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Berühmter Zyklus : In Picassos Harem

Aus der späten Serie „Les femmes d’Alger“ des Künstlers ist jetzt ein zweites Bild in einer Auktion verkauft worden. Es hat durchaus museale Qualität. Der ganze Zyklus ist seit 1955 nicht mehr komplett ausgestellt worden.

          3 Min.

          Genau vom 13. Dezember 1954 bis zum 14. Februar 1955 entstand Picassos Zyklus „Les femmes d’Alger“. Es sind fünfzehn Bilder – zehn sehr bunte Gemälde und fünf in Grau als Grisaillen – in unterschiedlicher Größe, von Picasso mit „A“ bis „O“ bezeichnet. Nun ist in einer Auktion bei Christie’s in New York ein Bild aus dieser Serie versteigert worden: die Version „F“ von „Les femmes d’Alger“, gemalt am 17. Januar 1955. Sie wurde für 25,5 Millionen Dollar einem unbekannten Bieter zugeschlagen, er bezahlt dafür mit dem Auktionsaufgeld insgesamt 29,2 Millionen Dollar. Die Schätzung lag „im Bereich von“ 25 Millionen Dollar, die über eine Garantie dem ebenfalls anonymen Einlieferer vorher sicher waren.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Möglicherweise wurde ein höherer Preis dafür erwartet, weil es um ein Werk von durchaus musealer Qualität geht, das seit 1956 nicht mehr im Markt sichtbar war. Laut der Provenienz-Angabe im Auktionskatalog gehörte diese Version „F“ seit 1957 den New Yorker Händlern Daniel und Eleanore Saidenberg, deren Nachkommen sie aus ihrer privaten Sammlung erst 2011 an den Einlieferer verkauften. Vor allem aber ist es überhaupt erst das zweite Bild aus dem Zyklus, das seit 1997 in einer Auktion auftauchte. Und das andere, erste Gemälde hat Auktionsgeschichte geschrieben: Denn am 11. Mai 2015 erzielte die abschließende Version „O“ von „Les femmes d’Alger“, gemalt am 14. Februar 1955, 160 Millionen Dollar, mit Aufgeld sind das 179,4 Millionen; der Käufer ist bis heute unbekannt.

          Diese Version „O“ war dann gut zwei Jahre lang das teuerste Bild jemals in einer Auktion (bis der Leonardo da Vinci zugeschriebene „Salvator Mundi“ im November 2017 mit 450 Millionen Dollar alle Normen sprengte). Wobei die schöne, großformatige Version „O“ schon vor fünf Jahren mit einer zuvor nie genannten Erwartung von 140 Millionen Dollar versehen war, ebenfalls abgesichert mit einer Garantie, wohl etwa in dieser Höhe.

          Picassos Zyklus – der bisher nur ein Mal in Gänze, 1955 im Musée des Arts Décoratifs in Paris, ausgestellt war – ist unter mehreren Aspekten von Bedeutung. Es ist seine ultimative künstlerische Auseinandersetzung mit Eugène Delacroix’ Großformat „Les femmes d’Alger“ von 1834 im Louvre. Delacroix stellte drei Frauen in einem privaten Harem in Algier dar, zu dem er Zutritt erhielt. Sein Gemälde gilt als die Urszene des Orientalismus, der bis hin zu Henri Matisse mit seinen berühmten Odalisken reicht – und eben bis zu Picasso. Der war stark bewegt vom Tod seines bedeutenden Konkurrenten und Freunds; Matisse war am 3. November 1954 gestorben. Nur einige Wochen später begann er mit seiner Werk-Gruppe. Hinzu kam Picassos private Situation: Nachdem Françoise Gilot ihn 1953 mit den gemeinsamen Kindern Claude und Paloma verlassen hatte, lebte er seit Herbst 1954 mit seiner mehr als 45 Jahre jüngeren neuen Gefährtin Jacqueline Roque zusammen; inzwischen war er 73 Jahre alt.

          Picasso baute Jacqueline Roque erkennbar links im Vordergrund als die Frau mit den entblößten Brüsten in die Versionen „F“ und vor allem „O“ ein. Sie wurde so gleichsam von ihm inthronisiert; er verleibte sie seinem persönlichen „Harem“ ein. Und sie wird danach so oft von ihm porträtiert werden wie keine ihrer Vorgängerinnen – nicht zuletzt, weil sich sein Radius zunehmend einschränkte. Außerdem gehören „Les femmes d’Alger“ in die Reihe jener „Art from Art“-Arbeiten, in denen der späte Picasso sich künstlerische Vorgänger aneignet, wie Cranach, Dürer oder Grünewald, um sie in seiner Bildsprache zu verfremden.

          Noch einmal zurück zur Kunstmarkt-Historie der zwei Gemälde: Die jetzt versteigerte, mit 54 mal 65 Zentimetern nicht ganz halb so große Version „F“ steht in direkter Beziehung zur kapitalen Version „O“ mit ihren Maßen von 114 mal 146 Zentimetern. Im Juni 1956 hatte das amerikanische Sammlerpaar Victor und Sally Ganz den gesamten Zyklus in der Galerie Louise Leiris in Paris erworben, für achtzig Millionen französische Franc, umgerechnet 212.500 Dollar. Als die eminente Ganz-Kollektion im November 1997 in New York auktioniert wurde, waren darunter noch vier Varianten, die Versionen „O“, „M“, „H“ und „K“. Die Version „F“ war als eines der restlichen elf Bilder schon vorher veräußert worden. Die meisten von ihnen befinden sich heute in Museen in Amerika; das Museum Berggruen in Berlin besitzt die Version „L“, eine der Grisaillen.

          Das Hauptstück der Ganz-Kollektion war die Version „O“, die 1997 bei einer Schätzung von zehn bis zwölf Millionen schon 31,9 Millionen Dollar inklusive Aufgeld kostete; gekauft hat es die Londoner Händlerin Libby Howie für einen bis heute unbekannten Kunden. Er gilt als der Einlieferer des Gemäldes, das dann 2015 knapp 180 Millionen Dollar kostete. Bei aller Attraktivität der Version „O“ bleibt dieser hohe Preis für das relativ späte Werk Picassos doch eines der Rätsel, die der Kunstmarkt immer wieder produziert. Immerhin lässt sich sagen, dass erst dieser Hype Picassos „Les femmes d’Alger“-Zyklus einer breiteren Öffentlichkeit bekanntgemacht hat. Und der Preis für die kleinere Version „F“ erscheint da nachgerade realistisch.

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