Highlighter“ durchgeführt werden. Wenn Thomas Kinkade persönlich auftritt, kommen Tausende von Fans, um seine lebensbejahenden Ansprachen zu hören - und vielleicht dem Meister persönlich dabei zuzuschauen, wie er durch ein oder zwei Farbtupfer eine Lithographie in ein einzigartiges Kunstwerk verwandelt.

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