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Ausstellungen : Vater und Sohn: Werke von Joachim Karsch in der Berliner Galerie Nierendorf

Sechs Jahre nach dem hundertsten Geburtstag des aus Schlesien stammenden Bildhauers Joachim Karsch stellt sein Sohn Florian Karsch, Chef der Galerie Nierendorf in Berlin, dessen Werke in einer Ausstellung und einem Catalogue Raisonné zusammen.

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          In stilistischer Nähe zu den Generationsgenossen Gerhard Marcks und Hermann Blumenthal schuf der aus Schlesien stammende Bildhauer Joachim Karsch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts eine Reihe überwiegend erzählerisch angelegter, figürlicher Plastiken, deren markanteste Exemplare Eingang in namhafte deutsche Museen fanden. Sechs Jahre nach dem hundertsten Geburtstag des 1945 angesichts unerträglicher äußerer Umstände aus dem Leben geschiedenen Künstlers legt sein 1925 geborener Sohn Florian jetzt einen Catalogue Raisonné vor, der neben den Entstehungsdaten auch die gegenwärtigen Standorte aller erhaltenen Bildwerke aufführt. Akribisch recherchierte Bilanz erfahren darüber hinaus die Verluste, von denen zwei Drittel des gesamten OEuvres betroffen sind: Unwiederbringlich zerstört wurden mehr als zweihundert Skulpturen - teils von der Hand des von Selbstzweifeln gequälten Künstlers selbst, teils durch den Bombenkrieg. Annähernd das gesamte Spätwerk ist dem Vandalismus sowjetischer Soldaten zum Opfer gefallen.

          Camilla Blechen
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Was an Gipsmodellen erhalten blieb, ließ der seit 1955 als Chef von Joachim Karschs Vertragsgalerie Nierendorf wirkende Sohn Florian Karsch nach und nach in Bronze gießen. Die wichtigsten Beispiele postumer Werkpflege sind jetzt in einer Verkaufsausstellung zu sehen, die vom Handschmeichler einer „Stehenden Kuh“ über charaktervolle Bildnisse bis zu allegorischen Figuren in Gewändern der dreißiger Jahre den Schaffensradius eines technisch wie ikonographisch experimentierfreudigen Künstlers abdeckt.

          Gerade zwanzigjährig, setzte sich Joachim Karsch mit dem Ensemble „Hiob und seine Freunde“ - das ihm den Rom-Preis der preußischen Kunstakademie eintrug - Einflüssen des Futurismus aus. Zeugnisse dieser frühen Werkphase, darunter ein verquälter „In die Hand gestützter Kopf“ (3800 Euro), gelangten mit der Robert Gore Rifkind Collection in das County Museum Los Angeles. Ein Abguß der Holzplastik „Lesendes Paar“ (22 000 Euro) ist einer zur gleichen Summe verfügbaren „Schwesterngruppe“ benachbart. Der einheitliche Preis für die figürliche Großplastik gilt auch die beiden modisch gekleideten „Jungfrauen“ - eine „törichte“ und eine „kluge“ - sowie für das nackte „Große stehende Mädchen“ von 1930, das Joachim Karsch bereits im ersten Jahr nach Ausformung und Bronzeguß an das Niedersächsische Landesmuseum in Hannover veräußerte.

          Eine der gelungensten Genredarstellungen ist der hier abgebildete „Mundharmonikaspieler“ (10 000 Euro); er fand Anfang der fünfziger Jahre das Gefallen der Direktion des auf sozialkritische Kunst erpichten Ost-Berliner Märkischen Museums. Zum selben Zeitpunkt erwarb Leopold Reidemeister die 1937 in Berlin nationalsozialistischer Beschlagnahmung anheimgefallene Büste von Karschs holländischer Freundin Elisabeth Bredius für das Kölner Wallraf-Richartz-Museum. Ein „Stehender Jünger“ (12 000 Euro) vermochte zusammen mit anderen Glaubensbrüdern ein Dauerquartier in der Regensburger Ostdeutschen Galerie zu beziehen. Nicht weniger als zehnmal an private Interessenten verkaufen ließ sich ein „Mädchen mit Kaninchen“ von 1936, das im Betrachter Beschützer-Instinkte für das Kind und sein Hätscheltier weckt.

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