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Moderne und Gegenwartskunst : Einmal so schlafen wie Captain Kirk

  • -Aktualisiert am

In Wien haben die Italiener das Sagen: Bei den Auktionen mit Moderne, zeitgenössischer Kunst und Jugendstil im Dorotheum offenbart sich die erfolgreiche Akquise im Nachbarland.

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          Im elegant ausstaffierten Franz-Joseph-Saal lässt das Dorotheum derzeit die großformatigen Höhepunkte seiner kommenden Auktion mit zeitgenössischer Kunst auftreten. Die interessant durchmischte Gegenwartsofferte kommt vom 16. bis 20. Mai gemeinsam mit den Sparten Klassische Moderne, Design, Jugendstil und Silber unter den Hammer.

          Eine konzeptuelle Inversion von Nagelbrett und Leinwand wurde dabei ins Zentrum der Präsentation gerückt: Der 1930 in Italien geborene Künstler Enrico Castellani schuf 1963/64 das weiße Objektbild „Superficie bianca n. 22“, bei dem durch Nägelabdrücke ein rasterhaftes Relief mit feinen Licht- und Schatteneffekten entsteht. Das Werk, das laut Aufkleber 1965 auf der Biennale São Paulo ausgestellt wurde, ist auf 300.000 bis 400.000 Euro geschätzt.

          Die Akquise-Filialen in Italien hatten wieder Erfolg: Zu Castellanis Mitstreitern zählte auch Agostino Bonalumi, von dem das poppig glänzende Wandobjekt „Rosso“ mit auskragenden Halbkreisen aus Glasfaserkunststoff von ihm mit knallroter Emailfarbe bemalt wurde (Taxe 90.000/120.000 Euro). Einen ganz anderen Eindruck vermittelt sein mattes, längliches Bild „Blu“, das einer gewellten Stoffbahn gleicht (40.000/ 60.000). Von Fontana liegt ein Terrakottabild mit neun Löchern und eingeritzter Signatur (50.000/70.000) aus den fünfziger Jahren vor.

          Der bereits 1964 verstorbene Künstler Tancredi war wie Fontana ein Vertreter des Spazialismo. Er schuf 1955 mit breiten Pinseln eine reizvolle Mischtechnik, in die er gestische Kreiselemente nicht nur malte, sondern auch ritzte (180.000/250.000). Von Eduardo Paolozzi, dem Briten mit Italowurzeln, stammt die zwei Meter hohe Alu-Plastik „Parrot“ (70.000/100.000). Fabrizio Plessis Videoskulptur mit Terrakotta-Amphore wurde 2001 realisiert (60.000/90.000).

          Das farbenprächtige Spätwerk „Houm-Souk“ von Asger Jorn soll 70.000 bis 100.000 Euro einspielen. Noch rasantere Expressivität drückt Immendorffs Großformat „Hörerwunsch“ von 1983 aus, das der Ost-West-Serie „Café Deutschland“ entstammt (140.000/ 180.000). In der Vergangenheit erfolgreich, wird nun noch ein Bild aus Kiefers Bleibildserie „Die Ungeborenen“ angeboten (90.000/120.000). Von Peter Doig soll das Aquarell „High-Way 2“ den Besitzer wechseln (70.000/80.000). Und sogar drei chinesische Werke hat das Dorotheum zu bieten: etwa Feng Zhengijes Neo-Pop-Bild „Chinese Portrait“ (50.000/70.000).

          Patriarchale Macht im Entwurf

          Aus der österreichischen Gegenwartskunst reizt das Objektbild „Die Sonne“ in sattem Gelb-Grün, das der diesjährige Preisträger des Goldenen Löwen von Venedig Franz West 1996 signiert hat (45.000/55.000). Auf einer zwei mal drei Meter großen Leinwand und auf ein Malhemd hat er 1990 sakrales Violett verschüttet (32.000/40.000). Aus einer jüngeren Generation ist Elke Krystufek mit dem radikalen Selbstporträt „Angry atomic Elke“ vertreten (20.000/26.000), und Erwin Wurm hat 1989 als Unikat einen Trenchcoat in eine Vitrine gebettet (18.000/24.000).

          Ein Höhepunkt der Klassischen Moderne ist Jawlenskys abstraktes Gesicht: Die schön gerahmte moderne Ikone lässt an die trauerverhangenen Gesichter altrussischer Kunst denken. Das Ölbild ist auf 200.000 bis 300.000 Euro geschätzt. Eine „Wasserburger Landschaft mit Häusern und Wiese“, bei der Jawlensky die Leinwand ohne Grundierung als Effekt nutzt, wird für 180.000 bis 280.000 Euro angeboten.

          Von seinem Kollegen Paul Klee stammt das 1913 ungeheuer zart aquarellierte „Seeufer bei Regen“ (180.000/220.000). Sein letztes Gemälde „Der Bauer“ konnte Albin Egger-Lienz 1926 nicht mehr vollenden; auch beim vorliegenden Entwurf verströmt die beinah gesichtslose Zentralfigur patriarchale Macht (380.000/450.000). Von Alfons Walde wird ein tadelloser „Aufstieg“ aufgerufen (250.000/350.000), und auch drei Klimt-Zeichnungen finden sich im Angebot, darunter eine „Schlafende“ um 35.000 bis 50.000 Euro.

          Ein Sessel von Daniel Libeskind

          Reich präsentiert sich die Design-Sparte, die bereits mit Loos und Hoffmann einsetzt. Von Perriand und Prouvé ist ein „Antony“-Hängeregal dabei (17.000/ 19.000). Der weiße Fiberglastisch in 5,5 Meter Länge nach einem Entwurf von Wendell Castle aus den siebziger Jahren mit gewagten Beinen (38.000/45.000) wurde 2006 produziert. Die Graft-Designer lassen ihren aktuellen weißen „Phantom“-Tisch hingegen wie ein erstarrtes Tischtuch aussehen (30.000/40.000). Über beiden Tafeln könnten Ettore Sottsass' Neonlampen aus rosa oder hellblauem Plastik hängen (je 10.000/15.000). Mehr die Anmutung eines Kunst- denn eines Designobjekts hat die „First Supper Bench“ von Jerszy Seymour, die mit Kunststoffwachs in Gelb, Rot, Grün übergossen wurde (25.000/30.000).

          Das Originalbett von Captain Kirks „Enterprise“ stand 1979 in den Paramount Studios (5000/7000). Wer noch immer für riesige Hifi-Boxen schwärmt, der wird an Ross Lovegroves verchromtem Paar „Muon“ seine Freude haben (60.000/80.000). Noch mehr Spiegelung bietet Daniel Libeskinds kristallin geformter Sessel „Altair“ (26.000/32.000) sowie sein dekonstruktivistisches „Tea & Coffee Set“ aus Sterling Silver (70.000/80.000). Silber dominiert auch die Jugendstil-Auktion, wo eine raffiniert eckige Zuckerdose mit Hammerschlagdekor von Josef Hoffmann um 1904 lockt (30.000/50.000). Eine hochelegante St. Petersburger Deckelterrine mit dem Monogramm von Zarin Katharina II. führt das russische Silber an (30.000/40.000).

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