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Autographenkunde : Plädoyer für das Handgeschriebene

  • -Aktualisiert am

Ab wann können die eigenen Zeilen als Autograph gelesen werden? Wenn man eine bekannte Persönlichkeit ist. Eckhart Henning gibt in seinem neuen Buch „Eigenhändig“ interessante Einblicke in die Autographenkunde.

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          „Autographen sind stets ein Ärgernis!“ Mit diesen Worten beginnt Eckhart Henning seinen kleinen Band zur Einführung in die Autographenkunde, herausgegeben vom Antiquariat Stargardt in Berlin. Sein Ärger speist sich aus dem selbstironischen Blick des Archivars auf sein häufig fragmentarisches Arbeitsmaterial; denn natürlich ist „Eigenhändig - Grundzüge einer Autographenkunde“ nichts anderes als eine Hommage an das Handgeschriebene im Zeitalter der Computerschrift.

          Hier heißt es innehalten, weil in diesem Metier Genauigkeit gefragt ist. Nicht jede beliebige Handschrift - von lateinisch manus scriptum, also „von der Hand Geschriebenes“ - ist auch als Autograph zu bezeichnen: Ein Autograph ist nur das „handschriftliche Produkt bekannter - nicht notwendig verstorbener - Persönlichkeiten“. Also, Star muß man nicht nur heute sein, sondern auch in der Zukunft bleiben, damit die eigenen Zeilen als Autograph gelesen werden.

          Vom „Autographenvirus“ infiziert

          Henning beginnt seine Überzeugungstat mit Zeilen von Stefan Zweig, der in seiner „Welt der Autographen“ poetisch schwärmte: „Man kann in ihnen . . . die ganze Skala der irdischen Gefühle: Eile und Zorn, Qual und Entzückung, Haß und Verliebtheit, Müdigkeit und Anspannung“ ablesen. Für Zweig ist die Handschrift „tangiert vom Stern der Stunde“. So schrieb er, so sieht es der Archivar Eckhart Henning - und so soll es nun der Leser erhaschen.

          Wer noch nicht vom „Autographenvirus“, der im 19. Jahrhundert mit einer Auktion bei Sotheby's am 30. Mai 1825 begann, infiziert ist, kann in dieser kleinen Fibel einen Zugang finden, und dieser ist durchaus auch ökonomischer Natur. Hennings Ton ist archivarisch - Genauigkeit und Ordnung sind seine Prinzipien -, doch spricht aus dieser Disziplin Verständnis für die Unwissenden, die Anfänger, die noch Anzusteckenden.

          Unbestrittene Kostbarkeit

          Nach der Lektüre der letzten Seite will er den Leser, kleine läßliche Sünde, im Auktionshaus sehen (am liebsten selbstredend bei Stargardt in Berlin), mit soliden Kenntnissen und Orientierung auf der Suche nach dem Besonderen: Die Raritäten und zugleich teuersten Autographen sind private Briefe bekannter Namen, bei denen es „weniger auf die kalligraphische Perfektion ankommt“. Zu unterscheiden sind Briefe von Gelehrten und Literaten. Alles scheint erschwinglicher als Handschriften aus der Musik und Literatur: Dafür steht ein Albumblatt des Komponisten Richard Strauss mit einer kurzen Sentenz aus dem „Eulenspiegel“, die Noten in schnellen Strichen 1895 aufs Papier gebracht.

          Die wertvollste Kategorie unter den Autographen stellen die Manuskripte: Alexander von Humboldt schrieb beispielsweise über „Plantae subteranea Europ.“ insgesamt 17 Seiten, die zwar nur als Fragment erhalten blieben, aber in ihrer Kostbarkeit unbestritten sind.

          Alphabet der Autographenbewertung

          Was ist nun zu beachten beim Kauf? Die „Persönlichkeitsbewertung“ steht an. Was das heißt? Ein Star will bewertet sein, und dafür gibt es eine Fausregel: Berühmtheit bemißt sich nach der Länge des Eintrags in der „Enzyklopädia Britannica“ oder im „Brockhaus“. Ist die Persönlichkeit bewertet, folgen Absender, Inhalt und Seltenheitsgrad. Von „häufig“ über „selten“ bis hin zu „von größter Seltenheit“ dehnt sich die Spanne. Und wieder weiß der Autographenhandel von einer Faustregel zu erzählen: Wie oft wurde der Autograph - 10, 50 oder 100 Mal - innerhalb eines Jahrhunderts angeboten? Von wann datiert das Papier? Weitere Kriterien sind Ortsangaben oder auch die Form der Unterschrift.

          Alle Schriftstücke sollten vollständig und möglichst auch noch tadellos erhalten sein: Textverluste, Einrisse, verblaßte Seiten und saures Papier - alles Zeichen, lieber die Finger von einem Stück zu lassen, mag der Inhalt noch so reizvoll sein. Es sei denn, ein wichtiger Adressat ist genannt oder der Hinweis auf einen noch unveröffentlichten Text ist enthalten.

          Ein paar Abkürzungen sollte man schon beherrschen, wie eben auch beim Bilder- oder beim Autokauf: „L.a.s.“ - Lettre autographe signée - bedeutet eigenhändig geschriebener Brief mit Unterschrift. Signiert und datiert, das ist ein Muß. Und so kann, wer dieses Büchlein gelesen, sich auf Goethes Spuren begeben, dessen Plädoyer für das Handgeschriebene völlig unerschütterlich ist: „. . . da mir die sinnliche Anschauung durchaus unentbehrlich ist.“

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