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Wolfgang Joop im Gespräch : Die Lempickas sind eine phantastische Krisenanlage

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Ohne meine Frauen: Wolfgang Joop lässt alle seine zehn Gemälde von Tamara de Lempicka bei Sotheby's in New York versteigern. Im Gespräch mit Swantje Karich verrät der Modedesigner exklusiv seine Gründe für die Trennung nach dreißig Jahren.

          Der Modedesigner Wolfgang Joop trennt sich von seinen zehn spektakulären Gemälden von Tamara de Lempicka. Sie werden Anfang Mai in New York versteigert. Hier verrät er, warum er das tut. Die Fragen stellte Swantje Karich.

          Warum trennen Sie sich von Tamara de Lempickas Bildern?

          Wir müssen uns voneinander befreien.

          Das heißt?

          Ich habe dreißig Jahre mit ihr gelebt. Ich möchte keine Auseinandersetzung mehr mit Kunstwerken anderer Leute. Ich lebe noch mit ein paar Rokoko-Gemälden, ansonsten habe ich alles fortgegeben. Ich arbeite jetzt selbst wieder als Künstler, im Mai habe ich eine Ausstellung in Rostock. Meine Karriere als Produkt "Joop" war dazu da, einen Lebensstil zu kreieren, jetzt brauche ich Freiheit und leere Wände.

          Sie behalten also kein einziges Bild von de Lempicka?

          So ist es. Ich habe sie immerzu um die Welt geschickt. Jetzt ist es Zeit.

          Spielte die Wirtschaftskrise eine Rolle bei der Entscheidung?

          Nein. Nicht zu essen, nicht zu trinken, nicht zu reisen tut wohl mehr weh, als sich das Kunst- oder Fashion-Shopping zu verkneifen. Aber ganz im Ernst, wir haben nichts von der Krise gemerkt. Ich habe mit meinen letzten drei Kollektionen international den Applaus bekommen, den ich mir für meine Arbeit gewünscht habe. Aber wir müssen natürlich vorfinanzieren. Die Kleider müssen bezahlt werden. Ich bin ja nicht Yves Saint Laurent, der im Modehimmel ist. Ich bin hier unten in der Modehölle. Der entscheidende Punkt für diese Auktion ist vielmehr, dass die Bilder eigentlich nie bei mir zu Hause waren. Nur mit zweien von ihnen habe ich wirklich gelebt. Die anderen waren immer weltweit in Museen unterwegs.

          Welche blieben bei Ihnen?

          Das war unterschiedlich. Aber meistens "Dans l'opera". Es ist das erste Bild, das ich gekauft habe. Ich habe es Andy Warhol vor der Nase weggeschnappt. Aber die anderen Bilder waren eigentlich permanent weg, besonders die Bilder aus der Art-déco-Zeit - zum Beispiel die Frau mit dem Telefon ("Das Telefon II"). Es zeigt den modernen Menschen an sich. Die Frau mit einem Kommunikationsmittel, mit einem industriellen Element in der Hand. Aber so habe ich es nie wirklich betrachtet.

          Also gibt es keine emotionale Bindung zu den Originalen?

          Nein, das Porträt der Marjorie Ferry hat mich immer angesehen und gefragt: Warum hast du mich gekauft und mich nicht selbst gemalt? Das ist der Vorwurf an den Künstler. Das habe ich viel zu lange überhört. Darin drückt sich natürlich meine Geschichte aus.

          Was ist geschehen?

          Mir erging es wie Tamara. Für die Kunst galten wir als zu modisch, für die Mode waren wir zu künstlerisch. Man nahm sie in der Kunstszene nicht ernst. Man hatte ein anderes Künstlerbild im Kopf. Als ich ihre ersten Bilder sah, erlebte ich einen Flash. Ich wusste, sie würde etwas Neues einleiten. In die Zeit der Psychoanalyse, als Frauen verträumt und jungfräulich gezeigt wurden, platzte sie plötzlich mit ihrem gläsernen Frauenbild: breitschultrige, skulpturale, eiskalte Frauen, die maschinell wirkten. Auch der Kunstmarkt hat sie viel zu lange unterschätzt und ignoriert. Aber als Warhol studiert hat, habe ich ja auch noch gedacht, dass das alles nichts wäre.

          Was genau wurde unterschätzt?

          Das Unverschämte an den Bildern ist, dass sie jeder erkennt. Man braucht keinen Beipackzettel. Sie sind so plakativ.

          Aber worin liegt die Qualität?

          Die Bilder haben eine Unbekümmertheit gegenüber der Moderne. Tamara hat einen selbstbewussten Menschen in einer selbstgeschaffenen Umgebung dargestellt. Ein bisschen Pop, ein bisschen Kitsch, ein bisschen Sex. Selbst wenn sie Stillleben malte, waren diese sexuell. Sie war ja eine Bisexuelle, wie alle großen Stars, Greta Garbo, Marlene Dietrich. Madonna, selbst Sammlerin, zeigt Tamaras Ästhetik in ihrem Video "Open your Heart" und "Express yourself". Das war Mode in einer frechen Art und Weise. Mode und Kunst sind eine Ehe eingegangen, und Tamara war die Erste, die das zelebriert hat. Wir nennen uns ja heute postmodern, das heißt, wir leben nur noch vom Zitat. Tamara aber zeigte die Ikonographie des modernen Menschen. Später war ihr das ja fast peinlich. Ihre russische Kitschseele kam durch. Sie versuchte mit Madonnenbildchen, Abbitte zu leisten.

          Wann haben Sie sich für den Verkauf entschieden?

          Eigentlich erst vor einem Monat.

          Hat die Entscheidung etwas mit der erfolgreichen Auktion von Yves Saint Laurent in Paris zu tun?

          Nein, aber Simon de Pury hat sich die Bilder und meine Villa in Potsdam angesehen und gesagt: "You are the most beautiful living legend." Die Betonung lag natürlich auf lebender Legende.

          Haben Sie keine Bedenken, dass Sie zu spät dran sind?

          Es könnte immer der falsche Moment sein. Damien Hirst hat für seine Auktion den richtigen gefunden. In der "Herald Tribune" stand damals: "The biggest charlatan of the art scene sold to the biggest assholes." Das fand ich cool. Scharlatan zu sein ist perfektes Marketing. Du musst sie glauben lassen, dass es Kunst ist. Der Preis für Kunst ist eine Behauptung. Er hat es behauptet, und man hat es ihm geglaubt. Am nächsten Tag war dann schon alles anders. Außerdem sind die Lempickas blue chips, sie sind eine phantastische Krisenanlage. Ich muss bei dieser Krise nicht mitmachen, das ist mein Vorteil. Außerdem hat Tamara auch in der Zeit der großen Wirtschaftkrise gemalt.

          Haben Sie Garantien auf die Bilder bekommen?

          Nein, die gibt es nicht mehr. Außerdem soll jeder eine Chance bekommen, seine Tamara zu kaufen. Es ist ein Stück fremden Lebens, das man mit nach Hause nimmt. Ihr Geist hat mich beschützt, jetzt habe ich meine eigenen Geister gerufen.

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