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New Yorker Auktionen : Im warmen Regen der Superlative

  • -Aktualisiert am

Der Hunger nach Qualität ist ungebrochen: Bei den New Yorker Auktionen sonnt sich der Markt für die Gegenwartskunst in seiner Finanzstärke. Es hagelt Rekorde für Künstler und Auktionshäuser.

          Die New Yorker Abendauktionen zeitgenössischer Kunst diese Woche waren höchst erfolgreich. „Ich habe so wild gestikuliert“, sagte Auktionator Christopher Burge von Christie's am Dienstagabend in bester Laune, „dass ich einen Manschettenknopf verloren habe.“ In weniger als zwei Stunden hat Christie's 325 Millionen Dollar umgesetzt (ein Ergebnis innerhalb der Gesamttaxe) und damit den zweithöchsten Umsatz der Auktionsgeschichte erzielt (nur übertroffen von der Auktion der Gemälde von Adele Bloch-Bauer vor einem Jahr). Nur fünf von 67 Losen blieben unverkauft.

          Größer noch war die Freude bei Sotheby's. Nachdem sich die Auktion mit Impressionisten und Moderne hier in der vorigen Woche als enttäuschende Veranstaltung entpuppt hatte, waren die großartigen Ergebnisse bei den Zeitgenossen umso erstaunlicher. Mit 315 Millionen Dollar (oberhalb der Gesamttaxe) feiert Sotheby's den höchsten Umsatz der mehr als 250 Jahre alten Firmengeschichte. Von 71 Losen fanden 65 einen Abnehmer. Lisa Dennison, bis vor kurzem Direktorin des Guggenheim Museum und nun bei Sotheby's angestellt, fasste sich kurz: „Ich bin verzückt.“ Auktionator Tobias Meyer sah sich wieder einmal bestätigt, dass weltweit Hunger auf Kunst von hoher Qualität herrsche.

          Steile Preise

          An jedem Abend gab es steile Preise: Es hagelte Rekorde für Skulpturen von John Chamberlain, Richard Serra, Sol Lewitt, Walter de Maria, Matthew Barney und Anish Kapoor, ganz zu schweigen von Jeff Koons, der Damien Hirst den Rang als höchstbezahlten zeitgenössischen Künstler abgelaufen hat. Auch Arbeiten auf Papier schwangen sich durch die Bank in schwindelnde Höhen, sei es von Eva Hesse, Robert Ryman oder Richard Diebenkorn. Andy Warhols „Suicide“ (Taxe 3,5/4,5 Millionen Dollar), ein Siebdruck-Unikat auf Papier, ging bei Sotheby's für 4,6 Millionen Dollar an die Schweizer Kunsthändlerin Doris Ammann. Nicht viel später kletterte der Preis für einen blauen Rothko auf Papier bis auf sieben Millionen Dollar, das Doppelte der unteren Taxe.

          Sensationell bewies sich die allgemeine Wertschätzung für Malerei, zum Beispiel von Richard Prince: Im Jahr 2003 hat der Künstler zwanzig „Nurse Paintings“ in der Barbara Gladstone Gallery enthüllt, die er in Schundromanen aus dem Krankenhausmilieu entdeckt und verfremdet hat. Die Krankenschwestern kosteten damals in der Galerie zwischen 45 000 und 85 000 Dollar. Allein in dieser Woche sorgten zwei von ihnen bei den Abendauktionen für Furore: Phillips, de Pury & Company hat seine „Registered Nurse“ (F.A.Z. vom 3. November) für 3,8 Millionen (1,5/2,5 Millionen) an den Mann gebracht, und Christie's hat „Piney Woods Nurse“ (1,8/2,2 Millionen) gar für atemberaubende 5,4 Millionen Dollar an den Londoner Galeristen Jay Jopling verkauft und damit einen neuen Rekord für Prince aufgestellt. Das entspricht ungefähr einer Wertsteigerung von zehntausend Prozent in vier Jahren.

          Rothko geht nach Asien

          Christie's machte in dieser Woche den Auftakt mit einer Sonderauktion aus dem Nachlass des Galeristen und Sammlers Allan Stone. Seinen weitgefächerten Interessen entsprechend spannte das Angebot einen Bogen von Jugendstilmöbeln bis zu afrikanischer Skulptur, bestand jedoch hauptsächlich aus Kunstwerken von Stones Zeitgenossen wie Willem de Kooning, John Chamberlain und Wayne Thiebaud. Die überzeugenden Ergebnisse zerstreuten jegliche Zweifel an der Stärke des Kunstmarkts. Thiebauds buntes Stillleben mit sieben Lutschern, „Seven Suckers“ von 1970, konnte die obere Taxe mit einem Zuschlag bei vier Millionen Dollar mehr als verdoppeln - ein Rekord für den Künstler.

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