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Münchner Ergebnisse : Ach, Joseph

  • -Aktualisiert am

Werke der Moderne sorgten beim Auktionshaus Karl & Faber für den Löwenanteil am Umsatz. Zum Star wurde jedoch eine Kopfstudie des jungen Joseph aus dem 19. Jahrhundert.

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          Zum Saisonabschluss hielt Karl & Faber in München nochmals ein paar Dinge aus der amerikanischen Sammlung Fishman in petto, die mit deutscher Kunst der Zwischenkriegszeit im Haus kürzlich für aufregende Stunden gesorgt hatte.

          Jetzt war Neueres dran, insbesondere zwei tellerähnliche „Antiplats“, auf denen Joan Miró 1956 ein lustiges Allerlei und ein schwarzes Mondgesicht aus keramischen Fundstückchen und Farben arrangierte und die für 58.000 und 46.000 Euro, etwas oberhalb ihrer Schätzungen, an Händler in Kalifornien und in Frankreich gingen. Das Kapitel Klassische Moderne schloss in der zweitägigen Auktion am besten ab mit seinem Hammerpreisresultat von 73 Prozent der addierten Untertaxen.

          Dass in Alfons Waldes Tiroler Bergdörfern eigentlich Schnee liegen muss, damit die Gebote sich überschlagen, belegte sein Bild „Dorfsommer (Oberndorf)“, das zwar Spitzenlos wurde, aber österreichischem Handel mit 170.000 Euro nicht die volle Schätzung abverlangte.

          Ebenfalls im Sommer, vor einem Gewitter, malte Pechstein eine sattgrüne Wiesenlandschaft in Pommern, die ins Werkverzeichnis aufgenommen werden soll und 48.000 Euro (Taxe 45.000/ 50.000) erzielte. Die „Nr. 4“ aus Jawlenskys letzter großer Werkgruppe, den „Meditationen“ mit ihren auf Kreuzform reduzierten Gesichtern, spielte 52.000 Euro (30.000/40.000) ein, und Willi Baumeisters mit Öl und Lack gemalte archaische Formen, genannt „Kleine Nautika“, wechselten für erwartete 80.000 Euro in den Kunsthandel.

          Gerüchte im Auktionssaal

          Wenn eine kleine Bleistiftzeichnung, deren Urheber unidentifizierbar scheint, von 300 Euro auf 32.000 Euro klettert, haben einige Leute mehr gewusst als der Katalog. Das fleckige Blättchen trägt eine schöne Kopfstudie des jungen Joseph, ganz so wie Friedrich Overbeck ihn 1816 in der römischen Casa Bartholdy freskierte, nur seitenverkehrt ausgeführt.

          Es trägt das Monogramm „OF“ und die Datierung „1831“, weshalb der Katalog vermutet, die zehn Jahre zuvor erschienenen Reproduktionen von Overbecks Werken könnten als Vorlage gedient haben. Aber kurz nach dem spannenden Bieterstreit zwischen einem Händler im Saal und zwei Telefonen, den ein Sammler in Hessen für sich entschied, kursierte die Information, Overbeck-Spezialist Jens Christian Jensen habe das Blatt als eigenhändiges Werk des Nazareners bestätigt.

          Schloss Harlaching für London

          Und die Datierung könne der Künstler zu dem Zeitpunkt vorgenommen haben, als er die viel früher entstandene Studie verschenkte. Auch Martin Grässle, Direktor von Katrin Bellingers Münchner Niederlassung, kaufte an diesem Auktionstag viel und günstig ein, oft im Auftrag: Die prachtvolle Ansicht von Schloss Harlaching etwa, die Johann Georg von Dillis aquarellierte, ergatterte er bei 27.000 Euro (30.000/35.000) für einen Londoner Sammler.

          Das vom selben Künstler partiell unfertig gelassene und dadurch besonders luftige und reizvolle Aquarell „Maising bei Starnberg“ musste er jedoch bei 11.000 Euro (3000/3500) dem Overbeck-Käufer lassen. Ebenfalls einen schönen Aufstieg erlebte in der Partie zum 19. Jahrhundert auch Adrian Ludwig Richters 1826 gezeichneter Blick auf das Kolosseum in Rom, der von 800 auf 4400 Euro kletterte.

          Ein Schnäppchen fürs Metropolitan Museum

          Bei der zuvor versteigerten Alten Kunst setzte Cranachs Holzschnitt „Christus und die Samariterin am Brunnen“ früh einen guten Akzent mit dem Zuschlag bei 16.000 Euro (um 11.000). Im flüssig abgesetzten Dürer-Angebot fand das „Ecce homo“ mit kräftiger Farbgebung des Koloristen „HWG“ gebührende Anerkennung durch ein Sammlergebot aus Frankreich in Höhe von 11.000 Euro. Auktionator Rupert Keim freute sich über neue Sammler, die Schongauers Kupferstich „Anbetung der Könige“ für 32.000 Euro (18.000/25.000) erwarben und für erwartete 20.000 Euro Rembrandts „Sitzenden männlichen Akt“ nahmen, der schnell zum begehrten Sammlerstück avanciert war, nachdem die Platte früh verloren ging.

          Ein regelrechtes Schnäppchen gelang dem New Yorker Metropolitan Museum, in dessen Auftrag Grässle auf eine große Rarität bot, nämlich ein Blatt vom sogenannten Meister des Kurpfälzischen Skizzenbuchs: Der vermutlich aus den Niederlanden stammende, in Heidelberg und Umgebung tätige Künstler zeichnete die weite bewaldete Gebirgslandschaft mit einer Mühle am Fluss und einer Burg auf dem Berg zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Das Engagement deutscher Museen blieb mal wieder aus und so musste das Metropolitan nicht mehr als die extrem günstige Taxe von 5800 Euro investieren für dies Blatt, dem Kenner einen deutlich höheren Wert zusprechen.

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