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Kunst- und Antiquitätenwochen : Bamberg öffnet seine Schatztruhen

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Die wunderschöne alte Kaiserstadt ist wie maßgeschneidert für ihre Kunst- und Antiquitätenwochen. Auch im 21. Jahr sprudeln die Quellen für erlesene Stücke. Es gibt sogar einen Kudu.

          Zwischen dem alten wasserumspülten Brückenrathaus in der Regnitz und dem Dom mit dem berühmten Reiterstandbild erstreckt sich das Herzstück der Weltkulturerbestadt Bamberg. Kaum zu glauben, dass es dort, wo neben historischen Gaststätten und kleinen Läden heute der Bamberger Antiquitätenhandel sitzt und wo es an schönen Tagen wie auf Ameisenstraßen von staunenden Besuchern wimmelt, noch in den sechziger Jahren recht still zuging. Die heute begehrten, wunderschönen alten Immobilien waren da noch für einen Apfel und ein Ei zu haben. Das jedenfalls erzählt Walter Senger, der dort seit vierzig Jahren mit erlesenen Dingen aus der Vergangenheit handelt und die Altstadt wie seine Westentasche kennt.

          So weiß er etwa, dass viele Häuser auf gotischen Kellern sitzen. Auch unter seinem Laden in der Karolinenstraße stießen einst die Handwerker hinter einer geschlossenen Wand auf so ein Gewölbe, in dem sich jetzt Sengers gotische Skulpturen ausnehmend gut machen. Über ein uraltes unterirdisches Gelass verfügt auch das nah gelegene Haus aus dem 17. Jahrhundert, das kürzlich Sengers Geschäftspartner und Schwiegersohn Thomas Herzog erwarb. Eröffnung soll im kommenden Jahr sein, aber noch bleibt manches zu tun: Morsche Balken werden ausgetauscht, später eingezogene Wände herausgerissen, der Stuck restauriert. Doch schon jetzt wird augenfällig, wie vorbildlich sich einmal mehr die Bamberger Spezialisten für alte Schätze um die unwiederbringliche, unzerstörte Bausubstanz der alten Kaiserstadt verdient machen. So findet der Besucher der Bamberger Kunst- und Antiquitätentage auf seinem Streifzug denn auch das reichhaltige Angebot im atmosphärisch und architektonisch wie maßgeschneiderten Rahmen ausgebreitet.

          Ein prachtvolles originales Schraubengehörn

          Wie Senger, der mit einem innen reich beschnitzten und außen bemalten Südtiroler Flügelaltar der Zeit um 1520 antritt (650 000 Euro), legt auch Matthias Wenzel einen Schwerpunkt auf gotische Skulptur. Als Neuzugang schwebt in seinen Räumen ein zierliches, wohl alpenländisches Engelpaar mit schmalen langen Flügeln, bauschigen Gewändern und windverwehtem Lockenhaar. Im bodentiefen Arkadenfenster erheischt aber auch ein mächtiger barocker Bibliothekstisch Bewunderung. Unter seiner Platte, sie trägt die Initialen Augusts des Starken von Sachsen, sitzen Putten zwischen den gegenläufigen Volutenbeinen, und das Ganze besticht durch unberührten Originalzustand (95 000 Euro). Vorbei an der Prachtfassade, die der fränkische Generalfeldmarschall von Bibra 1716 „zur Zierde der Stadt“ seinem Haus gab, in dem das Auktionshaus Schlosser mehrmals im Jahr Kunst und Kunsthandwerk versteigert, geht es weiter zur nächsten Adresse.

          „Wenn ich höre, große Schränke lassen sich nicht mehr verkaufen, dann steht meine Antwort hier“, ruft Julian Schmitz-Avila und stürmt voraus: Im atemberaubend ausgemalten Dientzenhofer-Treppenhaus des Marschalk von Ostheim’schen Palais, wo die in Bad Breisig ansässige Händlerfamilie seit vier Jahren ihre Dependance betreibt, plazierte er einen fränkischen Wellenschrank der Zeit um 1730, der mit nicht einmal zwei Metern Höhe und 1,70 Metern Breite keine Wohnung sprengt (32 000 Euro). Den originellen Kudu hingegen, der zwischen weiteren erlesenen Möbeln des 18. Jahrhunderts sein Plätzchen fand, stellt man sich in einem geräumigen Entrée vor, wenn nicht am Kamin des Jagdhauses: Die liegende Antilope aus Lindenholz, um 1700 vermutlich in Deutschland geschnitzt, zeigt annähernd Lebensgröße und trägt ein prachtvolles originales Schraubengehörn (125 000 Euro). Wie Schmitz-Avila zeigt sich auch Christian Eduard Franke davon überzeugt, dass große Möbelobjekte, entgegen allen Unkenrufen, bei entsprechender Qualität und Rarität sehr wohl noch verkäuflich sind, auch wenn das heute manchmal etwas mehr Geduld erfordert.

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