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Auktionsvorschau : Italien zeigt sich stark bei den Zeitgenossen

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Für seine herbstliche Auktions-Suite mit Moderne, Gegenwartskunst und Design zeigt sich das Wiener Traditionshaus wieder bestens gerüstet: Ein Blick in die aktuellen Kataloge des Dorotheums.

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          Die Berliner Mauer wurde von Künstlern in zahllosen Gemälden und Fotos verewigt und kann zu den meist dokumentierten Bauwerken in der deutschen Geschichte gerechnet werden. Auch noch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall floriert der Handel mit „echten“ Mauerstücken. Robert Indiana war sichtlich beeindruckt von dem Stück Beton mit Bewehrungsstahl, das ihm zu Beginn der neunziger Jahre in die Hände fiel. Er reagierte darauf mit seiner Wortbild-Ikone „Love“ von 1966, besprühte das steinerne Symbol des historischen Systemwechsels aber auch noch auf der Rückseite mit „Wall“. Im Wiener Dorotheum kommt die in einen roten Metallrahmen montierte Platte nun für 90.000 bis 120.000 Euro zum Aufruf. Den dicken Katalog zur Auktion mit zeitgenössischer Kunst am 24. November ziert eine gemalte Zeitreise in die Sowjetzeit, die Ilya Kabakov 2002 für eine Installation in Cleveland schuf. Das 1,6 mal 2,5 Meter große Ölbild „Bei der Universität 1972“ zitiert den Stil des sozialistischen Realismus, der Moskauer Konzeptualist rahmt die Szene jedoch mit schwarzen Balken, die die fröhlichen Studentengesichter konterkarieren: Die Taxe liegt bei 600.000 bis 800.000 Euro.

          Der italienische Schwerpunkt auf der Namensliste der Auktion ist unübersehbar, was erneut die erfolgreiche Akquise der fünf südlichen Filialen des Hauses belegt. Von dem Venezianer Emilio Vedova liegt eine hochexpressive Collage auf Leinwand „Ciclo 61 N.8“ im Großformat von 1960 vor, als er auch den großen Preis auf der Biennale seiner Heimatstadt erhielt (280.000/380.000). Wie das stilistische Gegenteil von Vedovas Informel wirkt das Reliefbild „Superficie bianca“ von Enrico Castellani, das einem Industrieprodukt gleicht (180.000/240.000). Zur Künstlergruppe „Movimento Arte Nucleare“ gehörte neben Castellani auch Agostino Bonalumi, dessen Monochrom „Rosso“ von 1962 minimalistisch den Wirkungen des Lichts nachgeht. Sein „Bianco“ von 1973 strebt über die Leinwand hinaus (70.000/80.000), während dessen Gegenstück „Nero“ die Blicke in ein unergründliches Zentrum zieht (60.000/ 80.000); ein größeres Schwarzbild Bonalumis wird für 80.000 bis 120.000 Euro angeboten.

          Morandis Haus im Licht des Sommers

          Durch die raffinierte Überlagerung von Linien zieht Piero Dorazios „Long Distance II“ von 1984 die Blicke auf sich (100.000/150.000). Aus der Arte Povera liegt ein großes Blei-Bild mit Kohle-Etuis von Jannis Kounellis vor (140.000/180.000). Anselm Kiefer übermalte eine Fotografie für die zweiteilige Mischtechnik „Solveigs Grab“ (90.000/ 140.000). Von Gerhard Richter stammt ein blau dominiertes, abstraktes Aquarell von 1988 (55.000/65.000), während sein jüngerer Namensvetter Daniel Richter mit dem Ölbild „We’ll never stop living this way“ in eine Munch’sche Nacht zwielichtiger Gestalten führt (60.000/70.000). Arnulf Rainer vertritt die jüngere österreichische Kunstgeschichte mit dem Bildobjekt „Rheinkreuz“ (90.000 /130.000).

          Die Sparte der Klassischen Moderne am 23. November tut ein zeitlich weites Spektrum auf: Klimts Federzeichnung „Hoffnung“ von 1903/04 (40.000/50.000) trifft dort auf Mirós Sackleinen-Objekt, das erst 1973 bemalt wurde (200.000/ 300.000). Der Katalogtitel führt wiederum zu Erika Giovanna Klien, bekannteste Vertreterin des Wiener Kinetismus, die 1923 den „Kopf einer Tänzerin“ visuell in Bewegung brachte (70.000/ 100.000). Ein Werk Giorgio Morandis konnte 2009 im Dorotheum einen Spitzenpreis erzielen. Nun wird ein kleines Bild seines sommerlichen Hauses bei 110.000 bis 140.000 Euro aufgerufen. Auch Giorgio de Chirico hat in Wien stets gute Chancen: Das jetzt angebotene Reiterbild malte er 1933 mit Öl auf Jute (70.000/80.000), fast vierzig Jahre später entstand „Cavallo in riva al mare“ vor antiker Ruine (65.000/ 75.000).

          Ein Sofa namens „Woush“

          Ein frühes Landschaftsbild aus dem Werk von Paula Modersohn-Becker stellt ihr mit Tempera auf Pappe festgehaltenes „Mädchen mit Ziege“ dar, dessen bewegter Farbauftrag für die Künstlerin selten ist (150.000/180.000). Eine heitere Ausstrahlung verströmt Picabias „Paysage“ um 1938 (40.000/60.000). Eine signierte Zeichnung stellt den Dichter Jean Cocteau 1917 dar, den Modigliani im Jahr davor gemalt hatte (60.000/80.000). Tamara de Lempicka zeichnete „Die Weisheit“ in Frauengestalt, bevor sie sie 1940 malte (25.000/35.000). Kokoschkas lebendiges Aquarell „Die Schauspielerin“ wird auch in das baldige Werkverzeichnis des Künstlers inkludiert (110.000/130.000). Die von Alexej Jawlensky 1936 dunkel komponierte „Meditation: L’heure bleue est en moi“ lässt seine berühmten abstrakten Köpfe nur mehr erahnen (38.000/48.000).

          Die erfolgreiche Dorotheum-Sparte Design bietet am 22. November wieder etliche der Editionsobjekte, die zu Höchstpreisen auflaufen: Nur sechs Stück wurden von dem Sofa namens „Woush“ produziert, das Zaha Hadid 1985/86 für die Firma Edra entworfen hat; die Taxe für die vier Meter lange Couch liegt bei 26.000 bis 32.000 Euro. „Sit-Sat“ taufte Hadids Dekonstruktivisten-Kollege Massimiliano Fuksas sein gemeinsam mit Doriana Mandrelli entworfenes Sitzobjekt aus Sperrholz; der Prototyp soll 55.000 bis 65.000 Euro bringen. Aus grellgrünem transparentem Kunststoff wurde der 2003 entstandene Prototyp des „Three-Two“-Buchregals von Jakob + MacFarlane handgeformt (34.000/38.000), von dem ein Exemplar auch in der Sammlung des Centre Pompidou vertreten ist. Wie eine Camera obscura funktioniert Ron Arads Deckenlampe „I.P.C.O.“, die durch kleine Löcher in ihrer weißen Ovalform ein Muster an die nächtlichen Wände zaubert (24.000/28.000).

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