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Auktion Sammlung Gerlinger : Expressionismus vom Feinsten

  • -Aktualisiert am

Hermann Gerlinger hat für seine Sammlung expressionistischer Kunst nie eine dauerhafte Bleibe in einem Museum finden können. Nun kommt der erste Teil der Kollektion bei Ketterer zur Auktion – neben weiteren musealen Glanzlichtern.

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          Mehr als tausend Arbeiten umfasst die Kunstsammlung des Würzburger Unternehmers Hermann Gerlinger, die über die nächsten vier Jahre verteilt unter den Hammer kommen soll. Verhandlungen mit mehreren Museen, die der Kollektion eine dauerhafte Bleibe hätten sichern können, waren gescheitert. Die erste Versteigerung der ersten Tranche eröffnet bei Ketterer am 10. Juni die Abendauktion. Die Erlöse sollen gemeinnützigen Organisationen zugutekommen. Gerlinger setzte bei seiner in den Fünfzigerjahren begonnenen Sammlertätigkeit den Schwerpunkt bei Werken der Künstlervereinigung „Brücke“, die mit 42 Arbeiten antritt. Es handelt sich überwiegend um Arbeiten auf Papier: seltene Holzschnitte, Aquarelle, Zeichnungen. Das meiste stammt aus den „eigentlichen“ “Brücke“-Jahren zwischen der Gründung der Gruppe 1905 und ihrer Auflösung 1913.

          1909 aquarellierte Erich Heckel an den Moritzburger Teichen sein Lieblingsmodell „Fränzi mit Decke“ (Taxe 80.000 bis 100.000 Euro). Ebenfalls sieht man Fränzi auf Heckels Ölbild „Kinder“ von 1910, dem mit 600.000 bis 800.000 Euro höchsttaxierten Werk der Suite. Deren meiste Lose signierte Ernst Ludwig Kirchner, etwa die schöne farbige Kreidezeichnung seiner selbst im gemusterten Hausrock nebst Modell (200.000/ 300.000) oder die 1923 in Öl gemalten „Ringer“ (400.000/600.000). Mit nur einem Blatt ist Otto Mueller präsent. Es zeigt eine Südseeschönheit unter Palmen (15.000/20.000). Gleich zwei Gemälde erwirbt, wer sich Max Pechsteins Aktszene „In der Hängematte“ von 1910 sichert: Auf die Rückseite malte der Künstler 1922 noch „Boote auf der Ostsee“ (300.000/400.000). Karl Schmidt-Rottluffs Ölbild „Afrikanische Schale“ von 1926 hing in der nationalsozialistischen Schmähschau „Entartete Kunst“ (200.000/300.000).

          Auch im Anschluss an die Gerlinger-Lose kommen „Brücke“-Künstler zum Aufruf, darunter Pechstein mit bunten „Fischerkuttern“ (1923) und 250.000 bis 350.000 Euro beziffert. Die Leuchtkraft von „Rittersporn und Silberpappeln“ in seinem Garten bannte Nolde mit pastoser Farbe auf einer Leinwand, die, noch vom Künstler gerahmt, nach fast neunzig Jahren in Familienbesitz auf den Markt kommt (500.000/700.000). Das Top-Los schuf jedoch ein Expressionist aus dem Umfeld des „Blauen Reiters“. August Macke malte „Mädchen mit blauen Vögeln“ im Kriegsjahr 1914, wenige Monate bevor er fiel. Von der zwischen violetten Baumstämmen auf gelbgrünem Grund gebetteten friedlichen Szene mochte sich Mackes Witwe lange nicht trennen, bis sie das schon von Zeitgenossen hochgelobte Bild 1928 dem Krefelder Sammler Erich Raemisch überließ. Nun erst sucht es wieder ein neues Heim; die Taxe liegt bei 2 bis 3 Millionen Euro.

          Eine ebenfalls bemerkenswerte Herkunftsgeschichte steht hinter zwei großen Aquarellen von Otto Dix. Sie stammen aus dem „Schwabinger Kunstfund“ bei Cornelius Gurlitt. Das Kunstmuseum Bern als dessen Erbe restituierte sowohl die zweideutig zwischen Zirkus und Bordell changierende „Dompteuse“ (100.000/150.000) als auch die „Dame in der Loge“ (140.000/180.000) den Erben des von den Nationalsozialisten in den Tod getriebenen Breslauer Sammlers Ismar Littmann und der Enkelin eines Helfers in der Not.

          Da Provenienzen zu den wichtigen Aushängeschildern von Kunstwerken zählen, werden Interessenten gerne registrieren, dass Georg Baselitz seinen „Waldweg“ von 1974 einst seinem Malerfreund A. R. Penck schenkte (700.000/900.000). Durch die Hände renommierter Sammler ging auch Nays „Maurisches Mädchen“ aus der „Hekate“-Serie. Es gehörte früher Prinz Franz von Bayern (90.000/120.000). Cindy Shermans „Untitled #282“ aus einer Fashion-Serie für das Magazin „Harper’s Bazaar“ schmückte seit seiner Entstehung 1993 Lothar Schirmers Sammlung (450.000/550.000). André Derains Arbeit „Arbres aux environs de Martigues“, geschaffen in der Blütezeit des Fauvismus 1908, starteten ihren Weg in Daniel Kahnweilers Galerie (100.000/150.000). Als der große Galerist Konrad Fischer noch Konrad Lueg hieß und Künstler war, malte er 1964 seine von der Pop-Art inspirierten „Fußballspieler“ (180.000/300.000).

          Wenig Weiß und ein Streifen Ocker steigern die Wirkung von Pierre Soulages’ ureigenem Tiefschwarz von „Peinture 54 × 73, 26 septembre 1981“ (400.000/600.000). Gerhard Richters „Abstraktes Bild“ von 1988 füllt ein Quadrat von 62 mal 62 Zentimetern (600.000/800.000), und Katharina Grosse sprühte das größte gegenstandslose Bild des Angebots auf eine 5,5 mal knapp vier Meter messende Leinwand (250.000/350.000). Karin Kneffel beschäftigten „Fragen zu Realität und Realismus“, als sie ihre Früchtestillleben schuf. Wer Appetit auf ihre riesigen „Äpfel“ von 1996 hat, muss 90.000 bis 120.000 investieren. Kunst des 19. Jahrhunderts geht am 11. Juni über Ketterers Auktionspult. Carl Spitzweg sorgt mit vier Gemälden für Spitzenlose, seine „Stadtwache“, drei schläfrige Soldaten in einem mittelalterlichen Städtchen, sollte 60.000 bis 80.000 Euro einspielen.

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