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Auktionsmarkt in Frankreich : Die Heimkehr der Putti

  • -Aktualisiert am

Ein stabiler Auktionsmarkt in allen Sparten bestimmt das erste Halbjahr in Frankreich. Ein Abdruck von Picassos Hand ist auch dabei.

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          Es hätte gleich zwei spektakuläre Auktionen geben können: Ein vor fünf Jahren auf einem Dachboden gefundenes Gemälde, das sich als vermutliches Spätwerk Caravaggios herausstellte, sollte – nach langen Authentizitätsprüfungen und einem zuletzt abgelehnten Ankauf durch den Louvre – endlich im Juni in Toulouse unter den Hammer kommen. Aber nur zwei Tage vor dem Termin einigten sich die Besitzer mit einem offiziell nicht genannten Käufer auf einen Preis. Vermutet wird, dass das auf hundert bis 150 Millionen Euro geschätzte Gemälde „Judith und Holofernes“ von dem amerikanischen Milliardär J. Tomilson Hill gekauft wurde und demnächst als Leihgabe im Metropolitan Museum in New York zu sehen sein wird.

          Ein anderer sensationeller Zufallsfund hätte nur einige Tage zuvor bei Tajan in Paris aufgerufen werden sollen. Es handelt sich um die Federzeichnung eines Alten Meisters, die dem Auktionshaus, mit anderen Zeichnungen in einem Karton verstaut, im Jahr 2016 zur Prüfung vorgelegt wurde. Experten identifizierten das Blatt als ein „Martyrium des heiligen Sebastian“ von Leonardo da Vinci. Zunächst auf fünfzehn Millionen Euro geschätzt, wurde es als nationales Kulturgut eingestuft und ein möglicher Ankauf durch den Louvre avisiert. Dann erzielte der „Salvator Mundi“ die Rekordsumme von 450 Millionen Euro und erhöhte auch den theoretischen Marktpreis des gefundenen Leonardo-Blatts. Ende 2018 wurde ein Auktionsverkauf bei Tajan für Juni 2019 anberaumt, der den Marktwert hätte klären können. Die Schätzung lautete nun dreißig bis sechzig Millionen Euro. Einige Wochen zuvor wurde der Termin allerdings noch einmal verschoben. Nun soll die Versteigerung im November oder Dezember stattfinden, um das Ablaufen der Sperrfrist durch den Kulturgutschutz abzuwarten.

          Dennoch gab es im ersten Halbjahr gerade im Bereich der Alten Meister überraschende Momente. Bei Artcurial wurde eine auf 30.000 bis 50.000 Euro geschätzte bronzene „Allegorie der Architektur“ nach Giambologna auf stolze 3,1 Millionen Euro getrieben. Im Drouot erreichte ein Blumenstillleben von Ambrosius Bosschaert d. Ä. bei Fraysse & Associés in Zusammenarbeit mit Binoche & Giquello 2,7 Millionen Euro. Aguttes versteigerte eine Dorfhochzeit von Pieter Brueghel d. J., die seit einem Jahrhundert in derselben französischen Sammlung verblieben war, für 900.000 Euro (Taxe 600.000/700.000). Sotheby’s hatte ein unerwartetes Los im Angebot. In der herausragenden Sammlung Schickler-Pourtalès wurden zwei verschollen geglaubte Putti des Bildhauers Hans Daucher wiederentdeckt. Die kleinen Meisterstücke der deutschen Renaissance zierten einst mit mindestens fünf weiteren Putti die Fugger-Kapelle in der Augsburger Annakirche, bis deren ursprüngliche Architektur vor knapp zweihundert Jahren zerstört wurde. Um die drallen Engelchen nach Augsburg zurückzuholen und im Maximiliansmuseum mit den fünf anderen zusammenzuführen, bildeten die Stadt Augsburg, der Bund und die Ernst von Siemens Kunststiftung ein Konsortium, in dessen Namen die Steinskulpturen von der Bremer Galerie Neuse für 1,95 Millionen Euro ersteigert wurden.

          Sotheby’s bleibt in diesem ersten Halbjahr mit 124 Millionen Euro, trotz eines leichten Rückgangs im Vergleich zum Vorjahr, weiterhin Spitzenreiter in Frankreich, gefolgt von Artcurial mit 123 Millionen Euro und einer Steigerung von vier Prozent – wobei für Artcurial neben der Mehrwertsteuer auch die umsatzstarken Sammlerautos inbegriffen sind, die bei Sotheby’s ausgegliedert in der Filiale RM auktioniert werden. Christie’s hält mit 84 Millionen Euro im ersten Semester den dritten Platz und muss einen Rückgang von 15,7 Prozent verzeichnen.

          Das bislang börsennotierte amerikanische Unternehmen Sotheby’s wurde, wie berichtet, im Juni für 3,7 Milliarden Euro von dem in der Schweiz ansässigen israelisch-französischen, in Frankreich umstrittenen Telekom- und Medienunternehmer Patrick Drahi akquiriert. Zum Ende dieses Jahres soll Sotheby’s von der Börse genommen werden. Christie’s gehört, wie bekannt, dem Luxusbranchen-Unternehmer François Pinault. Damit sind die beiden führenden internationalen Auktionshäuser in französischen Händen. Bei Christie’s France gab es im Juli einen Wechsel an der Spitze; François de Ricqlès wird als Präsident von Cécile Verdier abgelöst. Die Expertin für die Arts Décoratifs des 20. Jahrhunderts kehrt nach einer mehrjährigen Etappe bei Sotheby’s in das Haus zurück.

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