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Aus den Antiquariatskatalogen : Taschenkrümel und mehr Kleinigkeiten

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Wilde Kerle, Himmel und Hölle, sehnende Zeilen: Der Blick in die aktuellen Antiquariatskataloge lässt die Vergangenheit wieder lebendig werden.

          5 Min.

          Das Londoner Antiquariat Henry Sotheran feiert sein 250. Jubiläum. Es tut dies mit einem wunderbaren „Anniversary Catalogue“, der für jedes Jahr des Bestehens ein, zwei charakteristische Bücher oder Drucke vorstellt. Es wird von Entdeckungen, Vorlieben und Moden berichtet, und es werden zudem überraschende historische Nachbarschaften offenbar.

          Den Anfang macht ein mit 27 Kupfern ausgestatteter Folioband der „Plans, Elevations and Sections of Holkham in Norfolk“ von Matthew Brettingham. 1761 stand der Architekt auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Holkham war sein Musterbeispiel eines palladianischen Landhauses, und er verhalf noch zahlreichen englischen Adligen zu einem solchen (2400 Pfund). Was gibt es noch? Die erste Beschreibung des Londoner Zoos „The Gardens and Menagerie of the Zoological Society“ erschien 1831. In zwei Bänden, durchgehend mit bemerkenswert schönen Holzschnitten versehen, wird sie für 900 Pfund angeboten. Die Erstausgabe von Darwins „On the Origin of Species“ erschien 1859; bei Sotherans kommt zum schönen Zustand der Ausgabe die schöne Provenienz: Das Buch gehörte St. George Jackson Mivart, Mitglied der Linean-, der Royal- und der Zoological-Society (55.000 Pfund).

          Vorgänger der „Wilden Kerle“?

          Auch die literarischen Klassiker sind vertreten. Der erste Gedichtband der Brontë-Schwestern, schlicht „Poems“, veröffentlicht noch unter den männlichen Pseudonymen Currer, Ellis and Acton Bell, war 1848 ein Misserfolg - und ist heute eine Rarität, die man für 2250 Pfund erhält. Eine dreibändige Werkausgabe Thomas Hardys, blau gebunden und mit goldenem Eichenlaub verziert, erschien 1919 in einer vom Autor signierten Auflage von nur 500 Exemplaren (8500 Pfund). Für 850 Pfund gibt es eine gut erhaltene Erstausgabe von Orwells „Nineteen Eighty-Four“ von 1949. Dass Maurice Sendaks Klassiker „Where the Wild Things Are“ schon fast fünfzig Jahre alt ist, kann man kaum fassen: 1963 erschien das Buch in New York und prägte Kinder in England und in Deutschland nicht weniger; die bestens erhaltene Erstausgabe kostet 8500 Pfund und hat an Wildheit bis heute nichts eingebüßt.

          Bilderbuchentwürfe vom Biedermeier bis zum Kinderfernsehen präsentieren Robert Wölfle, München, und das Antiquariat Sabine Keune, Duisburg, in einem kleinen hübschen, gut kommentierten Gemeinschaftskatalog. 1902, gut sechzig Jahre vor Sendaks „Wilden Kerlen“, lässt Berthold Löffler, Künstler der Wiener Secession, in zwei Zeichnungen mit Deckfarben eine Gruppe ängstlicher Schwaben vor Hase und Frosch flüchten: Das Wilde ist immer eine Frage der Perspektive. 2200 Euro kosten diese Blätter, die in Band vier der um die Jahrhundertwende wichtigen Reihe „Gerlachs Jugendbücherei“ einfarbig als Illustrationen zu „Des Knaben Wunderhorn“ erschienen.

          Ein Poe-Exemplar des Übersetzers

          Auch Dornröschen begab sich auf Abwege und an gefährliche Orte: In der Gouache des Jugendstilkünstlers August Geigenberger sieht man ihrem vorgestreckten Kopf die Neugierde an auf das, was sie da auf lieblicher Blumenwiese findet - ein sonderbares Haus mit einer zwielichtigen Alten und einer diabolischen Katze. 1908 entstanden, war das Blatt wohl für das 1910 erschienene Märchenbuch des Künstlers gedacht. Für 1650 Euro bekommt man die schöne, zwischen Idylle, Witz und Geheimnis changierende Graphik.

          Im Gemeinschaftskatalog der Antiquariate 2011, inmitten von 74 Anbietern und einem eindrucksvollen Querschnitt durch alle Sammlungsgebiete - alte Drucke, Autographen, schöne Einbände, Erstausgaben, Naturwissenschaften oder Reiseliteratur - begegnet man dem Großmeister des Unheimlichen: Das Antiquariat Schröter in Unna bietet Edgar Allan Poes „Tales, Poems, Essays“ in einer englischen Ausgabe von 1961 an. Das Buch stammt aus dem Besitz des Poe-Übersetzers Hans Wollschläger, der es signierte und durchgängig mit Anmerkungen zu Stil, Logik und Datierung versah - ein Band mit Geschichte. Und dieses Arbeitsexemplar Wollschlägers schlägt die Bücke zwischen der englischen und der, von ihm und Arno Schmidt übersetzten, deutschen Poe-Ausgabe von 1966 (800 Euro).

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