https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/biaf-2022-biennale-fuer-kunst-und-antiquitaeten-in-florenz-18338831.html

Kunst-Biennale in Florenz : Hier gibt es nicht nur Renaissance zu sehen

  • -Aktualisiert am

Was für eine Aussicht: Henry Moores Skulpturengruppe einer Familie aus dem Jahr 1949 schaut von San Miniato al Monte hinab auf Florenz. Bild: Serge Domingie

Auf der Florentiner Biennale für Kunst- und Antiquitäten (BIAF) lassen sich wieder Werke von höchster Qualität bewundern und erwerben. Doch die Traditionsmesse schaut nach vorn. Passend dazu gastiert Henry Moore in der Stadt.

          3 Min.

          Im Jahr 1959 aus der Taufe gehoben, zeugte die Florentiner Biennale für Kunst- und Antiquitäten (BIAF) von der Aufbruchstimmung der Nachkriegszeit. Et­was von dieser anfänglichen Zuversicht hat sich auch auf die 32. Ausgabe der wichtigsten Messe für italienische Kunst übermittelt, die nach drei Jahren pandemiebedingter Pause mit frischem Elan um größere internationale Aufmerksamkeit buhlt.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Dem setzt das restriktive italienische Kulturschutzgesetz freilich Grenzen: Bei allem Trara um die Internationalisierung sind die rund achtzig Aussteller in dem prunkvollen Barockambiente des Palazzo Corsini fast ausschließlich Italiener, auch wenn manche von ihnen mit ei­nem oder beiden Füßen im Ausland stehen. Und einige der exquisitesten Objekte, darunter die vier direkt aus dem Palazzo der ursprünglichen Auftraggeber kommenden, um 1690 datierten Terracotta-Tondi mit biblischen Szenen des bolognesischen Bildhauers Giuseppe Maria Mazza, die Alessandra di Castro (Rom) für 280.000 Euro anbietet, können nicht außer Landes gebracht werden.

          Bei Alessandro di Castro (Rom): Giuseppe Maria Mazza, „Tanz um das Goldene Kalb“, um 1690, eines von vier Terracottareliefs im Holzrahmen, 28 mal 40 Zentimeter, die zusammen 280.000 Euro kosten.
          Bei Alessandro di Castro (Rom): Giuseppe Maria Mazza, „Tanz um das Goldene Kalb“, um 1690, eines von vier Terracottareliefs im Holzrahmen, 28 mal 40 Zentimeter, die zusammen 280.000 Euro kosten. : Bild: Alessandro di Castro (Rom)

          Sofern Werke von Nicht-Italienern vertreten sind, haben sie oft einen lokalen Bezug, sei es, dass sie aus italienischem Besitz kommen oder von Künstlern stammen, die in Italien unterwegs waren, wie es bei Jakob Philipp Hackert der Fall ist. Der deutsche Landschaftsmaler der Goethe-Zeit ist sowohl bei Lampronti (Rom) mit einer 1793 datierten Vedute der Hügel über der Bucht von Neapel als auch bei Giglio (Mailand) mit zwei späteren An­sichten aus toskanischem Besitz vertreten. Werke ausländischer Künstler wie Ai Weiwei, Paul Klee oder Wassily Kandinsky bilden unter den alten Meistern und eta­blierten moderneren Namen von dem Belle-Époque-Maler Giovanni Boldini über de Chirico bis hin zu Piero Manzoni und Piero Dorazio die Ausnahme.

          Vor allem italienisch: Alesso Di Benozzo Gozzoli, „La Pala Rigoli“, thronende Muttergottes mit Heiligen und Engeln, 197,5 mal 173 Zentimeter, Preis auf Anfrage bei Altomani & Sons (Mailand und Pesaro)
          Vor allem italienisch: Alesso Di Benozzo Gozzoli, „La Pala Rigoli“, thronende Muttergottes mit Heiligen und Engeln, 197,5 mal 173 Zentimeter, Preis auf Anfrage bei Altomani & Sons (Mailand und Pesaro) : Bild: Altomani & Sons

          Als Generalsekretär der BIAF sucht Fabrizio Moretti die Konzentration aufs Italienische keineswegs herunterzuspielen. Er hat auch keinen Grund dazu, denn an Qualität fehlt es nicht. Moretti ist ein Altmeister-Händler der jüngeren Generation, die diesem Sektor neue Dynamik verleihen wollen, etwa durch ein von der BIAF beauftragtes Doku-Spiel, das der Jugend über eine kostenlose App das historische Vermächtnis von Florenz vermitteln soll. Nach Moretti, der die Messe gern als „Museum zum Verkauf“ anpreist, liegt die internationale Dimension nicht zuletzt beim Publikum: Museumskuratoren und Sammler seien aus aller Welt angereist.

