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Moderne, Gegenwartskunst und Fotografie : Wenn das Holstentor psychedelisch wird

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Wie gut sich Prägnanz und Lockerheit vereinen lassen, zeigt Picassos getuschtes Profilporträt eines Mannes von 1943. Aber das ist keineswegs das höchst bewertete Los im Angebot von Van Ham in Köln.

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          Auch Max Pechstein gehörte zu jenen Künstlern, die am Beginn des 20. Jahrhunderts in die Südsee flohen, zu neuen Motiven, neuen Farben, neuen Gesten. Im Jahr 1913/14 besuchte Pechstein die Chogealls, eine dichtbewachsene Felskette bei den Palau-Inseln, nördlich von Papua-Neuguinea. Im Jahr 1917 entstand dann das Gemälde „Chogeall’s Palau“, von dessen Existenz man bislang allein durch einen Eintrag in Pechsteins Werkstattbuch wusste: Lange Zeit in einer belgischen Privatsammlung befindlich, wird dieses Werk nun von Van Ham in Köln am 2. Dezember aufgerufen, versehen mit einer Schätzung von 80.000 bis 120.000 Euro.

          Im selben Jahr entstand eine weitere Landschaft, allerdings von fraglos europäischem Kolorit: Lovis Corinth malte eine in milchiges Licht getauchte, ruhige Ansicht seiner ostpreußischen Heimatstadt Tapiau, die in sanften, wie ausgewaschenen Grün- und Brauntönen gehalten ist (Taxe 50.000/ 70.000 Euro). Von Max Ernst ist eine späte ungewöhnliche Collage im Angebot mit „La Vase de Lyon“, entstanden im Jahr 1972: Eine Schablone und ein Stück Tapete, auf einen leuchtend blauen Grund gesetzt, verbinden sich zu einem musikalisch anmutenden, abstrakten Dreiklang; die Erwartung liegt bei 130.000 bis 150.000 Euro.

          Mit einem Werk von Rudolf Bauer konnte Van Ham in der vergangenen Saison einen Auktionsrekord erzielen. Jetzt steht die Komposition „Yellow Square“ aus dem Jahr 1936/38 zu Gebote (100.000/120.000). Eine der seltenen Arbeiten von Gert Wollheim bildet den Abschluss des 222 Lose umfassenden Moderne-Katalogs.

          Es zeigt eine expressiv gestaltete, überbordende Kartenspielszene, die von groteskem Personal bevölkert wird (30.000/40.000): „Ihr sollt meine Bilder nehmen wie eine Kokosnuss“, dichtete der Außenseiter Wollheim einst, „Die auf den steifen Hut fiel euch / Und eine Dülle gemacht hat.“ Die teuersten Lose der Moderne finden sich diesmal bei den Papierarbeiten: Dort wird das in lockeren Linien getuschte Profilporträt eines Mannes von Picasso aus dem Jahr 1943 auf 160.000 bis 180.000 Euro geschätzt. Die gleiche Taxe gilt einer minutiös ausgeführten, frühen Gouache von Henri Rousseau.

          Zwei Skulpturen aus Frankfurt

          Bei den Zeitgenossen dominieren zwei Namen das Angebot mit Malerei: Andy Warhol und Gerhard Richter. In der Reihe mit deutschen Denkmälern – in der Warhol unter anderen den Hamburger Michel, den Berliner Reichstag und den Kölner Dom festhielt – ist das wie eine psychedelische Studie in grellem Pink flirrende „Holstentor“ vielleicht das markanteste Motiv (500.000/800.000).

          Eine Art Kontrapunkt dazu bildet Richters in Grün gehaltene Arbeit „641/1“ von 1987 (200.000/300.000): Zwei völlig unterschiedliche malerische Gesten treffen dort aufeinander, schillern auf der Grenze zwischen Gegenstand und reiner Farbe. Unter den Skulpturen markiert die monumentale, aus gebogenen Stahlrohren geformte Plastik von Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff, die gegenwärtig noch das Frankfurter Stadtbild ziert, mit einer Schätzung von 80.000 bis 120.000 Euro den Höhepunkt.

          Foto-Highlights von Penn und Steichen

          Auch ins Design wagt sich Van Ham in diesem Herbst vor und präsentiert ein Lampen-Objekt der 1950 in Bagdad geborenen Architektin Zaha Hadid. Das zwei Meter hohe „VorteXX“ wirkt wie direkt von der Animation am Computerbildschirm in den Raum gesprungen und leuchtet in allen Farben des Regenbogens (120.000/160.000). Ebenfalls in die dritte Dimension scheint sich die collagierte, von den Strukturen polnischer Holzsynagogen angeregte Papierarbeit „Bogoria Sketch“ aus der Serie „Polish Village“ von Frank Stella vorzuwagen, die auf 28.000 bis 35.000 Euro geschätzt ist.

          In der mit prominenten Namen und 440 Losen dicht besetzten Sektion Fotografie, die am Nachmittag des 8. Dezember aufgerufen wird, warten zwei markante Highlights: Mit Irving Penns eindringlichem Porträt von „Picasso“ aus dem Jahr 1957 wird eine Ikone unter den Künstlerbildnissen aufgerufen werden (22.000). In einem eigenen Katalog wird die „Selection from an American Collection“ angeboten; dort markiert die Spitze jene geradezu skulptural wirkende Ansicht eines Apfels von Edward Steichen, als früher Gelatineabzug, um 1921 (30.000/40.000).

          Die Liebe der Fotografie zur Bewegung belegt ein Konvolut von neun Einlieferungen zu Harold Edgerton (von 2000 bis 7500 Euro) – darunter so berühmte Motive wie „Accelerator Bullet Hits Apple“ von 1978, das mit 4000 Euro beziffert ist. Mit Andreas Gurskys schwebender Stadtansicht „Cairo“ aus dem Jahr 1992, geschätzt auf 35.000 bis 45.000 Euro, kommt man in der Gegenwart an.

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