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Bibliothek Nordmann : Kleine Geschichte der Wollust: Erotik, gesammelt von Gérard Nordmann, bei Christie's in Paris

  • -Aktualisiert am

Zum Thema der Liebe und ihrer erotischen Ausformungen hat Gérard Nordma Bücher, Autographen, Briefe und Dokumente von Apollinaire bis Voltaire zu einer einzigartigen Sammlung zusammengetragen, deren erster Teil mit 431 Losen am 27. April zur Auktion gelangt.

          In den rund tausend Büchern und Manuskripten samt Illustrationen von der Renaissance bis ins zwanzigste Jahrhundert, die der Schweizer Geschäftsmann Gérard Nordmann (1930 bis 1992) im Lauf der Jahre zusammengetragen hat, dreht sich alles nur um eines der ältesten Themen der Menschheit: das der Liebe und ihrer erotischen Ausformungen.

          Die Bibliothek Gérard Nordmann, deren erster Teil mit 431 Losen am 27. April bei Christie's in Paris versteigert wird, ist eine einzigartige Sammlung von Büchern, Autographen, Briefen und Dokumenten von Apollinaire bis Voltaire, in der auch die krudesten Liebesszenerien zuallererst Erzeugnisse des Geistes sind. Vor einem Jahr hat die Witwe des Sammlers erstmals 135 Objekte in der Ausstellung mit dem schönen Titel „Eros invaincu“ in der Genfer Stiftung Martin Bodmer der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

          Nach Giulio Romano

          Das früheste Werk und Glanzpunkt der Sammlung ist die einzige bekannte Ausgabe des 16. Jahrhunderts der „Sonetti lussuriosi“ des Pietro Aretino. Die Holzschnitte zeigen explizite „Stellungen“ nach den zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Rom erstellten Zeichnungen von Giulio Romano. Die Originale der Zeichnungen sind verloren, ihre Motive sind aber, dank des Kupferstechers Marcantonio Raimondi, der sie 1524 in Rom vervielfältigte, erhalten geblieben.

          Raimondi landete im Gefängnis, doch Aretino, der über gute Beziehungen zu Papst Clemens VII. verfügte, sorgte dafür, daß er freigelassen wurde. Der skandalumwitterte Schriftsteller ließ sich jedoch nicht abhalten und verfaßte sogleich Sonette zu den Zeichnungen Romanos, die 1525 in mehreren, nicht erhaltenen Auflagen erschienen sind. Nun fiel Aretino seinerseits in Ungnade und entging nur knapp der Ermordung durch päpstliche Schergen. Er zog sich ins liberaler gesinnte Venedig zurück, wo er seine erotischen Dichtungen samt Illustrationen abermals veröffentlichte.

          Der kleine Band mit vierzehn - von ursprünglich sechzehn - Holzschnitten, der noch drei weitere Texte ähnlichen Kalibers enthält, wurde 1928 vom Sohn des Dirigenten Arturo Toscanini wiederentdeckt und 1978 schon einmal bei Christie's in New York versteigert. Gérard Nordmann konnte die „wollüstigen Sonette“, die nun auf 250 000 bis 350 000 Euro geschätzt werden, zwei Jahre später vom New Yorker Händler Hans P. Kraus erwerben.

          Glühende Zeilen

          Vier Jahrhunderte später wird literarische Unkeuschheit von der Öffentlichkeit ebensowenig goutiert. Der 1954 bei Jean-Jacques Pauvert in Paris unter dem Pseudonym Pauline Réage veröffentlichte Roman „Histoire d'O“ sorgte für einen Skandal. Lange wurde über den Verfasser gerätselt, bis Dominique Aury, die ehemalige Geliebte des Dichters Jean Paulhan, für den sie die glühenden Zeilen verfaßte, sich 1994 im „New Yorker“ offiziell als Autorin zu erkennen gab. Für das vollständige, mit Bleistift verfaßte Manuskript des „Liebesbriefs“, dem das Manuskript von „Retour à Roissy“, ein Text von 1969, beigefügt ist, sind schätzungsweise zwischen 80 000 und 120 000 Euro anzulegen.

          In der Verdammung jeglicher Moral ist jedoch kaum einer so weit gegangen wie der „göttliche Marquis“ Donatien Alphonse François de Sade, aus dessen Hand ein Ensemble von Notizen zu „La Nouvelle Justine“ angeboten werden. Die drei mit brauner Tinte beschriebenen Blätter zur 1797 erschienenen Neufassung des Romans „Justine ou les malheurs de la vertu“ von 1791 gehören zu den seltenen Manuskripten Sades in Privatbesitz (150 000/200 000).

          Doch keineswegs vulgär

          Der Geist des Eros machte auch vor hehrer Literatur nicht halt. Die „Sauglocke“ von Ignaz Franz Castelli - die Originalausgabe eines kleinen, um 1840 in Wien oder München erschienenen Bändchens mit sieben Lithographien - ist eine Parodie auf Schillers „Glocke“ (6000/8000). Hans Bellmer lieferte elf Radierungen zu Kleists „Marionettentheater“, das als kostbare Edition 1969 in Paris von Georges Visat in französischer Übersetzung verlegt wurde. Das Exemplar von „Les Marionnettes“ von Georges Leroux - im Einband mitsamt den elf signierten Kupfertafeln Bellmers - ist auf 30 000 bis 40 000 Euro geschätzt.

          Alle Dokumente zeigen, daß es der Moral zu keiner Zeit gelungen ist, die Lust zu zügeln: Ein Polizeiregister aus der Bastille von 1790 gibt die Liste aller Priester wieder, die unter dem Ancien régime bei den Freudenmädchen von Paris in flagranti erwischt wurden, und beschreibt genüßlich die Art ihrer „Amusements“ (1500/2000 Euro), während die elf Bände von Sir Henry Spencer Ashbees Tagebuch eines britischen Gentlemans, „My Secret Life“, mitsamt vierzig Aquarellzeichnungen ein Licht unter den Deckmantel des Anstands der Viktorianischen Gesellschaft werfen (25 000/30 000).

          Doch das vielleicht schönste Zeugnis erhabener Freizügigkeit liefert der Brief (30 000/40 000), mit dem Ludwig XV. 1769 seinem Enkel Ferdinand de Bourbon zur Hochzeitsnacht und ihren „großen Freuden“ gratulierte - der fröhliche, offene, doch keineswegs vulgäre Ton des Königs ist auch in Zeiten der sexuellen Befreiung keine Selbstverständlichkeit.

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