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Münchner Herbstauktionen : Acht Blätter für ein kleines Vermögen

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Die Münchner Auktionshäuser Hartung & Hartung und Ziska & Schauer haben ihre Herbstauktionen beendet. Die wichtigsten Ergebnisse.

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          Wie gründlich Auktionskataloge studiert werden, beweist der Ansturm auf ein stockfleckiges, ausgefranstes, nur acht Blätter umfassendes Heftchen, dem Hartung & Hartung gerade mal fünf Zeilen Beschreibung gewidmet hatte und einen Wert von 200 Euro zumaß. Doch „Dada-Jok“, eine parodistische Anti-Dada-Zeitschrift, erschienen 1922 in Zagreb und über die erste Nummer nie hinausgekommen, ist offenbar ein gesuchtes Desiderat: Schon vor der Auktion ließen keineswegs nur aus Kroatien eingehende Nachfragen und Aufträge Gutes ahnen, und tatsächlich rauschten die wenigen Seiten im Nu auf 18.000 Euro und in den deutschen Handel.

          Bücher aus dem 15. und 16. Jahrhundert

          Seltenheit ist bei Druckwerken keine Garantie für guten Verkauf, kann aber Wunder wirken. Aus der Manuskriptabteilung zu Auktionsbeginn stach eine alle drei Hauptwerke Vergils enthaltende lateinische Handschrift hervor, die eine Entstehung um 1450/60 im Umkreis des Mailänder Hofes nahelegt und von amerikanischem Handel mit 65.000 Euro (Taxe 50.000) honoriert wurde. Reges Interesse fand auch eine Privatsammlung von mehr als dreißig hübschen Stammbüchern. Das älteste, 1569 begonnen, mit hinreißenden Malereien versehen und von seinem Besitzer durch halb Europa mitgeführt, nahm ein Privatsammler für 15.000 Euro (6000).

          Insgesamt 85 ausgezeichnete Inkunabeln riefen spezialisierte Sammler auf den Plan, die den Handel in die Knie zwangen. Allen voran Johannes Niders „vierundzwanzig goldene Harfen“ in Erstausgabe, noch vor 1470 von Johann Bämler in Augsburg gedruckt und im 16. Jahrhundert in einen Prägeband mit vergoldetem Wappen der Freiherren von Wolkenstein gehüllt. Das exzellent erhaltene Buch bekam ein inländischer Sammler gegen amerikanischen Handel für 32.000 Euro zugeschlagen (10.000).

          Briefe Friedrich des Großen

          Weil das Exemplar in plano vorlag, die prachtvollen großformatigen Abbildungen also nicht wie sonst vertikal gefaltet waren, schnellten Isidor Helmans um 1788 erschienene „Faits mémorables des Empereurs de la Chine“ von 2000 auf 27.000 Euro, bewilligt von einem Münchner Antiquar.

          Hingegen verdankt sich die Karriere von Robustiano Gironis „Toletta delle dame greche . . .“ aus dem Jahr 1825 vor allem ihrer Provenienz: Aus der Bibliothek der Erzherzogin Sophie von Österreich stammend schaffte sie 17.000 Euro (3000). War hier ein deutscher Händler erfolgreich, konnte sich die öffentliche Hand einen anderen Leckerbissen sichern: Friedrichs des Großen Korrespondenz mit seinem Kammerdiener Fredersdorf in knapp neunzig Schriftstücken bekam eine vorerst noch ungenannte Institution knapp unter der Taxe für 45.000 Euro.

          Arabische Kunst ist gefragt

          Bei Zisska & Schauer machte sich ein erfolgreicher arabischer Schwerpunkt schon beim fünften Los der Herbstauktion bemerkbar: Für ihre Sammlung orientalischer Manuskripte erwarb da die Bayerische Staatsbibliothek neun Koran-Blätter aus einer Kufi-Handschrift des 9. Jahrhunderts für taxgerechte 40.000 Euro. Dann nahm niederländischer Handel eine hübsche, kaum mehr als hundert Jahre alte Messing-Armillarsphäre mit Himmelsglobus und arabischer Beschriftung für 17.000 Euro statt 4000 Euro.

          Und den Höchstzuschlag, er steckte in einer umfangreichen Bibliotheca orientis, notierten die Aufzeichnungen des Bologneser Reiseabenteurers Ludovico de Vartema. Als Muslim verkleidet, betrat er als erster Europäer Mekkas Heilige Stätten, kam bis Indien und Sumatra. Das Exemplar der zweiten deutschen Ausgabe von 1516 hob massives Händlerinteresse auf 81.000 Euro (50.000). (Zum fast fünffachen Preis steht es jetzt bereits im Katalog eines österreichischen Antiquariats.)

          Als Karten-„Inkunabel“ wechselte die 1598 in Amsterdam nach Cornelis de Houtmans Ostasien-Expedition gedruckte Karte der Javasee zwischen ihren Inseln für 32.000 Euro in den belgischen Handel. Ihre Taxe von 1200 Euro war reines Lockfutter, ermöglicht durch die limitlose Privateinlieferung aus bereits Ende des 19. Jahrhunderts veräußerten Beständen der Bayerischen Armeebibliothek. So konnte auch der berühmte „Leo Hollandicus“ - die Hollandkarte in Löwengestalt - von 2000 auf 25.000 Euro preschen, die belgische Löwenkarte landete ebenfalls dort (4000).

          Seine „Versuche über Pflanzenhybriden“ machten Gregor Mendel zum Begründer der Genetik, und sein 1866 veröffentlichter Urtext zum Fach kann Sammlern durchaus 40.000 Euro wert sein (25.000). Weitere Highlights trugen Wappensupralibros Ludwigs XV. auf ihren Prachteinbänden: Tafelwerke des Cabinet du Roi, mit dem der König die Regierungszeit seines Vaters Ludwig XIV. verherrlichte, ließ sich ausländischer Handel 34.000 Euro (12.000) und 21.000 Euro (8000) kosten.

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