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Auktionsvorschau : Wenn Comics zu Legenden werden

Höchst selten hat Peyo, der Schöpfer der Schlümpfe, seine Originalzeichnungen aus der Hand gegeben. Jetzt kommen sie in Paris zur Versteigerung. In Brüssel locken Blätter von „Alix“, mit denen Jacques Martin berühmt wurde.

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          Die beiden europäischen Comic-Hauptstädte heißen Brüssel und Paris. Und in jeder von ihnen findet in diesem Monat eine spektakuläre Auktion mit Comic-Originalen statt: am 17. und 18. Oktober in der Brüsseler Dependance von Pierre Bergé & Associés und am 29. Oktober bei Artcurial in Paris. Spektakulär deshalb, weil jeweils umfangreiche Angebote aus den Nachlässen von zwei der berühmtesten Zeichner des französischsprachigen Comics aufgerufen werden: aus dem des 1992 verstorbenen Belgiers Pierre Culliford alias Peyo und dem des 2010 verstorbenen Franzosen Jacques Martin. Pikanterweise wird das Werk des Belgiers in Paris versteigert, das des Franzosen in Brüssel.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wem diese Namen nichts sagen, dem wird zumindest bei Peyo ein Begriff weiterhelfen: Schlümpfe. Die hatte der Belgier 1960 als Nebenfiguren für seine Serie „Johan et Pirlouit“ (auf Deutsch: „Johann und Pfiffikus“) erfunden, doch aus den blauen Zwergen mit der synonymarmen Sprache - fast alles heißt ihnen „schlumpf“ - wurde ein Welterfolg. Kein Wunder, dass Artcurial die Titelzeichnung zu jenem Album, in dem die Schlümpfe ihr Debüt geben, auf 100.000 bis 120.000 Euro schätzt.

          Ein Sonderkatalog für Peyo

          Und das dürfte noch moderat angesetzt sein. Seiten gibt es in einem Album viele, Umschlagbilder nur eines, und hier haben wir es mit einer Legende zu tun. Zudem hat Peyo kaum jemals Originale aus der Hand gegeben, sodass noch fast alle in Familienbesitz sind. Man musste allerdings hellhörig werden, als Artcurial vor wenigen Monaten in seinen Repräsentationsräumen an den Champs Elysées eine große Ausstellung mit Peyo-Originalen aus dem Besitz der Familie Culliford veranstaltete. Allerdings haben kaum Objekte dieser Schau ihren Weg ins aktuelle Auktionsangebot gefunden. Macht nichts, es ist ja genug zum Versteigern vorhanden.

          Im noblen Sonderkatalog zum Peyo-Angebot sind 33 Originale aufgeführt, deren obere Schätzpreise sich zusammen auf 1,8 Millionen Euro summieren. Da verblasst der Rest der gut bestückten Artcurial-Comicauktion. Immerhin bietet sie noch mehr als 400 Originale anderer berühmter Zeichner, darunter gleich mehrere Zeichnungen von Sempé in selten gesehener Qualität, deren Schätzpreise aber nur bis 9000 Euro reichen, zwei kolorierte Originale aus Enki Bilals berühmtestem Album „Treibjagd“ (jeweils 25.000 Euro), mehrere prachtvolle Seiten aus der Westernserie „Blueberry“ von Jean Giraud (bis 12.000 Euro) oder gleich zwei der extrem seltenen Seiten des jung verstorbenen Yves Chaland (15.000 bzw. 8000 Euro).

          Hergés Zeichnungen zum Verwechseln ähnlich

          Aber was ist das alles gegen die 33 Originale von Peyo? Da kann auch die eigentlich gleichfalls in Paris angesiedelte Konkurrenz von Pierre Bergé & Associés nicht mithalten, obwohl sie in ihrer ersten Comicauktion in Brüssel etwas noch Selteneres offerieren kann: Aus dem Nachlass von Jacques Martin kommen gleich drei Konvolute, die jeweils den Großteil der Originalseiten eines Albums enthalten. Und es handelt sich nicht um irgendwelche Alben, sondern darunter befindet sich der Auftakt zu der im antiken Rom angesiedelten Comicserie „Alix“, die Martin berühmt gemacht hat: „Alix, l’Intrépide“ von 1948. 45 der insgesamt 62 Seiten haben sich bei Martin erhalten.

          Die Gesamtschätzung beläuft sich auf 180.000 bis 250.000 Euro. Das ist viel Geld, aber pro Seite bedeutet es gerade einmal 4000 bis 5500 Euro - ein Witz angesichts der sonst gängigen Preise für frühe „Alix“-Originale. Immerhin war Martin einer der engsten Mitarbeiter von Hergé. Den Stil der Ligne claire, den der Vater von „Tim und Struppi“ entwickelt hat, beherrschte Martin so perfekt, dass er 1965 eine Comicseite mit Hergés Helden zeichnete, die zu Werbezwecken verwendet wurde. Jahrelang wusste niemand, dass sie gar nicht von Hergé stammte. Nun ist auch sie in der Auktion von Pierre Bergé vertreten, geschätzt auf bis zu 35.000 Euro - ein Schnäppchen für Freunde dekorativer Originale. Wäre sie von Hergé, würde ein solches Stück kaum unter einer halben Million zu haben sein.

          Mehr als 200 Originale von Martin

          Noch interessanter aber ist eine Suite von 53 äußerst detaillierten Bleistiftzeichnungen, die der gebürtige Straßburger Jacques Martin 1943, im Alter von 22 Jahren, während eines Arbeitseinsatzes bei Augsburg anfertigte: Alltagsszenen aus dem „Dritten Reich“ aus der Sicht eines unfreiwilligen Beobachters. Erst kurz vor seinem Tod gab Martin diese Blätter für eine Publikation frei, nun sind sie als komplette Serie auf 20.000 bis 30.000 Euro geschätzt. Die Strategie von Pierre Bergé & Associés, solche historischen Konvolute weiter zusammenzuhalten, ist ehrenvoll.

          Insgesamt summieren sich die fünfzig Martin-Positionen, die allerdings mehr als 200 Originale umfassen, auf einen oberen Gesamtschätzwert von knapp 940.000 Euro. Das ist vorsichtig bewertet, und diese Linie zieht sich auch beim restlichen Comicangebot der zweitägigen Auktion durch: Zwei Einzelbilder aus einem der berühmtesten europäischen Comics, „Das gelbe M“ von Edgar Pierre Jacobs von 1954, werden auf maximal 18.000 Euro geschätzt, eine großformatige Moebius-Zeichnung auf 3000 Euro, die kompletten Originale für ein 1994 erschienenes Album der Serie „Cubitus“ von Dupa - so etwas ist noch nie auf dem Markt aufgetaucht - für bis zu 15.000 Euro.

          Man darf gespannt sein, welches Haus im Oktober-Duell besser fährt: Artcurial in Paris, seit langem europäischer Haupthandelsplatz für Comic-Originale, oder der Newcomer Pierre Bergé & Associés, der für sein Debüt nach Brüssel geht, wo sich ungeachtet vieler Versuche noch keine wirkliche Kontinuität von qualitätsvollen Comic-Versteigerungen hat etablieren können. Zumindest das Angebot von Pierre Bergé wäre geeignet, dem Platzhirsch Artcurial auch in der französischen Hauptstadt Konkurrenz zu machen.

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