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Toplose in 2010 : Und dann und wann eine Vase

Der deutsche Auktionsmarkt hält sich gut - zumal in Zeiten der begehrten höchstrangigen Einlieferungen, die immer knapper werden.

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          Vor genau einem Jahr an dieser Stelle war die Erleichterung spürbar, dass die globale krisenhafte Erschütterung von 2008 den deutschen Auktionsmarkt, zumindest in seiner Außenwirkung nach der Höhe der Zuschlagsummen, einigermaßen glimpflich entlassen hatte. Max Beckmann hieß der Star 2009, mit 2,2 Millionen Euro für seinen „Blick auf die Vorstädte am Meer von Marseille“ von 1937 und mit 1,25 Millionen Euro für seinen 1944 festgehaltenen „Nachtgarten bei Cap Martin“ brachte er, mit Abstand an der Spitze, der Berliner Villa Grisebach Fortune.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Die nächsten Ränge drei bis fünf gehörten dem Expressionismus eines Kirchner, Campendonk, Otto Mueller und Jawlensky von 1910. Es folgten eine Bronze von Botero, ein rarer japonisierender Prunkschrank des 19. Jahrhunderts, eine chinesische Vase des 17. Jahrhunderts, wilde Reiter des Russen Swertschkow und ein Karton des Barock von Tiepolo.

          Ganz anders sind die deutschen Auktions-Spitzen für 2010 aufgemischt: Sie werden angeführt von einem gar nicht „typischen“ Kirchner, einem Übergangsbild des Jahres 1906, das allerdings durch zahlreiche Ausstellungen abgesegnet ist. Mit diesem „Kinderköpfchen“ katapultiert sich das in München und Hamburg ansässige Haus Ketterer ganz nach vorn; ohnehin mischt Ketterer, mit einem gemeldeten Jahresumsatz von 26 Millionen Euro, oben mit. Das Kunstwerk indessen, dem die höchste Schätzung 2010 in Deutschland überhaupt galt - Kirchners „Mädchen in Südwester“ von 1912 (und später überarbeitet) für erwartete 1,5 bis 1,8 Millionen Euro Millionen - floppte bei Lempertz in Köln; der Vorbehalt beim Zuschlag konnte nicht aufgelöst werden.

          Aufgerückt sind unterdessen rare Einzelstücke: ein Nachfolger des älteren Pieter Bruegel, eine hübsche laszive Papierarbeit Picassos - und ein Buddha, den wohl kaum ein Interessent hierzulande je gesehen hat, weil sich das Stuttgarter Haus Nagel auf den Wunsch des Einlieferers einließ, ein Foto des Buddhas möge nicht verbreitet werden. Kein - wirklich herausragendes - Werk eines deutschen Künstlers firmiert in der Liste: Es folgen ein bildschöner Nolde und ein ungewöhnliches Beckmann-Hochformat von 1933, ein figurenreicher jüngerer Cranach (der Einstand von Hampel in München) und eine Landschaft des, „Samt“- oder „Blumen“-Brueghel genannten, Jan d. Ä.

          Alles hängt von den Einlieferungen ab

          Die Coda, erstaunlich genug, aber womöglich einer sukzessiven Höherbewertung des Markts entgegensehend, bildet eine charakteristische, wenngleich relativ späte Arbeit von Sigmar Polke. Und dazwischen steht eine der international unvermeidlichen chinesischen Vasen. - Was für eine Melange!

          Hier noch ein vergleichender Blick auf die Umsatzzahlen von 2010: Grisebach meldet für 34,8 Millionen Euro (2008: 42 Millionen; 2009: 29,4 Millionen). Lempertz nennt 49 Millionen (2008: 47 Millionen; 2009: 36 Millionen). Van Ham nahm 23 Millionen ein (2008: 18 Millionen; 2009: 20 Millionen), und Nagel verzeichnet 33,1 Millionen Euro (2008: 28,2 Millionen; 2009: 19,2 Millionen). Doch was lässt sich daraus folgern? Wenig, muss man sagen, eines nur zeigt sich deutlich: Alles Geschick hier hängt von den Einlieferungen ab, die nicht ihren Weg nach London oder New York suchen.

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