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Auktion George Grosz : Auf eine Molle in die Halbwelt

  • -Aktualisiert am

Obertaxe 300.000 Euro bei Lempertz: George Grosz, „Ganoven an der Theke“, 1922, Tuschfeder und Aquarell auf Velin, 62,5 mal 49 Zentimeter Bild: Lempertz/VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Die düsteren Seiten der Goldenen Zwanziger: Ein Blatt von George Grosz im Auktionsangebot zeitgenössischer und moderner Kunst bei Lempertz in Köln fängt sie ein.

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          Drei düstere Gestalten in alerter Pose fixieren den Betrachter – ganz so, als seien sie gerade gestört worden. Der mit Spielkarten, Weinflasche und Bierhumpen vollgestellte Tisch zeugt von einem munteren Abend in zwielichtigem Ambiente. Die vordere Gestalt, ein grobschlächtiger blonder Kerl mit wulstigen Lippen und rot geäderter Trinkernase, ist in der Bewegung eingefangen, als sie sich zum Schlagstock greifend umwendet. Eine der beiden hinteren Personen, ein elegant gekleideter Herr in Dreiteiler, Krawatte und Zylinder, baut sich drohend vor der Dame auf. Sie blickt, grell geschminkt und mit feuerrotem Haar, listig aus dem Bild heraus.

          George Grosz bannte die kleine Gesellschaft 1922 auf Velinpapier. Dabei steht die vom Künstler verwendete, leuchtend fröhlich wirkende Farbpalette in krassem Gegensatz zum finsteren Bildthema des 62 mal 49 Zentimeter messenden Aquarells. Grosz’ Darstellungen des Gesellschaftlichen der Goldenen Zwanziger sind Ikonen der Moderne: Mit dadaesk-burleskem Humor und einer Portion Zynismus verarbeitet er die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs. Dessen wirtschaftliche wie gesellschaftliche Folgen treten in der Weimarer Republik besonders in Berlin, dem Geburt- und Sterbeort von Grosz, offen zutage. Schon 1916 hatte der Maler, der 1933 in die Vereinigten Staaten emigrierte und erst kurz vor seinem Tod 1959 nach West-Berlin zurückkehrte, seinen Namen anglisiert, um seine Antikriegshaltung zu demonstrieren und die patriotische Stimmung im Kaiserreich zu konterkarieren. Passend dazu hat kürzlich in Berlin-Schöneberg „Das kleine Grosz-Museum“ eröffnet – mit der Ausstellung „Schreiben Sie doch bitte Grosz statt Gross. Wie aus Georg Ehrenfried Gross der politische Künstler George Grosz wurde“. Sie ist bis zum 30. September zu sehen. Das Museum befindet sich in einer Tankstelle aus den Fünfzigerjahren, die der Galerist und Sammler Juerg Judin vor mehr als zehn Jahren zum Wohnhaus umbaute. Aus Judins Sammlung, anderen privaten Leihgaben und dem Nachlass des Künstlers, den Ralph Jentsch verwaltet, stammen die Werke für die künftigen Ausstellungen.

          Grosz’ signiertes Aquarell „Ganoven an der Theke“ ist eines der Toplose in Lempertz’ Offerte mit Moderne und Zeitgenossen, die am 1. Juni in Köln auktioniert wird. Das Blatt ist auf 250.000 bis 300.000 Euro taxiert. 1992 wurde es bei Kornfeld in Bern vom heutigen Besitzer erworben. Unter den selten, weil farbprächtigen und großen Blättern von Grosz lässt sich seit Jahrzehnten eine Preissteigerung erkennen. Lempertz versteigerte zuletzt im Dezember 2016 das kleinere, aber ähnlich farbintensive Aquarell „Soirée“ von 1922 für 446.400 Euro mit Aufgeld. Die Erwartungen lagen damals ebenfalls bei 250.000 bis 350.000 Euro.

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