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Düsseldorfer Galerien : Explizit und melancholisch

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Die aktuellen Ausstellungen in Düsseldorf bei Van Horn, Max Mayer und Linn Lühn.

          „Emanzipatorisch, aber nicht feministisch“ will Daniela Steinfeld die Gruppenschau in ihrer Galerie Van Horn verstanden wissen, deren Titel einem Song der Walkabouts entlehnt ist: „Fuck your Fear“. Die Galeristin will ein Zeichen setzen gegen einen neuen Puritanismus in der Kunst, gegen die Schere im Kopf angesichts von #metoo, Identitätspolitik und eine „erneut aufkommende Tabuisierung und Zensierung von Sex und Geschlecht“. Wer, wenn nicht die Kunst, sollte auf das Recht pochen können, ihre Spielräume autark zu definieren? So fragt die Ausstellung mit Werken, die einen historischen Bogen schlagen, um ein Schlaglicht auf die Gegenwart zu werfen – mit Fotos garstiger, phallischer Puppen von Cindy Sherman oder erotischen Spiels unter Männern in der Clubszene von Wolfgang Tillmans aus den neunziger Jahren.

          Bereits seit den späten Sechzigern malt Betty Tompkins nach expliziten Bildvorlagen, die in ihren Grisaillen ein flauschiges Erscheinungsbild annehmen. Judith Bernstein setzt schon 1969 den Phallus unmissverständlich als Machtsymbol ins Bild, in diesem Fall gegen einen politischen Machismo im Irak. Mit Arbeiten von Bjarne Melgaard, Gregor Schneider und Paul McCarthy sowie Zoe Leonhard, Sophie Calle und Gilbert&George macht die Ausstellung ihre Ziele ebenso krass wie hintergründig geltend. Steinfeld hat sie mit dem Neusser Sammler Florian Peters-Messer konzipiert, der auch einige unverkäufliche Werke besteuerte. (Preise 14.300 bis 95.200 Euro; bis zum 9.März).

          Künstlerdasein im Zeichen von Aids

          Melancholisch ist die Gruppenschau „Life of a Flower“ in der Galerie Max Mayer. Sie erzählt von einem brüchig anmutenden Dasein von Künstlern, kurz nach der Jahrtausendwende in New York im Zeichen von Aids. Der 1978 geborene Rafael Sánchez hatte damals soeben von seiner Infektion erfahren. Dinge des persönlichen Gebrauchs taucht der Performance-Künstler in Honig und plaziert diese eigentümlichen Stillleben in Einweggläsern auf gläsernem Sockel. Zusätzlich setzt er sie in malerisch-verschwommenen, trancehaften Farbfotografien in Szene, auf dass sich in ihnen existentielle Erfahrung und Erinnerung kondensieren.

          Aus dem Jahr 1988 stammt ein Foto von Gail Thacker, das Sánchez bei einer Foto-Session mit Mark Morrisroe zeigt; der sollte kurz darauf an Aids sterben. Morrisroe hatte sich in Boston als Fotograf der Undergroundszene einen Namen gemacht und auf dem Strich sein Studium finanziert. Ein durchgeknallter Freier schoss ihm irgendwann in den Rücken. In einem Selbstporträt als Cupido lassen sich die Folgen erahnen, der tapfere Amor lächelt in gequälter Haltung in die Kamera. Noch heute arbeiten Sánchez und Thacker zusammen, und die Ausstellung lenkt den Blick auf eine von Freundschaft getragene Künstlerkollaboration. (Preise 1.560 bis 22.300 Euro; bis zum 2.März).

          Werke von Meret Oppenheim aus den sechziger bis achtziger Jahren zeigt die Galerie Linn Lühn, jener surrealistischen Künstlerin, die allenthalben mit ihrer, in der Tat ikonischen, „Pelztasse“ von 1936 in Verbindung gebracht – und zugleich auf diese reduziert wird. Im Zentrum der Auswahl steht ein Mappenwerk aus dem Jahr 1976: „Parapapillonneries“, Phantasmagorien, die also vom Schmetterling handeln. Die Reihe, in einer Auflage von hundert Exemplaren, besteht aus sechs Farblithographien, die meisterhaft durchgearbeitet sind. Kompositorisch wie koloristisch eignet ihnen alles, was ein Bild braucht. Die Blätter führen in eine Welt, in der der Silberschwanz und die scheinheilige Motte, die stolze Rosamonde und die graue Macumba schwirren. Die metaphernreichen Bildlegenden hatte André Pieyre de Mandiargues beigesteuert, ein Schriftsteller, dem Oppenheim schon in jungen Jahren in Paris begegnet war, um sich in eine heftige Liaison mit ihm zu stürzen. In ihrem schriftlichen Nachlass nimmt der Briefwechsel mit dem Literaten den größten Raum ein. Stilistisch lassen die „Parapapillonneries“ Einflüsse von Max Ernst erkennen.

          Ergänzt wird die sehenswerte Ausstellung von Zeichnungen, in denen Oppenheim mit Kugelschreiber und Bleistift abstrakte „Gebilde“ und „Landschaften im Nebel“ skizziert oder ein „Trauriges Gesicht“. Und dann ist da noch eine Mixed-Media-Blume aus dem Jahr 1969: nicht mit Pelz bedeckt, sondern mit Haferflocken – ein charmantes, prosaisches Multiple auch dies. (Preise 750 bis 15.000 Euro; bis zum 1.März).

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