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Ausstellung in Berlin : Die Heldinnen mit der Kamera

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Trude Fleischmann: „Ohne Titel (Selbstbildnis mit Zigarette)“, ca. 1930, 5500 Euro. Bild: Estate of the Artist/Courtesy Kicken Berlin

Bilder von schon bekannten und von sehr interessanten Fotokünstlerinnen: Die Ausstellung „Sheroes of Photography“ bei Kicken in Berlin zeigt Aufnahmen von 27 Fotografinnen der Moderne.

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          Der Lette-Verein in Berlin war in der wilhelminischen Ära ein Zentrum der Avantgardefotografie. Im Jahr 1890 richtete die Schule eine Klasse ein, die dennoch in der Stadtöffentlichkeit für Diskussionen sorgte, die erste „Photographielehranstalt“ nur für Frauen. Viele später berühmte Fotografinnen der damaligen Zeit lernten das junge Handwerk der Fotografie dort, darunter Erna Lendvai-Dircksen oder Marianne Breslauer. Auch Frieda G. Riess, die in der Weimarer Republik zu einer der gefragtesten Fotografinnen des „Neuen Sehens“ avancierte, hat dort studiert. Riess, die sonst vor allem Prominente auf Zelluloid bannte, hielt sich selbst 1922 in einer exzentrischen Pose fest: Das „Selbstbildnis mit Papagei“ zeigt die Künstlerin in einem langen gotischen Gewand mit Bubikopf und Papagei auf der Schulter (Gelatin Silver Print, um 1925/29; 12.000 Euro). Sie blickt selbstbewusst in die Ferne, ihre Haltung wirkt skulptural.

          Wenige Jahre später hat sich der Geschmack gewandelt. Die Bauhaus-Frauen, mit ihren experimentellen Menschenbildern und Objektstudien, finden ihre Motive im urbanen Alltag und prägen den Zeitgeist. Künstlerinnen wie Gertrud Arndt, mit der düsteren „Wera Waldek (negativ)“ (Gelatin Silver Print, Auflage 70, Kicken Galerie, Köln 1985; 25.000 Euro), Lucia Moholy, mit der unbetitelten „Gleichgewichtsstudie“ (Gelatin Silver Print, um 1923/25; 18.000 Euro), oder Aenne Biermann, deren Mädchenporträt „Helga 9 1/2 Jahre alt“ (Gelatine Silver Print, um 1930; 33.000 Euro) aus dem Film „Menschen am Sonntag“ entsprungen sein könnte, liefern das Bildmaterial für die sich rasant verbreitenden Illustrierten.

          Alle diese Bilder sind Teil der Ausstellung „Sheroes of Photography“, die in der Galerie Kicken in Berlin das fotografische Schaffen von 27 Frauen in der Moderne zelebriert. Der Bogen der Schau spannt sich von piktoralistischen Naturstudien über den Realismus der zwanziger Jahre – à la Renata Bracksieck-Rohde, mit ihrem kühlen Selbstporträt (Gelatin Silver Print, um 1928/35; 20.000 Euro) – hin zu den DDR-Fotografinnen wie Ute Mahler und zu den Zeitgenossinnen wie Jitka Hanzlová. Besonders aufregend sind die unbekannten Protagonistinnen der ganz frühen Fotografie, etwa Lady Hatton aus Großbritannien: Von ihr stammt eine botanische Pflanzenstudie aus dem Jahr 1850, die mit ihrem blau-weißen Kontrast an die Pflanzenfotogramme des Pioniers William Henry Fox Talbot erinnert (Fotogramm, um 1850; 18.000 Euro). Das Blatt ist Teil des 1980 entdeckten „Hatton Fern Albums“, das von der Fotografiebegeisterung der Frauen der englischen Oberschicht zeugt.

          Ähnlich war es im Deutschen Kaiserreich. Während sich die Kunstakademien weigerten, Frauen als Studierende zu akzeptieren, bot die Fotografie Berufsperspektiven. Zu den frühen Vertreterinnen gehörte Erna Lendvai-Dircksen, die in ihrem mystischen Studioporträt der Schauspielerin Eva Martersteig die Möglichkeiten des Mediums auslotete (Albumen Print, um 1913; 3500 Euro). Das Experiment wurde dann auch in der Bundesrepublik zu einer Spezialität der Frauen. So zeigen Ruth Hallenslebens brachiale Industriebilder die Fabrikrealität der Wirtschaftswunderjahre (Gelatin Silver Prints, um 1953; 5000 und 6000 Euro). Sibylle Bergemanns Bilder, wie „Birgit, Berlin“ (Gelatin Silver Print, Auflage 50, 2014; 500 Euro) – porträtieren dagegen das Leben in der DDR zwischen Bohème und Realsozialismus.

          Daneben werden die Collagen „Über dem Wasser“ (200.000 Euro) und „. . . und Schatten“ (220.000 Euro) der Dada-Meisterin Hannah Höch ausgestellt; sie beherrschte die Schnitttechnik mit den satirisch bissigen Fotografien wie keine andere und hat ebenfalls am Lette-Verein gelernt. Im Kontrast dazu steht die abstrakte „Weißblechserie“ der in Vergessenheit geratenen Monika von Boch, Schülerin von Otto Steiner, die Punkte und Streifen arrangiert (Gelatin Silver Print, um 1966; je 10.000 Euro). Die englische Wortneuschöpfung „Shero“ ist für diese Ausstellung unbedingt angebracht, denn der Blick durch die Jahrzehnte zeigt, wie stilprägend die Werke der Frauen für die Fotografiegeschichte sind. (Bis zum 23. April.)

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