          Die Stadt, die von Anfang an in der Messe eine Chance zur Tourismusförderung sah, hat die Kultureinrichtungen ermutigt, im Rahmen der gleichzeitig stattfindenden Florence Art Week parallele Veranstaltungen anzubieten. So wird die Fassade des Palazzo Bar­tolini Salimbeni von dem Videokünstler Fabrizio Plessi bespielt; Olafur Eliasson macht im Palazzo Strozzi sein italienisches Ausstellungsdebüt mit Lichtinstallationen, von denen es eine auch als NFT gibt; und das Museo del Novecento präsentiert Plastiken und Zeichnungen des bri­tischen Bildhauers Tony Cragg. Auf der Piazza della Signoria, dem einstigen politischen Zentrum der Stadt, tritt Henry Moores fünf Meter hohe Bronze „Large Interior Form“ aus den Fünfzigerjahren in Beziehung zu Michelangelos „David“ – ei­ne von mehreren Interventionen, mit de­nen der hohe Wellen schlagenden Henry-Moore-Schau gedacht wird, die das rückwärtsgewandte Florenz vor fünfzig Jahren mit der Moderne konfrontierte.

          In Kooperation mit der BIAF und der Moore Foundation von Museo del Novecento auf die Piazza della Repubblica gebracht: Henry Moores Statue „Large Interior Form“ (1953/54)
          In Kooperation mit der BIAF und der Moore Foundation von Museo del Novecento auf die Piazza della Repubblica gebracht: Henry Moores Statue „Large Interior Form“ (1953/54) : Bild: Serge Domingie

          Das Motiv des künstlerischen Dialogs über Epochen hinweg fügt sich gut zur BIAF. Denn auf der Messe, wo Innenausstatter Matteo Corvino die Kojen mittels einer potemkinschen Kulisse so in den In­nenhof integriert hat, als gehörten sie zum Bestand, macht sich die inzwischen allerorts im Altmeisterhandel geübte Cross-over-Vermarktung alter und neuer Kunst stark bemerkbar. Robilant+ Voena (London, Mailand, Paris, New York) haben eine florentinische Kreuzigung des 14. Jahrhunderts mit einer die giotteske Malerei beschwörenden Landschaft des jungen Giorgio Morandi und einer Skulptur Lucio Fontanas gepaart, die eine klaffende Wunde suggeriert.

          Allerdings ist die Zahl der Händler mit genügend Vertrauen in ihre jeweiligen Fachgebiete, um sich nicht vom Trend verführen zu lassen, auffallend stark. Zu ihnen gehören Moretti (London, Monaco) mit einer strengen Auswahl von Goldgrundtafeln ebenso wie der Rö­mer Alberto di Castro, unter dessen reichem Angebot an Kunsthandwerk ein im 19. Jahrhundert für Karl Albert von Savoyen gefertigter silberner Trüffelhobel (30.000 Euro) zu finden ist. Der streitbare Kulturkritiker Vittorio Sgarbi, der zeitweilig Kulturstaatssekretär unter Berlusconi war, riss bei der Pressekonferenz das Wort an sich mit einem fulminanten Angriff auf den Umgang des Staates mit dem Handel, der mit Auflagen bestraft werde, statt durch Ankäufe wichtiger Objekte für Mu­seen unterstützt. Sgarbi meinte, es seien mindestens dreißig museumsreife Werke auf der Messe vertreten. Eines dürfte am Stand von Antonacci Lapiccirella (Rom) das sogenannte Selbstporträt Giorgiones sein, mit dem der Bildhauer Antonio Canova nicht nur sein malerisches Können an den Tag legte, sondern auch die römische Kunstwelt reinlegte. Jetzt steht für eine Million Euro zum Verkauf.

          Weitere Themen

          So schön ist Ruhegeld

          Neues vom RBB-Skandal : So schön ist Ruhegeld

          Wer aus einem Topjob im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausscheidet, bekommt danach, bis zur Pension, üppiges „Ruhegeld“. Beim RBB gibt es dafür ein weiteres prominentes Beispiel.

          Topmeldungen

          Nancy Faeser bei ihrer Ankunft in Doha einen knappen Monat vor Beginn der Fußball-WM in Qatar

          Fußball-WM : Selbstbewusstes Qatar, selbstgerechtes Deutschland

          Qatar will nach der WM die strategischen Beziehungen neu ordnen. Wo­möglich kann Diplomatie die Verstimmung, die Deutschland zuletzt hervorgerufen hat, nicht mehr ausgleichen. So dringend ist Qatar nicht auf Berlin angewiesen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.