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Aktionskunst : Es lebe das Happening!

  • -Aktualisiert am

Zum 75. Geburtstag wird Wolf Vostell mit einer Ausstellung in Köln geehrt. Seine Aktionskunst bot als Alternative zum Tafelbild auf der Pressekonferenz der 4. Documenta von 1968 Honig, Pfennige und Katze auf dem Sitzungstisch.

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          Eigentlich war es klar, dass im spannungsgeladenen Jahr '68 auch die 4. Documenta nicht ohne Querelen über die Bühne gehen würde. So hatte sich unter die dichtgedrängten Journalisten, die sich am 26. Juni 1968, am Abend vor der offiziellen Eröffnung, im Magistratssaal des Kasseler Rathauses zur internationalen Pressekonferenz einfanden, auch eine kleine Protestgruppe deutscher Künstler gemischt. Ihre Protagonisten - darunter und vorneweg Deutschlands Happening- und Fluxus-Pionier Wolf Vostell sowie die Gründer der „LIDL“-Gruppe Jörg Immendorff und seine Frau Chris Reinecke - waren mit selbstgebastelten Blinden-Armbinden ausstaffiert. Die Idee hierzu lehnte sich wohl an einen Scherz von Picasso an, wie Rudolf Krämer-Badoni damals in der „Welt“ berichtete, der „irgendeine Ausstellung als eine Ausstellung für Blinde“ bezeichnet haben soll.

          Für allgemeine Missstimmung hatte im Vorfeld die dominierende Präsenz der amerikanischen Künstler gesorgt, die über ein Drittel der insgesamt 150 Documenta-Teilnehmer stellten. Die konkret ausgesprochene Kritik der Protest-Allianz aber richtete sich gegen die Konzeption der Ausstellung, die die als wesentlich erachteten künstlerischen Tendenzen aus der Zeit von 1964 bis 1968 präsentieren sollte, ihre intermedialen Zeugnisse allerdings weitestgehend unterschlagen hatte.

          Diktatur des Bildes?

          Vostell, dem das Documenta-Ratsmitglied Herbert Freiherr von Buttlar das Wort erteilte, tadelte die „Vorherrschaft des Tafelbilds“ und stellte den Machern jene entscheidende Frage, die auch im Mittelpunkt von Vostells zweitem „Manifest zur Aufklärung autoritärer Tendenzen in öffentlichen Institutionen“ stand: „Mit welchem Recht erhebt der Rat den Anspruch, die Kunst der Gegenwart zu zeigen, wenn drei so entscheidende Bewegungen wie Fluxus, Happening und Environment fehlen?“ Buttlar führte hierfür finanzielle Gründe sowie Platzmangel an, was Vostell und seine Anhänger nicht akzeptieren wollten.

          Seinem mit „zarter Stimme“ vorgetragenen verbalen Protest folgte ein symbolischer Akt, der als „Honig-Aktion“ seinen Platz in der Geschichte der Documenta finden sollte: Während im Hintergrund ein Transparent mit der Aufschrift „Prof. Bode! Wir Blinden danken Ihnen für diese schöne Ausstellung“ gehisst wurde, entleerte Vostell einen mit Pfennigen gefüllten Beutel auf dem Konferenztisch, der als „Pension“ für Documenta-Initiator und Leiter Arnold Bode gedacht war.

          Happening auf dem Sitzungstisch

          Zusätzlich garnierte Chris Reinecke das Ganze noch mit dem Inhalt eines Glases Honig, bestreute einige der bereits geräumten Stühle des Rates mit Zucker und verteilte Küsse an seine sich zum Teil widerwillig sträubenden Mitglieder. Er wurde später lediglich für die Reinigungskosten in Höhe von rund 27 Mark von der Stadt Kassel zur Verantwortung gezogen. Die absurde Szenerie beendete eine schwarze Katze, die über den besudelten Tisch tapste und eigentlich nur „die Leute vom Rat einmal kennenlernen wollte“, wie einer der Protestierenden, der Frankfurter Maler Werner Schreib, versicherte. Die Pressekonferenz war geplatzt. Aber zumindest ein Happening hatte in Gegenwart der internationalen Medienvertreter doch noch seinen Auftritt bekommen - und das noch bevor die Kunstschau überhaupt eröffnet worden war.

          Die von Wolf Vostell zu diesem Anlass getragene Blinden-Armbinde befindet sich heute im Bestand von Wolfgang Hahn im Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels in Köln. Mit Kugelschreiber datiert, signiert und einer Widmung versehen, hatte sie Vostell damals dem Kölner Chefrestaurator des Wallraf-Richartz-Museums und bedeutenden Kunstsammler vermacht - als Beilage in einem Briefumschlag. Bereits zu Beginn der sechziger Jahre, Vostells früher Kölner Zeit, hatte Hahn verschiedene Arbeiten des Künstlers erworben und gehörte damit zu seinen ersten und auch zukünftig engagiertesten Mäzenen.

          Ein versöhnlicher Wolf Vostell

          Vostells 1968 geäußerter Drohung, dass er in Zukunft an keiner Documenta oder an einer ähnlichen vom Establishment versauten Ausstellung teilnehmen werde, kam er übrigens nicht nach: Neun Jahre später erfuhr endlich auch er mit der Einladung zur Teilnahme an der Documenta 6 die vielleicht höchste Weihe für einen Künstler und installierte an exponierter Stelle innerhalb des Fridericianums sein Medien-Environment mit dem Titel „La Quinta del Sordo“ - „Das Haus des Tauben“.

          Das Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels widmet Vostell, zusammen mit dem Kölnischen Stadtmuseum, anlässlich seines 75. Geburtstags die Ausstellung „Wolf Vostell auf Straßen und Plätzen . . . durch die Galerien“, die zunächst auf der Cologne Fine Art und im Spätsommer nächsten Jahres im Kölnischen Stadtmuseum zu sehen sein wird.

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