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Aus dem ZADIK : Die Kuh, das unbekannte Wesen

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Der Künstler und sein Kritiker: Die Korrespondenz zwischen Ewald Mataré und Albert Schulze Vellinghausen gibt jede Menge Aufschlüsse, nicht nur über das Tier.

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          Über ein Jahrzehnt waren der Bildhauer Ewald Mataré (1887 bis 1965) und der Kunstkritiker Albert Schulze Vellinghausen (1905 bis 1967) in herzlicher Freundschaft verbunden. Ihr erster Kontakt fand im Kriegsjahr 1944 statt, als Schulze Vellinghausen den Künstler anschrieb mit der Bitte, ihn in seinem Atelier besuchen zu dürfen. Rund vierzig, manchmal mehrseitige Briefe und Postkarten verfasste Mataré in den folgenden zwölf Jahren an seinen jüngeren Bewunderer. Sie bezeugen, wie sich über den anregenden schriftlichen Austausch zwischen dem Künstler und seinem kritischen Bewunderer, im Wechsel mit gegenseitigen Besuchen, eine Freundschaft entwickelte, die auch über die schlechten Kriegszeiten hinaus Bestand haben sollte.

          Als Kritiker begleitete Schulze Vellinghausen den Künstler in der Nachkriegszeit mit herausragenden Zeitungsartikeln. Seit 1997 befindet sich der schriftliche Nachlass dieses Grandseigneurs der Kulturkritik der fünfziger und sechziger Jahre im Zentralarchiv. Neben den Autographen von Mataré bergen diese Akten eine Fülle aufschlussreicher privater Briefdokumente von Künstlern wie Georg Meistermann, Emil Schumacher, Fritz Winter oder Josef Albers.

          Die Kuh als Schaffensschwerpunkt

          Unter Matarés Briefdokumenten befindet sich ein kleines Juwel: eine Postkarte aus dem Jahr 1948. Es handelt sich um einen vom Künstler zurechtgeschnittenen Zeichenkarton. Die Karte ist mit rascher Feder fast bis zu den Rändern beschrieben. Durch die rauhe Papierqualität ist der Schreibfluss ungleichmäßig; das macht die Transkription von Matarés ohnehin schwer entzifferbarer Sütterlinschrift noch mühsamer. Ihren besonderen Wert aber erhält die Karte durch die feine Aquarellzeichnung, auf die Mataré seine Mitteilungen schrieb, ein Freundschaftsbeweis für den Empfänger. Es braucht eine Weile des Betrachtens, bis sich die hellen und dunklen Formen und Wellenlinien auf der stark vergilbten Karte zu einem gegenständlichen Gebilde fügen. Ohne die Kenntnis von Matarés Werk dürfte dies nahezu unmöglich sein: Was wie ein geheimnisvolles Fabelwesen erscheint, entwirrt sich nach und nach als die Wiedergabe eines Reliefs mit einer liegenden Kuh.

          Erkennbar ist das Tier am dunklen Horn. Auge, Vorderbein und Schwanz sind durch rötliche Tönung hervorgehoben. Laut Poststempel gab Mataré seine Karte am 21. September 1948 in Büderich bei Düsseldorf auf, wo er sein Atelier hatte. Tatsächlich hat er die Karte aber im Rheingau geschrieben. Dorthin, in die Gegend von Eltville, ins Kloster Eberbach oder nach Kripp am Rhein, hatte er sich bereits zu Anfang des Kriegs im Sommer zurückgezogen, wenn es eben möglich war. Fern der Bombardements suchte Mataré in ländlicher Abgeschiedenheit die Ruhe, um an seinen Skulpturen und Aquarellen arbeiten zu können. Die Kuh, besonders das liegende Tier, war seit den frühen zwanziger Jahren ein Schwerpunkt in seinem Schaffen.

          Erfolge nach dem Kriegsende

          In rundplastischen Arbeiten, Reliefs, Kleinplastiken und Holzschnitten setze er sich unermüdlich mit ihrer Gestalt auseinander: Sein erklärtes Streben war es, mittels radikaler Vereinfachung der Form und Konzentration auf Kontur und Volumen sich ihrem Wesen zu nähern. So notierte Mataré in einem Brief vom Juni 1944 an Schulze-Vellinghausen: „Wenn ich doch nur einmal eine Kuh so darstellen könnte, wie es mir vorschwebt, aber das kann und darf sich wohl nie realisieren.“ Mit seinen auf geschlossene elementare Grundformen reduzierten Tierfiguren, vorzugsweise von Kühen, leistete er einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der modernen deutschen Plastik.

          Ewald Mataré gehört zur Generation der Künstler, die schon vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs etabliert waren. 1932 wurde er Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf. 1933 deklarierten die Nationalsozialisten sein Werk als „undeutsch“. Er wurde von seinem Lehramt beurlaubt und 1937 schließlich als „entarteter“ Künstler diffamiert. In der Aufbauphase nach dem Krieg erhielt Mataré zahlreiche bedeutende Aufträge in Deutschland und Europa von kirchlicher wie von öffentlicher Seite. Vor allem die Realisierung der vier Türen des Südportals des Kölner Doms von 1947 bis 1954 haben Mataré zum bekanntesten rheinischen Bildhauer der Nachkriegszeit gemacht. Im August 1948, kurz bevor er den Kartengruß verfasst hat, war gerade die „Papst- und Bischofstür“ eingeweiht worden: Tatsächlich erinnern Details dieses Portals an die wellenförmigen Ornamente auf Matarés Postkarte.

          Eine großzügiges Geschenk an die Ruhr-Universität

          Doch wer war Albert Schulze Vellinghausen, dem Mataré sich so verbunden fühlte? ASV - so sein Kürzel - war einer der wichtigsten Zeitzeugen für das kulturelle Leben im Nachkriegsdeutschland. Er war Dichter, Übersetzer, Kulturjournalist, Kunstkritiker und Sammler zeitgenössischer Kunst. Seine journalistische Arbeit begann er 1947, zunächst als Theaterkritiker. Überregionale Beachtung fand er seit 1953 als Westdeutschland-Korrespondent für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In den fünfziger und sechziger Jahren setzte er sich besonders für die kulturelle Entwicklung des Rhein-Ruhrgebiets ein. Darüber hinaus engagierte er sich als Theaterkritiker für das Bochumer Theater sowie für die Ruhrfestspiele in Recklinghausen.

          Er machte den Lesern neue Kunstrichtungen zugänglich, entdeckte und förderte Nachwuchskünstler. Sein Wohnsitz war der Paulinenhof in der Nähe von Hervest-Dorsten, von 1964 an der Gutshof Kley bei Dortmund, den er für Theater, Literatur, Musik und für seine Kunstsammlung öffnete. Kurz vor seinem Tod verfügte Schulze Vellinghausen testamentarisch, dass seine Sammlung - unter anderen mit Werken von Josef Albers, Günter Fruhtrunk, Josef Beuys, Lucio Fontana, Otto Piene, Günther Uecker, Victor Vasarely oder Cy Twombly - an die Ruhr-Universität Bochum gehen solle. Es war sein Wunsch, diese Institution zu einem Ort der fortwährenden Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst zu machen.

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