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Bestimmt kein Absturz! : Die teuersten Kunstwerke in Deutschland 2020

1. Georges de la Tour, „La fillette au braisier“, um 1646, Öl auf Leinwand, 76 mal 55 Zentimeter: Zuschlag 3,6 Millionen Euro (Taxe 3/4 Millionen), am 8. Dezember bei Lempertz in Köln. Bild: Lempertz

Die höchsten Zuschläge für Kunst in Deutschland: Drei Millionenpreise, zwei glanzvolle Alte Meister, Expressionismus und Neue Sachlichkeit bleiben stark.

          3 Min.

          Der direkte Vergleich zum Vorjahr 2019 verbietet sich. Da war das Auktionsgeschehen in gut gefüllten Sälen meist vom Publikum bestimmt, das dort seine Gebote abgab. In diesem Jahr zwang die Pandemie dem Auktionsmarkt, wie sämtlichen Bereichen des Lebens, ihre Bedingungen auf. Die Zuschläge werden nun von schriftlichen Geboten, maßgeblich aber von der Beteiligung online bestimmt. Inzwischen kann man sich auch Kunstversteigerungen fast nur noch im Livestream vorstellen.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Doch erstaunlich ist, wie schnell sich die Marktteilnehmer auch hierzulande auf die neuen Verhältnisse eingestellt zu haben scheinen, die Auktionsfirmen wie ihre Kundschaft. Und durchaus bemerkenswert sind die Ergebnisse, die dabei im Hochpreissegment – ausdrücklich um diese Resultate geht es hier – zu konstatieren sind. Nicht wenige der Preise verdanken sich, bis in den Dezember hinein, gewiss der vorausschauenden Akquisepraxis der einzelnen Häuser, die zudem Spitzenwerke einbrachte. Dass Deutschland – zumal nach den Unkenrufen wegen des erneuerten Kulturgutschutzgesetzes, das im kommenden Jahr evaluiert werden soll – offenbar doch kein so schlechter Platz für die Versteigerung hochrangiger Kunst auch an ausländische Interessenten ist, darf erfreulich genannt werden.

          2. Gerhard Richter, Christiane und Kerstin“, 1968, Öl auf Leinwand,
86 mal 91 Zentimeter: Zuschlag 2,1 Millionen Euro (Taxe 600.000/800.000), am 17. Juli bei Ketterer in München. Bilderstrecke
          Bestimmt kein Absturz! : Die teuersten Kunstwerke in Deutschland 2020

          Wie schon 2019 liegt das Münchner Haus Ketterer, nach Plazierungen, in den Top Ten vorn, diesmal mit sieben Nennungen. Dort kam im Juli Gerhard Richters Doppelbildnis der Schwestern „Christiane und Kerstin“ (2) für sehr gute 2,1 Millionen Euro unter den Hammer; in den internationalen Top Ten fehlt Richter übrigens, wie schon 2018 und 2019. Deutlich über der Schätzung positionierte sich auch Ernst Ludwig Kirchners spätexpressionistisches „Unser Haus“ mit 1,35 Millionen Euro (3). Karl Hofers Großformat „Arbeitslose“ von 1932 erlangte bei Ketterer den hohen Zuschlag von 660.000 Euro (8). Das Gemälde wurde von der Deutschen Bank eingeliefert, die inzwischen Werke ihrer Sammlung nicht mehr anonym veräußert. Erworben soll es eine „Berliner Privatsammlung“ haben, dazu nur dies: Man hätte dieses ergreifende Zeugnis der Weltwirtschaftskrise einem wichtigen deutschen Museum gewünscht! Vielleicht wird daraus ja noch etwas?

          Auch Lempertz in Köln hatte 2020 einen Lauf und schaffte im Dezember mit der Versteigerung von 22 Altmeister-Losen aus der Sammlung des 2005 gestorbenen Unternehmers Hinrich Bischoffs einen echten Coup: Georges de la Tours großartige „Fillette au braisier“ kam auf 3,6 Millionen Euro (1); das bedeutet den globalen Auktionsrekord für den am Markt raren Künstler. Nach Auskunft von Lempertz ist der Käufer, der mit Aufgeld 4,34 Millionen dafür bezahlt, ein „ausländisches Museum“; man darf gespannt sein, ob der Name bekannt wird. Die Auktion brachte einen zweiten Alten Meister, das ist besonders erfreulich, nach oben in die Spitze, mit 1,3 Millionen Euro für die kleine Holztafel einer „Betenden Maria“ des Quinten Massys (4).

          Grisebach in Berlin belegt im Edelhirschrennen der Auktionsfirmen diesmal drei Positionen, besonders attraktiv ist die große „Geisha-Revue“ von 1913 des bisher nicht in den Top Ten gelisteten Expressionisten Georg Tappert, die im Dezember auf ein Gebot von 570.000 Euro kam, deutlich über der Taxe (10). Als Wiederkehrer bei Grisebach firmiert Max Liebermanns „Große Seestraße in Wannsee“ (9b); das Bild kostete an selber Stelle im November 2015 mit Aufgeld 889.000 Euro, jetzt werden 745.000 Euro dafür fällig. Und charmant eingemischt hat sich in die deutsche Spitzengruppe ein zierliches hölzernes Kästchen aus dem China des 16./17. Jahrhunderts (7b), das bei Nagel in der Auktion „Asiatische Kunst“ im Dezember seine Schätzung ungefähr verzehnfachte, bestimmt dank eines Käufers aus Asien. Das Stuttgarter Haus setzt so, nach seiner kompletten Neuaufstellung in diesem Jahr, ein positives Signal.

          Einer der Höhepunkte 2020, jenseits der Top Ten, war bei Van Ham in Köln Ende September die Versteigerung „From a Universal Collector“. Unter den rund 500 Losen aus der Privatsammlung des Naturwissenschaftlers und Mäzens Thomas Olbricht erregten vor allem die Bestände seiner „Kunst- und Wunderkammer“ internationales Aufsehen und Engagement. Sie sorgten für einen white glove sale, also den Verkauf aller Lose; dabei konnte zum Beispiel der kleine Vanitas-Kopf aus Elfenbein eines Rosenkranzes das Gebot von 17.000 Euro (Taxe 2000/3000) erfordern.

          Was das nun bedeutet, zumal für eine nahe Zukunft, aus der Covid-19 vorerst nicht wegzudenken ist? Ja, Deutschland kann absolut ein guter Platz sein – wenn das Angebot eben genauso stimmt wie in diesem Jahr. Es könnte sogar sein, dass die uns allen aufgezwungene Virtualität eine Klientel mobilisiert hat, die sich entsprechend ihren Interessen und Bedürfnissen weltweit umtut. Dafür jedenfalls, dass die deutschen Auktionshäuser so wendig und klug auf die unerwartete Lage reagiert haben, gebührt ihnen aller Respekt.

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