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Vorbericht : Die Schulhefte des Surrealen

  • -Aktualisiert am

Das einzige bekannte Manuskript von André Bretons „Manifeste du Surréalisme“ wird jetzt bei Sotheby's in Paris versteigert. Bis heute war es im Besitz von Bretons erster Ehefrau Simone Collinet.

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          Ich definiere es ein für alle Male“: Mit diesen Worten schrieb André Breton den Surrealismus als „reinen psychischen Automatismus“ fest und schickte sich an, den „reellen Vorgang des Denkens verbal, schriftlich oder auf jegliche andere Weise“ auszudrücken, als ein „Diktat des Denkens ohne jede Kontrolle des Verstands“ und fern aller „ästhetischen und moralischen Erwägungen“. So steht es am Anfang des 1924 erschienenen „Surrealistischen Manifests“. Das einzige bekannte Manuskript dieser grundlegenden Schrift kommt am 20. Mai bei Sotheby's in Paris zum ersten Mal auf den Markt: Neunzehn dicht mit schwarzer Tinte und einer regelmäßigen, sorgfältigen Handschrift beschriebene und mit Korrekturen versehene Seiten, die als Vorlage für die Druckfahnen des im Oktober 1924 bei Simon Kra in Paris veröffentlichten „Manifeste du Surréalisme“ gedient haben.

          Das Heft ist auf 300.000 bis 500.000 Euro geschätzt; es stammt aus dem Besitz von Simone Collinet, Bretons erster Ehefrau, deren Nachfahren sich nun davon trennen wollen. Acht weitere Manuskripte ergänzen das wichtigste Kapitel in der Entstehungsgeschichte des Surrealismus. Thomas Bompard, Experte bei Sotheby's für Bücher und Autographen, wickelt sieben Schulhefte vorsichtig aus ihrer weißen Papierhülle und legt sie auf den Tisch zu der Textsammlung „Poisson Soluble“ (Löslicher Fisch). Diese zwischen März und August 1924 entstandenen Schriften belegen die Geburt des Surrealismus, erklärt Bompard. Breton war damals 28 Jahre alt und hatte bereits eine aktive Beteiligung an der Dada-Bewegung - zuletzt als Leiter der Zeitschrift „Littérature“ - hinter sich. Die allesamt verschiedenen Umschläge der Schulhefte bergen hundert automatisch niedergeschriebene Texte, eine Schreibmethode, die Breton schon Jahre zuvor zusammen mit Philippe Soupault ausprobiert hatte.

          Mit Widmung für die Liebste

          Beim automatischen Schreiben gilt es, in einer bestimmten Zeit ohne Unterbrechung zu schreiben. Wenn der Schreibfluss hakt, wird das letzte Wort so oft wiederholt, bis es weiter geht. Dieses Experiment, das 1920 in die Veröffentlichung der „Champs magnétiques“ mündete, machte Breton nun zum Werkzeug für seine eigene Bewegung. Das erste der Hefte trägt eine Widmung an „Simone, de pluie et de beau temps“. Breton lernte Simone Kahn 1920 im Pariser Jardin du Luxembourg kennen, ein Jahr später heirateten sie und zogen in der als Hauptquartier des Surrealismus legendär gewordenen Atelierwohnung an der Rue Fontaine ein. Simone, die selbst auch an Sitzungen automatischen Schreibens teilgenommen hat, ermutigte Breton, diese Methode weiterzuverfolgen.

          Die Schulhefte bergen außerdem zwölf „Poèmes-Collages“ aus Zeitungsausschnitten. Zweiunddreißig der in den sieben Schulheften (Schätzpreise zwischen 20.000 und 120.000 Euro) angesammelten Texte sind in „Poisson Soluble“ verarbeitet: Ein zusammen mit dem „Manifest“ erschienenes Werk, das Breton als Schriftsteller etablierte. Die 59 Seiten umfassenden Aufzeichnungen von „Poisson Soluble“ werden mit 200.000 bis 300.000 Euro veranschlagt. Thomas Bompard verweist auf das säuberlich durchgestrichene erste Wort des „Manifeste Surréaliste“, nämlich „Préface“.

          Was zunächst als Vorwort zu „Poisson Soluble“ gedacht war, hat sich im Lauf der Niederschrift zum eigenständigen Manifest entwickelt. André Breton wusste die Chance zu nutzen, mit der Definition des Surrealismus seine Autorität in der Gruppe zu festigen und sich selbst zum Haupt einer neuen künstlerischen Bewegung zu ernennen. Die Bibliothèque Nationale in Paris hat zweifellos ein großes Interesse an den Manuskripten, die den surrealistischen Denkprozess verdeutlichen, den der Philosoph Ferdinand Aquié seinerseits glänzend definierte: „Der Surrealismus liebt es nicht, den Verstand zu verlieren, er liebt das, was uns durch den Verstand verlorengeht.“

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