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Moderne und Gegenwartskunst : Berliner Exkursion in die Gegenwart

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Der Villa Grisebach fehlt für ihre Frühjahrsauktionen das traditionelle Spitzenlos der Klassischen Moderne. Jetzt sollen die Zeitgenossen punkten.

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          Die Akquisition von Werken der Klassischen Moderne und besonders des Expressionismus, traditionell der Schwerpunkt der Villa Grisebach in Berlin, ist schwieriger geworden. Deshalb findet sich im Katalog in dieser Saison kein Millionenlos von Nolde oder Beckmann. „Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Kunstwerke immer schwerer verfügbar werden“, sagt Micaela Kapitzky, die Geschäftsführerin des Hauses: „In Anbetracht der aktuellen Strömung hin zu Sachwerten und hin zur intellektuell, optisch und emotional reizvollen Alternative der Investition in Kunst ist der Gedanke des Verkaufens nur für einen begrenzten Kreis interessant.“

          Mehr als sonst liegt das Augenmerk auf der zeitgenössischen Kunst. Ein eigener Katalog „Contemporary Art“ mit 23 Losen von Konrad Klapheck bis Olafur Eliasson und Anselm Reyle kommt am 4. Juni, gleich im Anschluss an die siebzig Lose der Abendauktion mit Ausgewählten Werken, zum Aufruf - und dort ist das Los mit der höchsten Schätzung überhaupt zu finden: Es handelt sich um ein fast zwei Meter hohes Ölbild von Sean Scully mit dem Titel „Grey Fold“ von 2005, das aus einer britischen Privatsammlung eingeliefert wurde (Taxe 350.000/450.000 Euro). Die zehn aufeinandergetürmten Blöcke umspannen ein melancholisches Farbspektrum von warmem Hellgrau über Rehbraun bis zu weichem Schwarz.

          Auch die Düsseldorfer Künstlerriege ist vertreten mit Uecker, Graubner, A.R. Penck und Imi Knoebel. Von Klapheck stammt ein Werk aus der Familie der Fahrradschellen, „Vier Lebensstile“ von 1962 (100.000/150.000). Drei Arbeiten von Gerhard Richter sind im Angebot, darunter ein 65 mal 50 Zentimeter großes „Abstraktes Bild“ in Öl auf Alu-Dibond von 2004 aus einer amerikanischen Privatsammlung (300.000/ 400.000). Aufmüpfiger, wilder und triefender gibt sich ein abstraktes Werk ohne Titel von Albert Oehlen, das nach seinem Umzug nach Spanien 1988 entstand (150.000/ 200.000).

          Auch eine Arbeit auf Papier von Sigmar Polke ist dabei, die Motive wie eine Nackte an einem Balkongeländer und die Silhouetten gaffender Männer in Gouache, Sprühlack, Glitter und Cut-Out übereinander lagert (40.000/60.000). Neo Rauchs mehr als zwei Meter breite Landschaft „Hauptgebäude“ von 1997 wirkt fast abstrakt, doch es handelt sich bei den menschenleeren Flächen in Blaugrau, Hellblau und Anthrazit um Ausschnitte des Himmels und verschiedene Parkplätze. Dazwischen strecken sich Baracken in die Länge und verweisen auf mysteriöse Tätigkeiten, die mit Waffen oder anderen unguten Entwicklungen in Verbindung stehen könnten (200.000/300.000).

          Muellers „Weiblicher Akt in den Dünen“

          Zu den Juwelen bei der Klassischen Moderne gehört Franz Marcs kaum mehr als postkartengroßes Aquarell „Rotes und blaues Pferd“ von 1912, eine Studie zum Gemälde im Lenbachhaus in München, die jetzt zum ersten Mal im Kunsthandel auftaucht (150.000/200.000). Max Liebermann hat einen „Kinderkopf“ gemalt, der ihm 1876 als Studie zu seinem Gemälde „Die Geschwister“ diente. Seinem pastosen Spätwerk ist eine Ansicht seines „Nutzgartens in Wannsee nach Nordosten“ zuzurechnen, die den Garten um 1929 so zeigt, wie er jetzt als Teil der Liebermann-Villa rekonstruiert zu besichtigen ist (je 100.000/150.000).

