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Frankreichs Auktionsmarkt : Gründe zum Feiern gibt es genug

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Als Gegenwartsmaler an der Spitze: Pierres Soulages’ „Peinture 12 août 1959“, Öl auf Leinwand, 92 mal 73 cm Zentimeter, stieg bei Artcurial auf 2,06 Millionen Euro. Bild: Artcurial

Ein Jubiläum, eine exquisite Sammlung und florierender Handel: das erste Halbjahr auf dem Auktionsmarkt in Frankreich.

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          Anfang Juli erschien der Jahresreport des französischen Versteigerungsrates, der mit den Daten von 427 Auktionshäusern auf 2021 zurückblickt: Vier Milliarden Euro wurden eingespielt, mit einem Zuwachs von vierzig Prozent. Im Vergleich zu 2019, dem Jahr vor der Pandemie, liegt die Steigerung bei 21 Prozent. Das erste Halbjahr 2022 bestätigt, dass der viertgrößte Auktionsmarkt der Welt weiterhin floriert. Neben wachsenden Umsätzen wurden drei Spitzenwerke zu Preisen von 20 Millionen Euro und mehr zugeschlagen.

          Christie’s konnte eine außerordentliche Sammlung anbieten: Im Juni wurden Kunstobjekte und Mobiliar vom 17. bis zum 20. Jahrhundert aus den Residenzen des 2018 verstorbenen Couturiers Hubert de Givenchy zur Auktion gebracht. Neben der Mode galt seine Leidenschaft der Kunst. Givenchy hatte sein Pariser Stadtpalais und den Landsitz im Manoir du Jonchet mit exquisiter Kennerschaft ausgestattet. 1229 Lose kamen unter den Hammer und spielten mit Aufgeld 118,1 Millionen Euro ein. Als Spitzenlos und zugleich höchster Zuschlag des ersten Halbjahres in Frankreich erreichte Alberto Giacomettis frühe, zwischen 1932 und 1936 entstandene Skulptur „Femme qui marche (I)“ 23,5 Millionen Euro. Joan Mirós himmelblaue Abstraktion „Le passage de l’oiseau-migrateur“ verdoppelte mit 5,75 Millionen Euro die untere Erwartung, während die große Zeichnung eines „Faune à la lance“ von Picasso auf 3,5 Millionen Euro kletterte (Taxe 1,5 bis 2,5 Millionen Euro). Zwei monumentale Bronze-Girandolen aus der Louis-seize-Epoche wurden mit 4,1 Millionen Euro bewertet und vervierfachten die Obertaxe.

          Bei Christie’s für 5,75 Millionen Euro zugeschlagen: Joan Miró, „Le passage de l’oiseau migrateur“, 1968, Öl auf Leinwand, 194,5 mal 129,5 Zentimeter
          Bei Christie’s für 5,75 Millionen Euro zugeschlagen: Joan Miró, „Le passage de l’oiseau migrateur“, 1968, Öl auf Leinwand, 194,5 mal 129,5 Zentimeter : Bild: Christie’s Images Limited 2022, Guillaume Onimus

          Christie’s liegt im ersten Halbjahr mit einem Umsatz von 300 Millionen Euro – durch die Givenchy-Sammlung gestärkt – in Führung. Für eine wiederentdeckte und keinem Geringeren als Michelangelo neu zugeschriebene Zeichenstudie waren bei der Altmeisterauktion 30 Millionen Euro erwartet worden. Schließlich wurden für den Jünglingsakt, nach einem Fresko von Masaccio, 20 Millionen Euro bewilligt – wobei das Fehlen letzter Gewissheit über die Autorenschaft sicher eine Rolle gespielt hat. Als Spitzen­los einer Onlineauktion mit der vom Dekorateur Alberto Pinto zusammengestellten Inneneinrichtung einer Pariser Wohnung am Quai d’Orsay wurde Auguste Rodins berühmter „Denker“ aufgerufen. Der gut siebzig Zentimeter hohe Rudier-Guss verblieb zwar mit 9,5 Millionen Euro bei der unteren Taxe, dennoch ist es der höchste Preis, der je in Frankreich für ein Werk des Bildhauers erreicht wurde.

          Sotheby’s veröffentlicht keine Halbjahresumsätze. Zum ersten Mal bot das Haus des Unternehmers Patrick Drahi eine eigens dem Surrealismus gewidmete Auktion an. Francis Picabias poetisches Gemälde „Pavonia“, auf 6 bis 8 Millionen Euro taxiert, erzielte mit 8,5 Millionen Euro einen Rekord und ist zugleich das Spitzenlos des Semesters bei Sotheby’s. Eine surrealistische Neigung haben auch die Werke von François-Xavier Lalanne. Sein „Rhinocrétaire“, ein Schreibtisch in einer bronzenen Rhinozeros-Skulptur, wurde in der Design-Auktion im Mai bei 4,6 Millionen Euro zugeschlagen (2/3 Millionen). Als Toplos der Moderne- und Impressionisten-Auktion konnte Picassos Gemälde „Nus masculins (Les ­trois âges de l’homme)“ mit 3,4 Millionen Euro die obere Taxe überrunden. Bei der Zerstreuung der Sammlung von André Mourgues, des Lebensgefährten des legendären Kunsthändlers Alexandre Iolas, spielte die Bronze-Skulptur „La plus belle“ von Max Ernst 2,1 Millionen Euro ein (1/1,5 Millionen Euro).

          Das größte französische Auktionshaus Artcurial feiert in diesem Jahr sein zwanzigjähriges Bestehen und meldet einen Rekordumsatz von 155 Millionen Euro im ersten Semester. Der 102 Jahre alte Pierre Soulages ist der teuerste französische Gegenwartsmaler. Sein Frühwerk erreicht besonders hohe Zuschläge. Deshalb erstaunt es, dass die „Peinture 92 x 73 cm, 12 août 1959“ aus der Sammlung Schwarz-Sterngold mit 2,06 Millionen Euro die untere Taxe nicht überflügelte (2,3/3,3 Millionen Euro). Artcurial hatte mit einem Stillleben von Jean-Siméon Chardin das fabelhafteste Los dieses Halbjahres im Programm. „Le panier de fraises des bois“ von 1761, auf 12 bis 15 Millionen Euro geschätzt, wurde für 20,5 Millionen Euro von einem amerikanischen Galeristen ersteigert. Dann verweigerte der französische Staat die Ausfuhr und stufte es als nationales Kulturgut ein. Nun soll der Louvre die Summe für den Ankauf aufbringen.

          Der Auktionator Aguttes führt das breite Mittelfeld der französischen Versteigerungshäuser an und erwirtschaftete mit 51,5 Millionen Euro das beste Ergebnis seit der Gründung im Jahr 1974. Lange vor Chardin, im Jahr 1631, hatte die Malerin Louyse Moillon eine Schale mit Erdbeeren neben einem Körbchen Kirschen gemalt. Das bezaubernde Stillleben setzte mit 1,3 Millionen Euro – die Taxe lag bei 150.000 bis 200.000 Euro – einen neuen Rekord.

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