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Moderne Kunst : Liebhaber aus zweifelhaftem Hause

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Bei Van Ham in Köln wird moderne Kunst versteigert. In der Auktion sind auch Kirchners „Akte im Wald“, einst im Besitz von Alfred Hess.

          Siebzig Jahre lang galt Kirchners Gemälde „Drei Akte im Wald“ aus dem Jahr 1912, das am 27. Mai bei Van Ham in Köln versteigert wird, als verschollen. Vermutlich wurde es zuvor nur ein einziges Mal öffentlich gezeigt, nämlich von dem Frankfurter Kunsthändler Ludwig Schames, der es 1919 in seinem Katalog als Nr. 21 noch unter dem Titel „Nackte Mädchen im Gehölz“ aufführte. Im Jahr 1968, als Donald Gordon sein Kirchner-Werkverzeichnis erstellte, stand neben einem Schwarzweißfoto des Bilds „Verbleib unbekannt“.

          Laut Auktionskatalog gelangte das Gemälde um 1918/19 in den Besitz des jüdischen Schuhfabrikanten und Sammlers Alfred Hess aus Erfurt, der es von Kirchners Gefährtin Erna Schilling in Berlin kaufte. Von da an ging das Werk nahezu denselben Weg wie Kirchners „Straßenszene“, deren Restitution 2006 an die Erbin von Hess aus dem Brücke-Museum eine heftige Debatte auslöste, zumal das Bild direkt anschließend bei Christie's in New York für 38 Millionen Dollar an Ronald Lauder versteigert wurde.

          Ein Gemälde auf verschlungenen Wegen

          Nach dem Tod von Alfred Hess 1931 brachte seine Familie die Kunstsammlung zwei Jahre später in die Schweiz in Sicherheit, wo sie erst in der Kunsthalle Basel und dann in der Schau „Neue deutsche Malerei“ im Kunsthaus Zürich gezeigt wurde. Einige Bilder der Sammlung - darunter die „Akte im Wald“ und die „Straßenszene“ - wurden 1936 von Zürich aus an den Kölner Kunstverein geschickt. Dort erwarb ein Sammler die „Akte im Wald“, wahrscheinlich ein Kölner Notar namens Sterck. Ob seine Bezahlung die Familie Hess jemals erreichte, konnte bislang nicht geklärt werden.

          Der aktuelle Einlieferer aus dem Rheinland hätte das Bild zur Versteigerung geben können, da keinerlei juristische Ansprüche bestehen. Aber er entschied sich für den Kontakt mit den Anwälten der Hess-Erbin Anita Halpin. Man einigte sich; ob dabei Geld geflossen ist, ist nicht bekannt. Van Ham verlautbart lediglich, dass „seitens der Familie Hess keinerlei Ansprüche geltend gemacht werden“. Das Bild stammt aus Kirchners Brücke-Zeit. Er malte es auf der Insel Fehmarn, begleitet von seiner Geliebten Erna Schilling: „Ich bestellte sie zu mir, um zu sehen, ob sie sich eignete resp. ihr Körper“, so Kirchner 1912; auf den „Akten im Wald“ zeigt er sie als vorderste Figur in „letzter Einheit von Mensch und Natur“. Die Schätzung liegt bei 400.000 bis 600.000 Euro.

          Blumen von Alexej Jawlensky

          Der weitere Blick in den Katalog lohnt sich: Bei der Klassischen Moderne besticht ein kleines spätes „Stillleben mit zwei blauen Vasen“, auf dem Jawlensky 1936 die Blüten mit dicken schwarzen Strichen umrahmte (Taxe 85.000/95.000 Euro). Die Riege der Expressionisten wird fortgeführt mit Otto Muellers grau-grünem traurigen Doppelporträt der Mädchen „Helga und Eva Goerger“ von 1917 (20.000/25.000) und einem comichaften Aquarell über die „Steinkohlezeit“ von Dix aus dem Jahr 1922 (40.000/50.000). Von Baumeister kommt aus Kölner Privatbesitz das „Relief-Bild farbig“ von 1953 (30.000/40.000). Poliakoffs Gouache „Composition rouge et grise“, um 1960, ist auf 35.000 bis 40.000 Euro geschätzt und trägt die Provenienz Galerie Berggruen.

          Nach 170 Losen kommt der Auftritt der Zeitgenossen. Das große Auge eines Kopffüßlers von Antes, 1968 in Acryl und Kohle auf Karton gemalt, blickt streng (26.000/28.000). Nach Keramik von Elvira Bach (2000/2500) zeigt sich ein „Profile with Flower“, von Donald Baechler 1994 collagiert (14.000/16.000). Bernard Buffet ist mit „Les Ramparts“ von 1976 vertreten; das 88 mal 130 Zentimeter große Gemälde ist mit einer Schätzung von 50.000 bis 60.000 Euro versehen. Eine charakteristische Papierarbeit von Sam Francis aus dem Jahr 1965 soll 40.000 bis 45.000 Euro einspielen.

          Anlässlich der ersten deutschen Retrospektive von Yves Klein im Museum Haus Lange in Krefeld in den sechziger Jahren entstand der IKB-pigmentierte Schwamm (20.000/30.000). Der „Liebhaber“ von Gregor Schneider ist ein Höhepunkt bei der Gegenwartskunst: Das minimalistische Mauerwerk-Objekt aus dem „Haus u r“ in Rheydt ist mit 25.000 bis 35.000 Euro ausgezeichnet. Bei den Skulpturen fällt Archipenkos „Feminine Solitude“ von 1921 auf (30.000/35.000). Die große vergoldete Immendorff-Bronze „Deutscher Adler“ von 1986 ist auf 25.000 bis 30.000 Euro geschätzt. Bei der Graphik kommt eine Reihe von Arbeiten Warhols zum Aufruf: Dass es sich bei der Serigraphie „Querelle C“ von 1982 um ein Unikat handelt, erklärt die Taxe von 80.000 bis 100.000 Euro.

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