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Frankreich-Bilanz 2017 : Die Moderne ist zurück

  • -Aktualisiert am

2017 ist ein Jahr der Rekorde für den französischen Auktionsmarkt, der in scharfe Konkurrenz zu London tritt. Es gibt Spitzenpreise und Überraschungen – die Bilanz.

          Schon 2016 war für den französischen Auktionsmarkt ein gutes Jahr. Mit der Bilanz für 2017 können die meisten Auktionshäuser noch zufriedener sein. Christie’s gelang sogar eine Steigerung um vierzig Prozent. Mit 342,3 Millionen Euro Umsatz liegt das Auktionshaus im Besitz von François Pinault diesmal weit vor den beiden Konkurrenten im Spitzenfeld, Sotheby’s und Artcurial. Ein so hervorragendes Ergebnis hatte Christie’s seit dem Verkauf der außergewöhnlichen Sammlung von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé im Jahr 2009 nicht mehr erreichen können. Einmal mehr wurde der Umsatz durch die Auktionen großer Kollektionen in die Höhe getrieben: allen voran die feinsinnige Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst von Jean-François und Marie-Aline Prat, die im vergangenen Oktober während der Kunstmesse Fiac fast vierzig Millionen Euro einspielte.

          Auch die beiden höchsten Zuschläge 2017 ergingen bei Christie’s; sie hängten die folgenden Toplose mit weitem Abstand ab. Auf Platz zwei kam, aus der Sammlung Prat, Jean-Michel Basquiats Gemälde „Jim Crow“, das bei 13,2 Millionen Euro abgegeben wurde. Aber den Spitzenpreis erzielte, seit langem wieder einmal, ein Werk der Nachkriegsmoderne: Die fast drei Meter hohe „Grande FemmeII“ von Alberto Giacometti aus dem Jahr 1960 wurde – bei einer Erwartung von achtzehn Millionen Euro und mit einer Garantie versehen – bei 22 Millionen Euro zugeschlagen. Für den französischen Markt sind solche Preise jenseits der üblichen Schallgrenze, beide Werke wären eher in London oder New York zu erwarten gewesen. Dass sie in Paris angeboten wurden, lässt sich durchaus als ein Zeichen dafür sehen, dass die französische Kunststadt nach dem Brexit an Attraktivität gewinnen und in schärfere Konkurrenz mit London treten wird.

          Große Sammlungen aus dem Ausland versteigert

          Im vergangenen Jahr distanzierte Christie’s den internationalen Erzkonkurrenten Sotheby’s um fast hundert Millionen Euro. Das börsennotierte amerikanische Unternehmen konnte allerdings seinerseits um zwölf Prozent zulegen und erreichte sein bislang bestes Ergebnis in Frankreich mit 246 Millionen Euro Umsatz. Bei Sotheby’s kam der heute 98 Jahre alte französische Maler Pierre Soulages an die Spitze: Seine „Peinture 162 × 130, 14 avril 1962“ ging mit einer Taxe von zwei bis drei Millionen Euro ins Rennen. Zehn Bieter kämpften darum, bis das Bild schließlich für 5,3Millionen Euro den Besitzer wechselte. Unter den fünfzehn, bei Sotheby’s 2017 versteigerten Sammlungen wurden dem Haus auch drei aus dem Ausland anvertraut, darunter die amerikanische Sammlung Brandt mit Werken des Surrealismus, die in Paris ihren gerechtfertigten Versteigerungsort hatte. Aber auch die Kollektion von Alain und Candice Fraiberger aus der Schweiz hatte Erfolg, mit insgesamt 15,3 Millionen Euro: „A trois centimètres de la terre“ von Wifredo Lam, ein Gemälde aus dem Jahr 1962, verdoppelte seine Erwartungen und wurde bei 3,8 Millionen Euro abgegeben. Hans Hartungs großformatiges Ölgemälde „T1956-13“ vervierfachte seine Taxe mit 2,25 Millionen Euro und stellte einen Rekord für den Künstler auf. Ebenfalls aus der Sammlung Fraiberger stammt ein weiterer Höchstpreis: 2,6 Millionen Euro wurden der Bronzeskulptur „La Tauromachie“ von Germaine Richier aus dem Jahr 1953 zugestanden.

          Französische Künstler mit Arbeiten aus den unmittelbaren Nachkriegsjahrzehnten erreichten – das ist inzwischen eine manifeste Tendenz – oft erstaunliche Ergebnisse. Bei Christie’s verdoppelte ein „Sans titre“ von 1953 des 2002 gestorbenen Jean-Paul Riopelle die Erwartung von 1,5 bis zwei Millionen Euro und wurde, noch ein Rekord, bei 4,2 Millionen Euro zugeschlagen. Weiterhin wurden für Zao Wou Ki, Alexander Calder, Jean Dubuffet, aber auch für den „Compresseur“ César, dem derzeit eine Retrospektive im Centre Pompidou gewidmet ist, hohe Preise bewilligt.

          Der traditionsreiche Pariser Drouot, in dem sich 74 Auktionshäuser zusammengeschlossen haben, kann bei einem Umsatz von 378 Millionen Euro eine leichte Steigerung vermelden. Kurz vor Weihnachten sorgten zwei spannende Momente für Aufsehen: Das Gemälde „Pot de fleurs ou Pivoines“ aus dem Jahr 1930 vom französisch-chinesischen Maler Sanyu kam bei Aguttes, angesichts einer realistischen Schätzung bei drei bis vier Millionen Euro, für 6,9 Millionen Euro unter den Hammer, hart umkämpft von zwei Sammlern aus Taiwan und Hongkong: Es steht damit auf Rang drei des französischen Auktionsjahrs 2017. Noch erstaunlicher verlief die Versteigerung eines späten Aquarells von Paul Cézanne, das beim Auktionator Touati Duffaud auf 5,5 Millionen Euro kletterte: Das „Intérieur de forêt“ von 1904/06 war seit einem Jahrhundert in derselben Familie verblieben und auf rund 500 000 Euro geschätzt worden.

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