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Moderne und zeitgenössische Kunst : Ein "Union"-Brikett macht schon eine Feuerstätte

In Köln hält Lempertz die Frühjahrsauktionen mit moderner und zeitgenössischer Kunst ab: eine Vorschau auf das Angebot.

          3 Min.

          Mit insgesamt mehr als 800 Losen bestreitet Lempertz seine Auktionen moderner und zeitgenössischer Kunst am 28. und 29. Mai. Es ist einmal mehr das Frühjahrs-Derby der beiden großen Kontrahenten, das zwischen der Villa Grisebach in Berlin und dem Kölner Kunsthaus ausgetragen wird. Herausragend unter den gut 300 Positionen der Moderne-Abteilung bei Lempertz ist eine gerade 24 mal 30,5 Zentimeter messende Gouache von Fernand Léger aus dem Jahr 1914: Das monogrammierte und datierte Blatt in seiner noch dem Kubismus verpflichteten Tektonik gehört in Légers Serie "Le Village" und weist in der Vorprovenienz die Galerien Louise Leiris in Paris und Beyeler in Basel auf. Wohl aus amerikanischem Privatbesitz eingeliefert, beläuft sich seine Schätzung jetzt auf 600.000 bis 700.000 Euro.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          In der alphabetischen Ordnung des Lempertz-Katalogs begegnet man schon 120 Nummern zuvor einem Öl auf Malkarton von Heinrich Campendonk: "Abend im Dorf" von 1912 ist eine Idylle aus Bayern, schönfarbige Hommage an die Hinterglasmalerei, im Format von knapp 36 mal fünfzig Zentimetern (Taxe 300.000/400.000 Euro). Ein Jahr später entstand das bisher unbekannte Aquarell "Paar", das seine Frau Adda und Campendonk selbst in sinnlicher Innigkeit als Ganzfiguren darstellt (70.000/ 80.000). Noch dem expressionistischen Gestus in einem spannungsreichen Übergangsstadium, nämlich zur Abstraktion hin, verpflichtet ist Max Pechsteins Gemälde "Stillleben mit Fächer" aus dem Jahr 1918, das aus langjährigem norddeutschen Privatbesitz stammt (350.000/ 400.000).

          Vierbeiner am Strand

          Eine Suite von fünf Nolde-Aquarellen, die von den zwanziger bis in die vierziger Jahre datieren, komplettiert dieses Segment deutscher Malerei (Taxen von 70.000/90.000 bis 220.000/250.000 Euro). Es setzt sich fort in vier südlichen Landschaften von Hans Purrmann, darunter die in den Kriegsjahren 1943/44 entstandene "Kirche von Castagnola"; seit 1943 lebte Purrmann in dem Ort im Tessin (70.000/100.000). Oder eine späte "Landschaft bei Sorrent", die er 1952 gemalt hat (55.000/65.000). Einen Ausklang gleichsam liefert die "Jazzkapelle" von Otto Dix. Das relativ große Gemälde aus dem Jahr 1954 illustriert den Neubeginn im Schaffen des Künstlers nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (75.000/80.000). Ganz bezaubernd ist ein "Reitesel am Strand nach links" vor Meereswogen und Horizont, den Max Liebermann im Jahr 1900 während seines Sommeraufenthalts in Scheveningen in Öl auf Karton bannte (40.000/45.000).