          Breit gefächert ist das Angebot an Druckgrafik, das feine Blätter von Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff, Nolde, Beckmann und Picasso umfasst. Der weibliche Akt, dieses ewige Faszinosum, wurde in Bronze von Gerhard Marcks und Georg Kolbe festgehalten, auf Papier von Klimt, Schiele, Kirchner und Chagall, in Öl von Corinth und Otto Mueller - Letzterer hat mit dem blauschattigen „Weiblichen Akt in den Dünen“ um 1911 vielleicht die Schriftstellerin Annemarie von Nathusius porträtiert (200.000/ 300.000). Der Katalog verzeichnet das Gemälde bis 2010 als Dauerleihgabe in der Kunsthalle Mannheim. Im Jahr 2009 war es auf der Art Cologne bei Beck & Eggeling mit einem deutlich höheren Preis angeboten worden.

          Eine Stadtansicht von Feininger

          Zu den Spitzenlosen zählen außerdem Jawlenskys meditativer „Abstrakter Kopf: Letzte Strahlen“ von 1931 (250.000/350.000) und Paula Modersohn-Beckers „Selbstbildnis mit gelbem Kranz“, auf dem sie wie eine blumengeschmückte bäuerliche Braut wirkt - vielleicht nicht ganz zufällig: Das Bild, in Tempera auf Pappe, stammt aus dem Jahr 1901, in dem sie den Maler Otto Modersohn heiratete (200.000/300.000). Ergreifend ist Lyonel Feiningers Spätwerk „Shadows of Dissolution (Dunkelgeahnte Auflösung)“ aus dem Jahr 1953, das seinen Titel einer Eingebung seines Künstlerfreunds Mark Tobey verdankt: Feininger, der als Sohn zweier deutscher Musiker zwar in Amerika geboren wurde, aber Deutschland zu seiner Heimat machte, bis die Nationalsozialisten ihn vertrieben, hatte sich 1953 längst wieder in New York etabliert.

          Doch vor seinem inneren Auge spukten immer noch die Silhouetten der Dörfer und Städte, die ihn als jungen und erwachsenen Mann so fasziniert hatten. Die 91 mal 76 Zentimeter große Leinwand basiert auf einer Straßenskizze aus Lüneburg, aber die Ansicht verschwimmt durch den flüchtigen Pinselstrich wie eine intensive, langsam verblassende Erinnerung (200.000/ 300.000).

          Private Bilder von Man Ray

          Silbergelatineabzüge mit Motiven von zweien der drei Feininger-Söhne sind bei der Fotografie am 3. Juni zu finden. Von T. Lux Feininger stammt ein spontanes Doppelbildnis der Bauhaus-Schüler Xanti Schawinsky und Erich Consemüller aus dem Jahr 1928 (2000/2500), während Andreas Feininger staunend das New York der vierziger Jahre dokumentierte (2500 bis 7000). Außerdem werden Fotos von Laszlo Moholy Nagy und Gisèle Freund, von Shirin Neshat, Thomas Struth und Wolfgang Tillmans versteigert.

          Bemerkenswert ist ein Konvolut künstlerischer und privater Bilder von Man Ray, die seine Begegnungen mit Picasso und Gertrude Stein, ein Schachspiel mit Marcel Duchamp und seine Frau Juliet in verschiedenen Posen und Kostümierungen festhalten; eine Albumseite mit elf Abzügen aus den sechziger und siebziger Jahren ist auf 3000 bis 4000 Euro taxiert. Im Jahr 1929 stilisierte Lotte Jacobi die Tänzerin Niura Norskaya unter einem breitkrempigen schwarzen Hut zur zeitlosen Ikone. Ein signierter Abzug aus den Siebzigern, vierzig mal fünfzig Zentimeter groß, ist auf 22.000 bis 25.000 Euro geschätzt und stellt damit das Spitzenlos der Fotografie.

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