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Auktionsergebnisse : In Zeiten wie diesen ist das beste Buch gerade gut genug

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Aderlass an der richtigen Stelle: Die Zeichnungen des Astronomen Johannes Regiomontanus wurden bei Hartung & Hartung in München für 65.000 Euro verkauft Bild: Hartung & Hartung

Wo steht der Handel mit Gedrucktem und Handgeschriebenem? Ergebnisse der Auktionen bei Hartung & Hartung, Ketterer, Reiss & Sohn und Stargardt.

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          Das Bild der letzten Auktionsrunden wiederholte sich: Während durchschnittliche Ware oft liegen bleibt, hat perfektes oder sehr gutes, seltenes und entsprechend hoch bewertetes Material kaum Absatzprobleme. Die Mehrzahl fünfstelliger Hammerpreise bewilligten inländische Händler: Für Regiomontanus’ Kommentar zu Ptolemäus mit vorgebundenem Erstdruck von dessen „Almagest“ von 1515 gab es etwas unter Taxe 55.000 Euro; Ulrich Molitors interessant illustriertes „De laniis et pythonicis mulieribus“, das um 1490 den Herzog von Tirol von der Existenz von Hexen überzeugen sollte, erwartete 30.000 Euro. Auch um Maria Sibylla Merians „Histoire des Insectes de l’Europe“ als komplettes altkoloriertes Exem­plar stritten deutsche Antiquare bis 27.000 Euro (Taxe 24.000 Euro), und ein Konvolut über Kometen hoben sie von 800 auf 6000 Euro, wohl weil sich ein frühes Werk von 1561 darin befand. Conrad Gesners mit farblich schönen Bildern ausgestattetes Vogelwerk von 1515 dagegen überließ man bei 9000 Euro (5000) niederländischem Handel.

          Verdient auf den ersten Platz kletterte ein besonderes Exemplar des bekannten Kalenders, den der Astronom Johannes Regiomontanus für die Zeit von 1475 bis 1534 erstellte. Sauberst auf Pergament ausgeführt und mit vielen Zeichnungen wie der eines Aderlassmannes mit den körperbezogenen Sternzeichen ausgeschmückt ist die lateinische und deutsche Handschrift, die noch dazu in einem alten Einband steckt und mit der ehemals Apelschen Bibliothek des Rittergutes Ermlitz bei Leipzig eine exzellente Provenienz aufweist. Amerikanischer Handel sicherte sich das Werk weit über der Taxe von 40.000 Euro bei 65.000 Euro. Ebenfalls nach Amerika an ein Privatgebot zog zum Limit von 30.000 Euro (32.000) ein winziges Stundenbuch, das um 1480 in den Niederlanden geschrieben und mit Miniaturen versehen wurde.

          Spielte bei Ketterer 100.000 Euro mit Aufgeld ein: Exemplar des „Hortus Eystettensis“ mit 367 Kupfertafeln aus dem Jahr 1750
          Spielte bei Ketterer 100.000 Euro mit Aufgeld ein: Exemplar des „Hortus Eystettensis“ mit 367 Kupfertafeln aus dem Jahr 1750 : Bild: Ketterer Kunst GmbH und Co. KG

          Dass insbesondere Händler in diesen wirtschaftlich unsicheren Zeiten hochwertige Objekte ungebrochen nachzufragen scheinen, erklärt sich Felix Hartung nicht nur mit der oft beschworenen Investition in Sachwerte, sondern auch der Gewohnheit meist betuchter Inkunabel- und Manuskriptsammler, lieber auf Angebote von Händlern ihres Vertrauens zu setzen, als selbständig den Weg über die Auktion zu gehen. Anders denkt offenbar der Privatsammler, der online die deutsche Erstausgabe des „New Kreüterbuch“ des Leonhart Fuchs von 1543 für 19.000 Euro erstand (7000), sowie ein anderer, der im Saal Sebastian Münsters „Beschreibung der ganzen Welt“ für 11.000 Euro übernahm (6000). Was geschieht, wenn etwas nicht den manchmal kaum nachvollziehbaren Sammlernormen entspricht, zeigte eine Kollektion von Erstausgaben angloamerikanischer Autoren des 20. Jahrhunderts: Wenn, wie in diesem Fall, die Schutzumschläge nicht aussehen wie frisch aus der Druckerei, haben die Bände keine Chance: Die Sammlung fiel durch.

          Frohe Botschaft auf Plattdüütsch bei Ketterer in Hamburg

          Basilius Beslers botanisches Meisterwerk über den fürstbischöflichen Barockgarten in Eichstätt wurde als höchsttaxiertes Los auf Ketterers Abendauktion wertvoller Bücher in Hamburg aufgerufen. Aber lag schon ein schriftlicher Auftrag für den um 1750 gedruckten botanischen Prachtband deutlich über den erwarteten 50.000 Euro, überflügelte ihn das siegreiche Gebot bei 80.000 Euro. Das Aufgeld von 25 Prozent hinzugerechnet, kostete der „Hortus Eystettensis“ also 100.000 Euro. Auch Buchmaler Johannes von Valckenburgs Bildinitiale A aus einem Kölner Chorbuch der Zeit um 1300 stieg mit 55.000 Euro (25.000) kräftig im Wert. Unerwartet hoch fiel zudem das Ergebnis für die sogenannte „Bugenhagenbibel“ aus, als diese erste 1533 in Lübeck gedruckte Gesamtausgabe der Lutherbibel in Niederdeutsch von 10.000 auf 38.000 Euro schoss.

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