          Mit einer Schätzung von 65.000 bis 70.000 Euro firmiert die "Abstraktion 26, zarte Symphonie" von Kurt Schwitters, in der er harmonisch mit schwebenden Kugel- und Kreisformen spielt. Aus dieser Werkgruppe der "Abstraktionen", die 1918/19 von Herwarth Waldens Galerie "Der Sturm" in Berlin ausgestellt wurden, sind nur ganz wenige noch bekannt. Und dann ist da noch eine Entdeckung zu verzeichnen: ein Skizzenbuch Ernst Ludwig Kirchners aus den Jahren 1921 bis 1923/1925. Das knapp 22 mal achtzehn Zentimeter große, schwarze Wachstuchheft mit neunzig Blättern, also 180 Seiten, ist nicht in Gerd Preslers 1996 erschienenem Werkverzeichnis der Skizzenbücher Kirchners verzeichnet, weil es erst jüngst aus, zuletzt französischem, Privatbesitz zutage kam. Die 95 Zeichnungen darin finden zum Teil motivische Entsprechungen in Kirchners Werk. Die Erwartungen für die Rarität liegen bei 40.000 bis 60.000 Euro.

          Ein Hirst aus Südkorea

          An die Tête der rund 500 Lose mit Gegenwartskunst am 29. Mai hat sich der unvermeidliche Damien Hirst geschoben, mit einem seiner Punkte-Bilder - "Dicetyl Phosphate" von 2005, immerhin in den Dimensionen von gut einem halben mal einem Meter -, das nach der Gagosian Gallery eine Privatsammlung in Südkorea als Herkunft kennt: 400.000 bis 550.000 Euro lautet die Erwartung für die Arbeit des globalen Marktheros. Zuvor aber ließe sich schon mehr geschmackliche Eigenständigkeit beweisen, wo etwa John Baldessari einen großformatigen Winkel aus teils mit Acryl überarbeiteten Fotodrucken geschaffen hat: "The Overlap Series: Building (with Two Cars) and Goat Eating Dynamite" von 2001 ist mit 270.000 bis 300.000 Euro ausgezeichnet. Eine Folge von sechs Arbeiten Antonio Calderaras ist zu entdecken; seine zartfarbenen geometrischen Träume kosten, je nach Format und Beschaffenheit, von 1500 bis 25.000 Euro.

          Ein paar Seiten weiter findet sich, als drastische Gegenposition, die lustige "A la mer"-Szene, die der wilde William Copley im vorsätzlich naiven Stil um das Jahr 1960 in der Art einer Souvenirpostkarte gepinselt hat (20.000). Von Jörg Immendorff sind sieben Lose im Zeitgenossen-Katalog aufgeführt: An ihrer Spitze steht die 220 Zentimeter hohe Bronzeplastik eines "Wächters" von 1989 (Exemplar 4/6) mit 150.000 Euro, gefolgt von der gut einen Meter hohen bronzenen "Fortuna-Läuferin auf der Weltkugel" aus demselben Jahr, die ein Unikat ist, mit 140.000 Euro. Und wie hübsch reckt sich Immendorffs Blüte mit der kleinen Raupe auf dem Stengel gerade vierzig Zentimeter hoch als Trost "Für dunkle Tage" (Exemplar 28/65; 5500). Jürgen Klauke hat auch starke Auftritte - mit seiner zweiteiligen Fotoarbeit "Rotperformance" von 1974 (Unikat; 20.000/25.000) und mit der siebzehnteiligen schwarzweißen "Konfrontation" von 1977 (Auflage wohl 3; 18.000/20.000).

          Fast eine eigene Abteilung bilden die Nummern 858 bis 906, sämtlich Papierarbeiten Sigmar Polkes aus der Sammlung Carl Vogel: Die Gouachen verlangen bis zu 40.000, die Fotografien bis zu 15.000 Euro. Inmitten einer starken Beuys-Suite ruht ein kleines "Schaf", vom Künstler 1949 als Relief in Platanenholz geschnitzt; es kommt, von Beuys direkt übernommen, aus Düsseldorfer Privatbesitz und wird seiner Schätzung von 70.000 bis 100.000 Euro gewiss alle Ehre einlegen. Eines von wohl sechs in Folie eingeschweißten "Union"-Briketts - von Beuys mit rotem Filzstift "für Feuerstätte" betitelt - aus der Edition Staeck ruht noch in seiner Original-Holzkiste: 10.000 bis 12.000 Euro lautet die zündende Preisvorstellung.

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