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Theodor Ahrenberg im Porträt : Dabei sein in der Küche der Kunst

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Er rückt ungewöhnlich nahe ans Ateliergeschehen heran, muss, wie er es formuliert, „in der Küche der Kunst“ dabei sein. Es wird kolportiert, dass Teto 24 Stunden am Tag telefoniert, um zu den befreundeten Künstlern Kontakt zu halten. Der aus Polen stammende Maler Heinrich Richter gehörte zu diesem Kreis und beschrieb die Symbiose so: „Was Künstler in der Kunst vermissten, fanden sie in Theodor Ahrenberg, weil Ahrenberg in den Künstlern und in den Kunstwerken fand, was er im Leben vermisste.“ Doch die Ahrenberg-Welt erfährt 1962 eine tragische Zäsur: Während einer Reise in die Schweiz wird der Sammler in Schweden wegen Steuerhinterziehung angeklagt.

Der schwedische Staat beschlagnahmt die gesamte Ahrenbergsche Sammlung als Unterpfand für eine nie klar deklarierte Steuerschuld. Er selbst, seine Frau Ulla und die vier Kinder bleiben derweil in der Schweiz. In zwei Auktionen versteigert man die Kernstücke der Sammlung Ahrenberg - wohlgemerkt ohne Gerichtsbeschluss und zu Preisen weit unter ihrem Marktwert. Sogar das eigene Mobiliar muss Ulla Ahrenberg zurückkaufen, das in einer dritten Versteigerung angeboten wird. 3,5 Millionen Kronen Steuern sollen ausstehend gewesen sein; die Einnahmen aus den Auktionen summieren sich auf 4,5 Millionen.

Seine zweite Sammlung setzte Trends

Die einst behütete Kollektion wird auf diese Weise unwiederbringlich in alle Winde verstreut. Ahrenberg lässt danach seine nordische Heimat verärgert hinter sich und begräbt endgültig die Idee des von Le Corbusier entworfenen Museums in der schwedischen Hauptstadt. Sein zweites Leben verlegt er in die Weinhänge von Chexbres mit ihrem atemberaubenden Panorama des Genfer Sees. Dort kauft er die Villa „La Rocher“, die den Ahrenbergs als neue Lebensmitte dient. Sie wird zum Hort der Kunst; denn Ahrenberg bleibt auch in der Schweiz jener Impresario, der er in Schweden bis 1962 war.

Künstler suchen ihn auf, um Kontakt zu Galeristen oder zur Presse zu erhalten. Er bietet ihnen im Atelier in Chexbres nicht nur Freiräume zum Arbeiten, sondern einen ebenso offenherzigen wie neugierigen Familienanschluss - manche von ihnen bleiben Monate. Seine zweite Sammlung mit Werken von Mark Tobey, der inzwischen selbst in der Schweiz lebte, Sam Francis, Arman, Christo, Meret Oppenheim, Heinrich Richter und vielen anderen zählt am Ende mehr als 6000 Objekte. Der ausgewanderte Schwede setzt besonders mit dieser zweiten Sammlung Trends: Oft kauft er, noch bevor der Kunstmarkt das Potential eines Künstlers erkennt, was zahlreiche Arbeiten Tinguelys, Yaacov Agams oder Vasarelys belegen.

Tankstelle statt Museumsbau

Theodor „Teto“ Ahrenberg stirbt im Sommer 1989 mit 77 Jahren in Vevey am Genfer See. Seine Witwe Ulla verwaltet bis heute den umfangreichen Nachlass des Sammlers und hält Kontakt zu den wenigen verbliebenen früheren Wegbegleitern, während der Sohn Staffan in den Vereinigten Staaten weiter Kunst zusammenträgt: Mit Tom Wesselmann, Man Ray oder Jim Dine setzt er die Tradition des Vaters fort. Mit dem Dokumentarfilm „In the Name of the Art“ setzte J. P. Friberg Teto Ahrenberg bereits ein Jahr nach dessen Tod ein Denkmal.

Sucht man heute in Stockholm nach Spuren des legendären Sammlers und Mäzens, muss man ins Nationalmuseum gehen, um dort etwa den großen papiernen „Apollon“ von Matisse aus dem Jahr 1953 wiederzuentdecken: Man hatte ihn zwangsversteigert. An dem von Le Corbusier und Ahrenberg auserkorenen Bauplatz für das „Palais Ahrenberg“ - ganz in der Nähe des berühmten Stadshuset, mit Blick auf den Schärenarchipel der Ostsee - steht heute statt eines spektakulären Museumsbaus eine öde Tankstelle.

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