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Österreichs Auktionsmarkt : Mit Gipfelstürmern in den Alpen

  • -Aktualisiert am

Gehörte einst Luis Trenker und kletterte auf 50.000 Euro: Alfons Walde, „Duell in den Bergen“, um 1951, Öltempera auf Papier auf Karton, 17,8 mal 13,2 Zentimeter Bild: Auktionshaus im Kinsky GmbH, Wien

Österreichs Auktionshäuser können zufrieden auf das erste Halbjahr 2022 zurückblicken. Tizian und Andy Warhol sorgten für Spitzenzuschläge, und auch zeitgenössische Kunst lief gut.

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          Das erste Halbjahr 2022 verlief für die österreichischen Auktionshäuser zu großer Zufriedenheit. Sowohl das Doro­theum als auch Kinsky profitierten von der Digitalisierung und konnten ihren Kundenkreis dadurch noch stärker internationalisieren. Im Dorotheum freut man sich über „höchsten Zuschlag im deutschsprachigen Raum“, den es mit seiner neu entdeckten „Büßenden Magdalena“ von Tizian erzielte.

          Nur mehr selten gelangt ein eigenhändiges Werk des venezianischen Meisters dieser Güte auf den Markt. Die Provenienz aus der Sammlung der Königin Christina von Schweden trug neben der Marktfrische und dem guten Zustand zum Spitzenzuschlag von 4,1 Millionen Euro bei. Der Schätzwert von ein bis eineinhalb Millionen wurde von einem Telefonbieter damit weit übertrumpft. Weitere Ausreißer nach oben blieb die Altmeistersparte schuldig. Im Kinsky blieb bei der großen Sommerauktion eine „Madonna mit Kind und Johannesknaben“ von Lucas Cranach dem Älteren mit Zuschlag 220.000 Euro unterhalb den hohen Erwartungen von 250.000 bis 500.000 Euro.

          Zuschlag bei 600.000 Euro: Andy Warhol, „Man Ray“, 1974, Siebdrucktinte auf Leinwand, 101 mal 101 Zentimeter
          Zuschlag bei 600.000 Euro: Andy Warhol, „Man Ray“, 1974, Siebdrucktinte auf Leinwand, 101 mal 101 Zentimeter : Bild: Auktionshaus im Kinsky GmbH, Wien

          Die Zweitplatzierung bei den Topzuschlägen erobert das Dorotheum mit Andy Warhol. Der New Yorker besuchte 1973 den von ihm bewunderten Kollegen Man Ray in seiner Pariser Wohnung und fotografierte ihn mit der Polaroidkamera. Laut Aufzeichnungen bat Warhol den damals 83 Jahre alten Dadaisten, seine Brille abzunehmen und lässig mit Zigarre im Mund zu posieren. Zurück in der Factory entstand eine Porträtserie mit Acryl auf Siebdruck, wovon eine in Rottönen leuchtende Version nun 600.000 Euro einspielte (Taxe 300.000 bis 500.000 Euro).

          Skulpturen gelangen eher selten in die Top Ten des österreichischen Kunstmarkts, aber aktuell besetzt Bildhauerei zwei Positionen. In den Moderne-Auktionen des Dorotheums zählen Lose von Marino Marini zu den Stammgästen. Über die akquisenstarken Dorotheumsfilialen in Mailand und Rom gelangen immer wieder Werke des Künstlers nach Wien. Marinis ausdrucksstarke, 44 Zentimeter hohe Bronze „Piccolo Miracolo“ stellt einen vom Pferd stürzenden Reiter dar. Wie sich das Tier dramatisch aufbäumt, lässt an Schlachtenbilder denken. Als „kleines Wunder“ galoppierte diese Skulptur, die 1955/56 in einer Edition von sieben gegossen wurde, vom Schätzwert 180.000 bis 280.000 Euro auf 360.000. Im Kinsky fand eine Marmorstatue von Kaiserin Elisabeth Anklang, deren Vorbild bei einem Brunnen im Wiener Volksgarten steht. Der Bildhauer Hans Bitterlich wiederholte seine Darstellung der inmitten von Blumen sitzenden Regentin. Für die neunzig Zentimeter hohe Skulptur fiel der Hammer bei 250.000 Euro (150.000/300.000).

          Auch im Kinsky war auf die Erfolgssparte klassische Moderne Verlass. Besonderen Anklang fand die Gouache „Fleurs et femmes en Reve“ von Marc Chagall. Vor allem das Blumenbouquet überzeugt bei der vermutlich in den Siebzigerjahren entstandenen Papierarbeit auf Leinwand. Taxiert auf 100.000 bis 200.000 Euro, wechselte die Arbeit für 300.000 Euro den Besitzer. Das Dorotheum konnte mit einem Chagall aus den Jahren 1926/27 aufwarten. Die traumwandlerische Papierarbeit „Fabel-Tier“ erreichte dort 215.000 Euro (140.000/180.000). Der rumänische Surrealist Victor Brauner, der bis zu seinem Tod in Paris lebte, widmete sich in seinem Spätwerk Darstellungen voller Magie und Totemismus. Sein Ölbild „La leçon de Twist“ von 1962 kletterte auf 210.000 Euro (120.000/160.000).

          Zu den Evergreens des österreichischen Kunstmarkts zählen die Alpenbilder von Alfons Walde. Die Sommerauktion im Kinsky legte einen Schwerpunkt auf den Kitzbüheler Künstler. An die Spitze setzte sich ein sommerlicher „Bergweiler“ von 1947 mit der Gebirgsgruppe des Wilden Kaisers im Hintergrund. Die Ansicht, aus der rote Blumen leuchten, war einem Bieter 300.000 Euro wert (180.000 bis 320.000). Aus dem früheren Besitz des legendären Bergsteigers Luis Trenker stammt ein „Duell in den Bergen“, das Walde um 1951 in Öltempera malte. Mit einem Zuschlag bei 50.000 Euro blieb es innerhalb der Erwartung.

          Bei den Zeitgenossen des Dorotheums machte ein blaues Acrylbild von Hans Hartung Karriere. Wie einen Schatten hat der in Frankreich lebende Deutsche einen dunklen Streifen durch sein Bild gezogen; darüber lassen Kratzspuren eine Art Strahlen entstehen. Die Taxe von 70.000 bis 90.000 Euro wurde nach einem Bieterduell bei 290.000 Euro weit übertroffen. Ritzungen kennzeichnen auch „Schlange im Quadrat“ von Antoni Tàpies. Der Katalane schuf seine spiralförmige Mischtechnik mit einer Sandschicht auf einem 151 Zentimeter großen Holzquadrat. Der siegreiche Bieter honorierte die archaische Ästhetik mit 250.000 Euro (160.000/220.000). Die Offerte zeitgenössischer Kunst im Kinsky lief gut, auch wenn es kein Werk unter die Topzuschläge schaffte. Besonders gefragt war eine frühe Gemeinschaftsarbeit von Maria Lassnig und Arnulf Rainer, zugeschlagen bei 130.000 Euro. Für die Malerin Xenia Hausner, die 2021 eine Werkschau in der Albertina hatte, setzte das berührende Selbstporträt mit Vater „Winterreise“ bei 85.000 Euro einen Auktionsrekord.

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